Bob Dylans neues Album
Auf dem Zenit, ganz milde
Michael Werner, veröffentlicht am 23.04.2009
Stuttgart - Der fahrende Sänger im schwarzen Anzug hat Anfang dieser Woche in Straßburg gastiert. Im gleißenden Licht einer Halle namens Zenith gab er ein hochkonzentriertes, hart rockendes Konzert. Doch "Just like a Woman" aus den Sechzigern flötete Bob Dylan beinahe. Ganz klar, sehr präsent artikulierte er diese wahren Zeilen erstaunlich nahe an der Studioversion von einst. Dylan krächzt und röchelt nur noch, wenn es dramaturgisch passt. Und er tanzt hinter seinem humorvoll bearbeiteten Keyboard, auch wenn das bei ihm ein bisschen so aussieht, als kämpfe das Genie gegen den schnöden Harndrang an.
Von Michael Werner
Anfang des Monats gab der 67-Jährige ein hochkonzentriertes, zartes Konzert in einer Münchener Halle, die ebenfalls Zenith heißt. Die Hingabe des Abgeklärten war außerirdisch schön, und "One more Cup of Coffee", sein Juwel aus den Siebzigern, massierte er den Fans sanft in die Ohren. Auf dem Zenit seines Schaffens scheint Bob Dylan sein Frühwerk wichtiger zu sein als je zuvor. Doch er röchelt und raspelt immer noch, sehr virtuos in seiner in den USA wöchentlich ausgestrahlten "Theme Time Radio Hour", wo er gute Musik anderer präsentiert, vornehmlich aus den dreißiger und fünfziger Jahren.
Und er röchelt und croont sich auch durch "Together through Life", sein am Freitag erscheinendes 32. Studioalbum, das ein bisschen nach Chess Records klingt, der Plattenfirma, die in den Fünfzigern Muddy Waters, Howlin' Wolf und Chuck Berry unter Vertrag hatte. Dylans Musik aus seinen eigenen, prallen Fantasiefünfzigern fällt so schwerelos aus der Zeit wie seine allerbesten Alben. Zuweilen wähnt man gar das Knistern alter Vinylplatten auf dieser exzellent produzierten CD.
Freudvoller Spelunkensound
Dabei bringt Bob Dylan die Souveränität auf, "Together through Life" nach seiner grandiosen Trilogie der Jahre 1997 bis 2006 eher wie einen lustvollen Zwischenruf klingen zu lassen als wie ein Abschiedsgeschenk. In gemeinsam mit dem Lyriker Robert Hunter getexteten Liebesliedern huldigt Dylan da der bemerkenswerten Melodik seines Blues ("Beyond here lies nothin"'), der beeindruckenden Schwärze seiner Stimme ("My Wife's Hometown") oder der erhabenen Einsamkeit des Verlassenen ("Life is hard").
"You better know where you're going or you stay where you are", singt Dylan im Lied "If you ever go to Houston". Ansonsten verzichtet er weitestgehend auf Neueinträge zum Dylan-Zitatenschatz, der dieser Tage für schlaue Partygänger als Applikation für das I-Phone erschienen ist. Stattdessen: freudvoller Spelunkensound mit prägnantem Akkordeon(!), schüchterner Trompete(!), sehnsüchtiger Geige, federnden Drums, liebestollem Bass, vom Meister selbst eingespielten Vintage-Keyboards und tänzelnden Bluesgitarren.
Musikalisch war Dylan lange nicht mehr so prall, so lüstern, so musikverliebt wie auf "Together through Life". Und textlich frönt er einem genussvollen Auf-den-ersten-Blick-Understatement, in das er so geniale Aphorismen streut wie die Zeile "There's reasons for that and reasons for this. I can't think of any just now - but I know they exist." Später lacht er. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten artikuliert der Mann mit den unzähligen verschiedenen Singstimmen seine Recherche-Ergebnisse so klar, dass man schon beim ersten Hören jedes Wort verstehen kann.
Dylan produziert nur noch, was ihm Freude macht
So ist Bob Dylans neues Album ein von ihm selbst liebevoll produzierter Befreiungsschlag eines Mannes geworden, über dessen Lieder und deren tiefere Bedeutung gerade eine von den Kunstsammlungen Chemnitz herausgegebene gelehrte Essaysammlung erschienen ist. In Chemnitz wurden 2008 Dylans Aquarelle, eindringliche Variationsorgien, ausgestellt. Und ja, in einem coolen, mit seinem Song "Love sick" unterlegten Werbespot für Damenunterwäsche hat er 2004 mitgespielt - vier Jahrzehnte, nachdem er in einem Interview auf die Frage nach dem sogenannten künstlerischen Ausverkauf eben dies angekündigt hatte. Aber jetzt ist Dylan wirklich romantisch. Oft wunderbar milde.
