Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt
Lehrjahre der Gewalt
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 23.04.2009
Filmbeschreibung
Am 2. November 1979 wird Jacques Mesrine von einem Kommando der Polizei in Paris auf offener Straße erschossen, de facto: hingerichtet. Mesrine ist der zu diesem Zeitpunkt meistgesuchte Verbrecher Frankreichs. Er ist 42 Jahre alt und hat eine ungewöhnlich öffentliche Karriere als Mörder, Bankräuber, Entführer, Ausbrecherkönig, Schriftsteller und Medienfigur hinter sich. Mehrfach verhaftet und zu langjährigen Freiheitstrafen verurteilt, war ihm immer wieder auf spektakuläre Weise die Flucht gelungen.
Im Gefängnis verfasste der selbstbewusste Gewohnheitsverbrecher 1977 seine Autobiografie "Der Todestrieb", in der er sich zu 39 Verbrechen bekannte. Allerdings wurde er keines dieser Verbrechen angeklagt. Ein Aufschneider? Das Buch und sein Selbstdarstellungsdrang machten Mesrine zu einer Art Popstar. Blättert man heute wieder im Buch, staunt man über die triviale Mischung aus lauwarmem Nietzscheanismus, anarchistischen Bröseln, Harter-Mann-Pose, lakonischer Küchenpsychologie.
Immerhin, die Attitüde stimmt: "Was sah ich? Müde, traurige Gesichter; ich sah Menschen, die eine mies bezahlte Arbeit fertig machte; Menschen, die auf diese Arbeit angewiesen waren, um wenigstens genug zum Überleben zu haben; Menschen, die auf ewig zur Mittelmäßigkeit verdammt waren; Menschen, die einander sehr ähnlich waren, weil sie die gleiche Kleidung trugen und die gleichen Geldprobleme hatten ... Diese Menschen kennen ihre Zukunft, denn sie haben keine. Sie funktionieren wie Roboter; sie gehorchen den herrschenden Gesetzen mehr aus Angst als aus wirklicher Überzeugung. Sie sind unterworfen und besiegt; schon wenn der Wecker morgens klingelt, sind sie Sklaven. Wohl oder übel gehörte ich auch zu diesen Menschen, aber ich fühlte mich nicht dazugehörig. Ich wollte nicht alles so hinnehmen. Ich wollte nicht, dass mein Leben so vorherbestimmt oder von anderen verplant sein würde ... Was ich wollte, das war ganz einfach, ,Zeit haben zu leben'."
Dieser bohemienhaft-anarchistische Tonfall geht dem Film leider völlig ab, stattdessen gibt es reichlich "Action". So enttäuscht der mit 246 Minuten überlange Kinozweiteiler "Public Enemy No.1" trotz Starbesetzung (Vincent Cassel, Gérard Depardieu, Cécile de France, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric) und einer wahren Ausstattungsorgie, weil dieses von Jean-Francois Richet inszenierte Biopic sich kaum für das geheime Zentrum des Stoffes, die Psychologie Mesrines, interessiert. Trotz der Möglichkeit, dessen Autobiografie zu nutzen (und so vielleicht auch den Mythos Mesrine zu decouvrieren), wird die kriminelle Karriere grobschlächtig nach der Dramaturgie des "Dann-und-dann-und-dann" abgehakt.
Es beginnt im Algerienkrieg
Kaum einmal erreicht "Public Enemy No. 1" die fiebrig opernhafte Intensität von Brian De Palmas Genre-Meisterwerk "Scarface". "Mordinstinkt", der erste Teil, erzählt vom mühsamen Aufstieg Mesrines zum Staatsfeind Nummer eins. Der Film beginnt im Algerienkrieg mit einer brutalen Folterszene, zeigt anschließend die nicht recht motivierte Unlust Mesrines, danach wieder ins kleinbürgerliche Milieu seiner Eltern zurückzukehren, zeigt, wie er eher zufällig Kontakte in die Unterwelt knüpft, zeigt den ersten Mord an einem arabischen Zuhälter, zeigt Bilder einer Reise nach Spanien, wo aus einem Urlaubsflirt die große Liebe mit anschließender Familiengründung wird, was den notorischen Outlaw aber auch nicht auf den Pfad der Tugend zurückbringt.
