Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Stuttgart & Region


Interview mit Krimiautor Schorlau

"Mancher Vorschlag ist wie ein vergiftetes Geschenk"

Fragen von Erik Raidt und Achim Wörner, veröffentlicht am 29.04.2009
Foto: Steinert

Stuttgart - Kaum ein Thema brennt den Stuttgarter Bürgern so sehr unter den Nägeln wie die Wasserversorgung und wie es damit weitergehen soll. Wie viel Mitsprache bekommt künftig die Stadt, die einen Rückkauf des Netzes anstrebt? Wie viel Macht behält die Energie Baden-Württemberg als momentaner Versorger? Diese Fragen spielen auch im momentanen Kommunalwahlkampf eine zentrale Rolle. Wolfgang Schorlau hat einst einen Krimi über das "Politikum" Wasser geschrieben - und eine klare Meinung zum Thema. Erik Raidt und Achim Wörner haben sich mit dem Stuttgarter Autor unterhalten.

Herr Schorlau, warum haben Sie gerade ausgerechnet Leitungswasser bestellt?

Ich sehe es nicht ein, für einen halben Liter italienischen Wassers so viel zu bezahlen wie für eine gute Flasche Wein.

Aber Sie wollen doch das teure Mineralwasser nicht mit Leitungswasser gleichsetzen?

Pardon, glauben Sie wirklich, dass eine Quelle aus Bergamo die ganze Welt mit Wasser versorgen kann? Wer weiß, woher das Wasser wirklich kommt. Vor mir steht ein Glas mit Stuttgarter Leitungswasser. Dessen Qualität ist gut. Ich freue mich, dass man es immer noch unbedenklich trinken kann.

Im Alltag denken wir darüber fast nie nach. Das Wasser kommt aus dem Hahn!

Es ist in Wirklichkeit unser Lebensmittel Nummer eins. Sie, ich, wir alle sterben, wenn wir nicht innerhalb von drei Tagen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Deshalb müssen wir sorgsam mit diesem Gut umgehen.

In Stuttgart bestimmt das Thema Wasser derzeit die politische Debatte. Was halten Sie davon, dass die Stadt bei der Wasserversorgung wieder mehr mitsprechen will?

Grundsätzlich viel. Rekommunalisierung ist das Zauberwort des Jahres. Viele Kommunen korrigieren den Fehler der Privatisierung, darunter Millionstädte wie etwa Paris. Es hat sich herausgestellt, dass es den Bürgern viele Nachteile beschert hat: den Beschäftigten, weil Arbeitsplätze gestrichen wurden, der lokalen mittelständischen Wirtschaft, die in den Stadtwerken einen wichtigen Auftraggeber hatten, und den Bürgern, die nach der Privatisierung höhere Preise für das Wasser zu zahlen hatten. Außerdem hat die Wasserqualität vielerorts gelitten. Nun gilt zunehmend: Citizen-Value statt Shareholder-Value.

Haben Sie selbst auf Reisen getestet, wie das Wasser aus dem Hahn schmeckt?

Das habe ich. Das Pariser Wasser etwa kann mit unserem nicht mithalten. Es schmeckt chlorig und fade, manchmal fast faulig.

In Stuttgart sind sich plötzlich viele einig, dass man die Rechte an der Trinkwasserversorgung nicht allein in die Hände privater Investoren legen sollte.

Ich teile die Meinung der meisten Bürger, dass die Stadt endlich wieder eigene Stadtwerke gründen und die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern in die eigenen Hände nehmen sollte. 2013 läuft die Konzession der EnBW aus, und dann ist der Weg dazu frei. Einige der aktuellen Diskussionsvorschläge schmecken jedoch wie ein vergiftetes Geschenk, zum Beispiel der, dass die Hälfte der Wasserrechte zurückgekauft und dafür die Konzession mit dem Energiekonzern bis 2024 verlängert wird. Ich hoffe, dass der Gemeinderat nicht auf diesen Leim geht und keine Konzessionsverlängerung beschließt.

Sie glauben also, dass die Kommunen bei der Wasserversorgung die besseren Manager sind?

Ja. Ihre Zeitung veröffentlicht ja regelmäßig Preis-Leistungs-Statistiken der unterschiedlichen Anbieter. Kommunale Stadtwerke liegen dabei immer vorne. Sie sind besser und preiswerter. Außerdem zahlen sie pünktlich ihre Steuern und rechnen sie nicht mit anderweitigen Verlusten auf, wie das weltweit tätige Konzerne oft erfindungsreich tun.

Sie haben sich 2003 in Ihrem Roman "Fremde Wasser" mit den kriminellen Machenschaften in diesem Bereich beschäftigt. Das Thema Wasser scheint Sie seither nicht losgelassen zu haben - auch weil es aktueller denn je ist?

Das Buch hat offensichtlich einen Nerv getroffen. Es ist wirklich außergewöhnlich, wie viel Resonanz ich bekommen habe. Ich werde immer wieder zu Tagungen eingeladen, habe in vielen Stadtwerken daraus vorgelesen und besuche regelmäßig Schulen. Gerade die Schüler interessieren sich sehr für dieses Thema. Beim Wasser gibt es überhaupt keine Politikmüdigkeit.