Denn Dylan hat die Kategorien des Kunstbetriebs längst hinter sich gelassen. Er produziert nur noch, was ihm Freude macht. "Together through Life" ist deshalb ein großer Spaß für den Songwriter und den Sänger geworden; und für all jene, die gelernt haben, dass Leidenschaft nichts zum Fürchten ist - und dass Schönheit heilen kann. Bob Dylan scheint sich weise mit dem Leben arrangiert zu haben: "It's all good" heißt der flirrende letzte Song des Albums, der schön sarkastisch ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Bob Dylan: Together through Life. Sony Music 88697438352
Von Michael Werner
Anfang des Monats gab der 67-Jährige ein hochkonzentriertes, zartes Konzert in einer Münchener Halle, die ebenfalls Zenith heißt. Die Hingabe des Abgeklärten war außerirdisch schön, und "One more Cup of Coffee", sein Juwel aus den Siebzigern, massierte er den Fans sanft in die Ohren. Auf dem Zenit seines Schaffens scheint Bob Dylan sein Frühwerk wichtiger zu sein als je zuvor. Doch er röchelt und raspelt immer noch, sehr virtuos in seiner in den USA wöchentlich ausgestrahlten "Theme Time Radio Hour", wo er gute Musik anderer präsentiert, vornehmlich aus den dreißiger und fünfziger Jahren.
Und er röchelt und croont sich auch durch "Together through Life", sein am Freitag erscheinendes 32. Studioalbum, das ein bisschen nach Chess Records klingt, der Plattenfirma, die in den Fünfzigern Muddy Waters, Howlin' Wolf und Chuck Berry unter Vertrag hatte. Dylans Musik aus seinen eigenen, prallen Fantasiefünfzigern fällt so schwerelos aus der Zeit wie seine allerbesten Alben. Zuweilen wähnt man gar das Knistern alter Vinylplatten auf dieser exzellent produzierten CD.
Freudvoller Spelunkensound
Dabei bringt Bob Dylan die Souveränität auf, "Together through Life" nach seiner grandiosen Trilogie der Jahre 1997 bis 2006 eher wie einen lustvollen Zwischenruf klingen zu lassen als wie ein Abschiedsgeschenk. In gemeinsam mit dem Lyriker Robert Hunter getexteten Liebesliedern huldigt Dylan da der bemerkenswerten Melodik seines Blues ("Beyond here lies nothin"'), der beeindruckenden Schwärze seiner Stimme ("My Wife's Hometown") oder der erhabenen Einsamkeit des Verlassenen ("Life is hard").
"You better know where you're going or you stay where you are", singt Dylan im Lied "If you ever go to Houston". Ansonsten verzichtet er weitestgehend auf Neueinträge zum Dylan-Zitatenschatz, der dieser Tage für schlaue Partygänger als Applikation für das I-Phone erschienen ist. Stattdessen: freudvoller Spelunkensound mit prägnantem Akkordeon(!), schüchterner Trompete(!), sehnsüchtiger Geige, federnden Drums, liebestollem Bass, vom Meister selbst eingespielten Vintage-Keyboards und tänzelnden Bluesgitarren.
Musikalisch war Dylan lange nicht mehr so prall, so lüstern, so musikverliebt wie auf "Together through Life". Und textlich frönt er einem genussvollen Auf-den-ersten-Blick-Understatement, in das er so geniale Aphorismen streut wie die Zeile "There's reasons for that and reasons for this. I can't think of any just now - but I know they exist." Später lacht er. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten artikuliert der Mann mit den unzähligen verschiedenen Singstimmen seine Recherche-Ergebnisse so klar, dass man schon beim ersten Hören jedes Wort verstehen kann.
Dylan produziert nur noch, was ihm Freude macht
So ist Bob Dylans neues Album ein von ihm selbst liebevoll produzierter Befreiungsschlag eines Mannes geworden, über dessen Lieder und deren tiefere Bedeutung gerade eine von den Kunstsammlungen Chemnitz herausgegebene gelehrte Essaysammlung erschienen ist. In Chemnitz wurden 2008 Dylans Aquarelle, eindringliche Variationsorgien, ausgestellt. Und ja, in einem coolen, mit seinem Song "Love sick" unterlegten Werbespot für Damenunterwäsche hat er 2004 mitgespielt - vier Jahrzehnte, nachdem er in einem Interview auf die Frage nach dem sogenannten künstlerischen Ausverkauf eben dies angekündigt hatte. Aber jetzt ist Dylan wirklich romantisch. Oft wunderbar milde.
Denn Dylan hat die Kategorien des Kunstbetriebs längst hinter sich gelassen. Er produziert nur noch, was ihm Freude macht. "Together through Life" ist deshalb ein großer Spaß für den Songwriter und den Sänger geworden; und für all jene, die gelernt haben, dass Leidenschaft nichts zum Fürchten ist - und dass Schönheit heilen kann. Bob Dylan scheint sich weise mit dem Leben arrangiert zu haben: "It's all good" heißt der flirrende letzte Song des Albums, der schön sarkastisch ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Bob Dylan: Together through Life. Sony Music 88697438352
Anzeigen
Anzeige
Anzeige
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 358 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung.
Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.