Mesrine ist ein Verbrecher aus innerster Überzeugung, weshalb der Film in der Folge so aussieht: Banküberfall, Flucht, Schießerei, Flucht, Verhaftung, Gefängnis, Ausbruch, Banküberfall, Schießerei, Flucht - eine Abfolge, die dem Gangstertum wider Willen auch noch seinen Glamour nimmt, weil sich der Alltag des Gangsters kaum noch von der Gleichförmigkeit eines Büroalltags zu unterscheiden scheint. Mesrine jedoch inszeniert sich früh als eine Art Gentleman-Gangster, als ein Mann von Ehre, auf dessen Loyalität hundertprozentig Verlass ist.
Allerdings ist Mesrines Karriere zunächst nicht sehr erfolgreich. Immer wieder geht etwas schief. Auch die Flucht nach Kanada endet nach einer gescheiterten Entführung in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis, wo er wochenlang brutalster Isolationshaft und Folter ausgesetzt ist. Nachdem ihm auch hier die Flucht gelingt, kehrt er mit seinem Kumpel Jean-Paul Mercier (Roy Dupuis) noch einmal zurück, um - wie versprochen - in einem blutigen Handstreich ein paar andere Häftlinge zu befreien. Dieser dreiste, offene Angriff auf die Staatsgewalt zeugt von einer erstaunlichen Chuzpe. Als Mesrine nach Frankreich zurückkehrt, ist er eine Berühmtheit. Damit endet dieser erste Teil. (Teil 2 startet am 21. Mai 2009)
Keine Haltung zum Geschehen
Das prinzipielle Problem des Films ist vergleichbar mit dem des "Baader Meinhof Komplexes": Man stellt mit hohem Authentizitätsanspruch Dokumente und Wochenschauen nach, riskiert aber keine eigene Haltung zum Geschehen. Selbst die "philosophischen" Reflexionen Mesrines sucht man hier vergeblich, bestenfalls werden einige Selbstreflexionen unvermittelt sentenzhaft in Dialog überführt. Wenn es bereits im Vorspann heißt: "Kein Film kann die Komplexität eines Menschenlebens abbilden", scheint sich der Film im Voraus beim Zuschauer entschuldigen zu wollen.
Im Gefängnis verfasste der selbstbewusste Gewohnheitsverbrecher 1977 seine Autobiografie "Der Todestrieb", in der er sich zu 39 Verbrechen bekannte. Allerdings wurde er keines dieser Verbrechen angeklagt. Ein Aufschneider? Das Buch und sein Selbstdarstellungsdrang machten Mesrine zu einer Art Popstar. Blättert man heute wieder im Buch, staunt man über die triviale Mischung aus lauwarmem Nietzscheanismus, anarchistischen Bröseln, Harter-Mann-Pose, lakonischer Küchenpsychologie.
Immerhin, die Attitüde stimmt: "Was sah ich? Müde, traurige Gesichter; ich sah Menschen, die eine mies bezahlte Arbeit fertig machte; Menschen, die auf diese Arbeit angewiesen waren, um wenigstens genug zum Überleben zu haben; Menschen, die auf ewig zur Mittelmäßigkeit verdammt waren; Menschen, die einander sehr ähnlich waren, weil sie die gleiche Kleidung trugen und die gleichen Geldprobleme hatten ... Diese Menschen kennen ihre Zukunft, denn sie haben keine. Sie funktionieren wie Roboter; sie gehorchen den herrschenden Gesetzen mehr aus Angst als aus wirklicher Überzeugung. Sie sind unterworfen und besiegt; schon wenn der Wecker morgens klingelt, sind sie Sklaven. Wohl oder übel gehörte ich auch zu diesen Menschen, aber ich fühlte mich nicht dazugehörig. Ich wollte nicht alles so hinnehmen. Ich wollte nicht, dass mein Leben so vorherbestimmt oder von anderen verplant sein würde ... Was ich wollte, das war ganz einfach, ,Zeit haben zu leben'."