Noch vor wenigen Jahren ist der Beschluss für die Privatisierung des Wassernetzes beinahe unbemerkt erfolgt. Inzwischen haben Bürger massiven Protest organisiert.

Es waren die Bürger, die einen neuen Weg eingefordert haben, die Parteien haben lediglich, aber immerhin reagiert. Das Stuttgarter Wasserforum hat jahrelang hartnäckig gegen die Privatisierung gekämpft. Ich bewundere es, wie eine Gruppe von Bürgern die Stimmung gedreht hat, und ich finde, dass die Stadt stolz auf diese Initiative sein kann. Und für die Verantwortlichen lohnt es sich, auf kritische und unbequeme Bürger zu hören.

Welche Aufgaben sollte eine Kommune Ihrer Meinung nach nicht abgeben?

Alle Leistungen, die unsere Existenz sichern, sollten von den Städten verantwortet werden. Neben der Versorgung mit Wasser zähle ich dazu die Versorgung mit Wärme und die medizinische Grundversorgung. Wasser, Strom und ärztliche Hilfe braucht jeder.

Mit Ihren Ansichten wären Sie noch vor einem Jahr als rückständig und bürokratiegläubig abgewatscht worden. Hat die Finanzkrise den Wind gedreht?

Ganz sicher. In den neunziger Jahren und auch danach dominierte eine Ideologie, die behauptete, dass alle privat geführten Unternehmungen gut seien. Kommunale Unternehmen galten als schwerfällig und verschnarcht. Seit der Pleite von Lehmann Brothers sehen wir, dass es der normale Kapitalismus ist, der die Welt an den Rand des Abgrunds gefahren hat.

So weit sind wir noch nicht.

Ich hoffe mit Ihnen. Trotzdem: grandioser als der Neoliberalismus kann man nicht scheitern. Leider werden wir alle die Folgen des an kurzfristigen Gewinnen orientierten Denkens bezahlen. Die öffentlichen Haushalte sind über zwei Generationen verschuldet. Dass alles privat Organisierte besser funktioniert, ist widerlegt.

In Deutschland ist es ungewöhnlich, dass Krimiautoren ihre Bücher derart politisch anlegen, wie Sie es tun. Fühlen Sie sich manchmal als Exot?

Nein, ich bin sicher kein Exot, aber ich würde mich freuen, wenn mehr Autoren gesellschaftliche Themen zum Gegenstand ihrer Bücher machen würden. Im angelsächsischen Sprachraum ist das ganz anders.

Woran liegt das?

Leider habe ich keine vollständige Antwort auf diese Frage. Aber es hängt wohl mit der deutschen Innerlichkeit zusammen und der verhängnisvollen Tradition, die öffentlichen Angelegenheiten eine Sache der Obrigkeit sein zu lassen. Leider sind auch wir Künstler nicht ganz frei von dieser Einstellung.

Als Sie "Fremde Wasser" schrieben, haben Sie sich ein Jahr mit dem Thema beschäftigt, wie Sie selbst einmal gesagt haben. Wie recherchiert ein Schriftsteller?

Genauso wie ein Journalist. Ich bemühe mich, alles zu lesen, was es zum Thema meines Romans gibt. Ich rede mit den Leuten. Außerdem lebe ich in der privilegierten Situation, mich ein Jahr lang mit einem Thema beschäftigen zu können. Das kann sich wahrscheinlich weder ein Journalist noch ein Politiker leisten. Bei "Fremde Wasser" hatte ich also den Vorteil, tief in das Thema eintauchen zu können. Ich traf mich in Berlin beispielsweise mit den ehemaligen Managern der dortigen Stadtwerke. Sie berichteten mir, dass die Investitionen in das Wassernetz seit der Privatisierung um rund 50Prozent zurückgefahren wurden. Und die Pumpen wurden nicht mehr in den Intervallen gewartet, die die Hersteller vorschreiben.

In Ihrem Buch beschreiben Sie ein brutales Geschäft mit dem Wasser. Die Grundlagen sind offenbar nah an der Realität dran.

In einem Kapitel beschreibe ich das marode Wassernetz in London. Dort versickern 40 bis 60 Prozent des Wassers in den Leitungen. Um Rohrbrüche zu vermeiden, senkt man zudem den Wasserdruck ab. Wenn Sie in London einen Wasserhahn öffnen, kann das ein schockierendes Erlebnis sein: In manchen Stadtteilen tröpfelt es nur noch.

Wir nehmen an, dort würden Sie im Restaurant kein Leitungswasser bestellen?

Bestimmt nicht. Und ganz ehrlich: in Stuttgart mache ich das auch nur in den Restaurants, in denen man mich kennt. In allen anderen wäre es mir zu peinlich.

Fakten und Fiktionen zum Thema liefert Wolfgang Schorlaus Kriminalroman "Fremde Wasser - Denglers dritter Fall"; erschienen bei Kiepenheuer & Witsch; 7,95 Euro.
 
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