Radio Rock Revolution

In den alten Zeiten, als die Piraten noch die Guten waren

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 16.04.2009
Filmbeschreibung
Ach, waren das noch Zeiten, als man sich durch Drehen am Radioknopf rebellisch fühlen durfte! "Radio Rock Revolution" feiert sie: die sechziger Jahre, in denen kulturauftragsversteinerte Rundfunkverantwortliche glaubten, die Hörer vor den Rolling Stones und ähnlichen asozialen Krawallkapellen schützen zu müssen. Wo der Regisseur Richard Curtis, der hier den Kulturkampf von damals versimpelt und romantisiert, recht hat, hat er recht: die britische Rockrevolution fand vom Wasser aus statt.

Weil die seriöse Radiogouvernante BBC all dem Elektrogitarrengeklampfe mal eben zwei Stunden Sendezeit pro Woche widmete, ankerten außerhalb der Dreimeilenzone bald betagte Boote mit kräftiger Sendeausrüstung. Die Piratensender, die sich um keinerlei Regeln und Quoten scheren mussten, pumpten 24 Stunden am Tag neue Musik auf die Insel. Der Versuchung, davon in grell kontrastierender Gute-Jungs-und-böse-Onkels-Manier zu erzählen, hat Curtis gerne nachgegeben.

Draußen auf See lebt eine Kommune schräger Vögel (unter anderem Philip Seymour Hoffman, Rhys Ifans, Bill Nighy) fast ganz für die Musik und ihre Verbreitung. An Land dagegen finden wir uns in der Komödienvariante eines Überwachungsstaats. Kenneth Branagh spielt lustvoll fies verklemmt den tyrannischen Innenminister, Hitlerbärtchen inklusive, der zwischen spießigem Büro und freudlosem Zuhause unablässig auf Wege sinnt, den ungebärdigen Piratensendern den Garaus zu machen.

Dass der 1956 geborene Regisseur das Potenzial solch schlichter Kontraste in vielen Szenen ausschöpft, wird niemanden überraschen. Curtis hat mit Rowan Atkinson die Serien "Blackadder" und "Mr. Bean" entwickelt, die Drehbücher zu "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill" und "Tatsächlich ... Liebe" geschrieben und bei letzterem auch erstmals Regie geführt. Erstaunlich ist schon eher, wie ihm der Film vom Vergnüglichen ins nur noch Beliebige wegknickt, ins Begleitvideo zum Soundtrack.

Immer wieder betont Curtis die Bedeutung, die das knackige Radioprogramm im Leben junger und jung gebliebener Briten hat: indem er uns hingerissen lauschende Internatsschülerinnen zeigt, mitwippende Sekretärinnen, tanzende Partymacher. Wieder. Und wieder. Und noch einmal. Keine dieser Figuren kommt je zu Wort, darf auch nur einmal formulieren, was ihm oder ihr die Musik bedeutet. Als der Piratensender juristisch in die Mangel genommen wird und die sofortige Abschaltung droht, sehen wir die gleichen Leute Schnitt um Schnitt bedröppelt, betrübt, enttäuscht aufs Radio stieren. Bis die Sendung weitergeht, worauf die Hörer wieder schnippen, twisten, grinsen.

Das ungute Gefühl, hier werde ein wenig schnöselig von Kreativen und Konsumenten erzählt, bewahrheitet sich bitter. Wenn das vor Booten der Küstenwache fliehende Piratenschiff havariert und Wasser unter Deck dringt, sehen wir plötzlich Seeleute hin und her rennen, von deren Anwesenheit vorher nie die Rede war, die nie als Teil der revolutionären Gemeinschaft gezeigt wurden.

Schlimmer noch: wenn sich auf dem sinkenden Schiff schließlich alle auf dem Vorderdeck zusammendrängen und wir Zuschauer bangen sollen, ob noch rechtzeitig Hilfe eintreffen wird, ist da kein einziger Matrose dabei. Es wird auch nie von ihnen geredet. Treiben die etwa schon tot unter Deck, aber keinen kümmert's? Haben diese Proleten vielleicht ein Rettungsboot gestohlen und die Musikidealisten verraten? Oder hat Richard Curtis schon wieder vergessen, dass er gerade noch zugegeben hat, dass ein Piratensender nicht nur aus DJs besteht?
 
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