Dieser bohemienhaft-anarchistische Tonfall geht dem Film leider völlig ab, stattdessen gibt es reichlich "Action". So enttäuscht der mit 246 Minuten überlange Kinozweiteiler "Public Enemy No.1" trotz Starbesetzung (Vincent Cassel, Gérard Depardieu, Cécile de France, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric) und einer wahren Ausstattungsorgie, weil dieses von Jean-Francois Richet inszenierte Biopic sich kaum für das geheime Zentrum des Stoffes, die Psychologie Mesrines, interessiert. Trotz der Möglichkeit, dessen Autobiografie zu nutzen (und so vielleicht auch den Mythos Mesrine zu decouvrieren), wird die kriminelle Karriere grobschlächtig nach der Dramaturgie des "Dann-und-dann-und-dann" abgehakt.
Es beginnt im Algerienkrieg
Kaum einmal erreicht "Public Enemy No. 1" die fiebrig opernhafte Intensität von Brian De Palmas Genre-Meisterwerk "Scarface". "Mordinstinkt", der erste Teil, erzählt vom mühsamen Aufstieg Mesrines zum Staatsfeind Nummer eins. Der Film beginnt im Algerienkrieg mit einer brutalen Folterszene, zeigt anschließend die nicht recht motivierte Unlust Mesrines, danach wieder ins kleinbürgerliche Milieu seiner Eltern zurückzukehren, zeigt, wie er eher zufällig Kontakte in die Unterwelt knüpft, zeigt den ersten Mord an einem arabischen Zuhälter, zeigt Bilder einer Reise nach Spanien, wo aus einem Urlaubsflirt die große Liebe mit anschließender Familiengründung wird, was den notorischen Outlaw aber auch nicht auf den Pfad der Tugend zurückbringt.
Mesrine ist ein Verbrecher aus innerster Überzeugung, weshalb der Film in der Folge so aussieht: Banküberfall, Flucht, Schießerei, Flucht, Verhaftung, Gefängnis, Ausbruch, Banküberfall, Schießerei, Flucht - eine Abfolge, die dem Gangstertum wider Willen auch noch seinen Glamour nimmt, weil sich der Alltag des Gangsters kaum noch von der Gleichförmigkeit eines Büroalltags zu unterscheiden scheint. Mesrine jedoch inszeniert sich früh als eine Art Gentleman-Gangster, als ein Mann von Ehre, auf dessen Loyalität hundertprozentig Verlass ist.
Allerdings ist Mesrines Karriere zunächst nicht sehr erfolgreich. Immer wieder geht etwas schief. Auch die Flucht nach Kanada endet nach einer gescheiterten Entführung in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis, wo er wochenlang brutalster Isolationshaft und Folter ausgesetzt ist. Nachdem ihm auch hier die Flucht gelingt, kehrt er mit seinem Kumpel Jean-Paul Mercier (Roy Dupuis) noch einmal zurück, um - wie versprochen - in einem blutigen Handstreich ein paar andere Häftlinge zu befreien. Dieser dreiste, offene Angriff auf die Staatsgewalt zeugt von einer erstaunlichen Chuzpe. Als Mesrine nach Frankreich zurückkehrt, ist er eine Berühmtheit. Damit endet dieser erste Teil. (Teil 2 startet am 21. Mai 2009)
Keine Haltung zum Geschehen
Das prinzipielle Problem des Films ist vergleichbar mit dem des "Baader Meinhof Komplexes": Man stellt mit hohem Authentizitätsanspruch Dokumente und Wochenschauen nach, riskiert aber keine eigene Haltung zum Geschehen. Selbst die "philosophischen" Reflexionen Mesrines sucht man hier vergeblich, bestenfalls werden einige Selbstreflexionen unvermittelt sentenzhaft in Dialog überführt. Wenn es bereits im Vorspann heißt: "Kein Film kann die Komplexität eines Menschenlebens abbilden", scheint sich der Film im Voraus beim Zuschauer entschuldigen zu wollen.
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