Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Wissen & Computer


Neuer Trend Poken

Die virtuelle Visitenkarte

Dirk Baranek, veröffentlicht am 29.04.2009
Foto: StZ

Stuttgart - Die Nachfrage ist riesig, und das Unternehmen kommt mit der Produktion kaum nach. Eine solche Erfolgsgeschichte erlebt im Moment das Unternehmen Poken. Die Idee: statt bei einem Treffen gedruckte Visitenkarten auszutauschen, werden die Kontaktdaten per Funk übermittelt.


  Von Dirk Baranek

 
"Heute schon gepokt?" Dieser merkwürdige Satz könnte der Beginn einer kleinen Kulturrevolution sein oder ein vorübergehender Spleen von Technikverliebten. Bei Bloggertreffen und Konferenzen von Onlineexperten macht dieser Satz bereits die Runde. Gemeinhin gilt diese Szene als Vorreiter bei der Verbreitung von technischen Innovationen. Andererseits hat sich auch schon so manches technische Spielzeug im Nachhinein als unpraktisch oder überflüssig entpuppt.

Sympatischer Billigartikel

Poken ist ohne Zweifel eine nette Spielerei, die eigentlich nur vorhandene Technologien in einem neuen Mix präsentiert. Das kleine Gerät selbst besteht aus einem USB-Speicherstick, in den ein RFID-Funkchip integriert wurde. Zusammen mit einem als Sympathieträger gestalteten Plastikkopf, den es in verschiedenen Ausführungen gibt (siehe Abbildungen), handelt es sich also im Grunde um einen Billigartikel.

Ein Poken ist für 15 Euro zu haben. In Funktion tritt er, wenn sich zwei Besitzer eines jeweils individuell kodierten Gerätes treffen. Dann werden die beiden Plastikteile übereinandergehalten und signalisieren grün aufblinkend, dass der Kontakt gespeichert wurde.

Abgebildet wird der Kontakt dann im Internet, wenn man den USB-Stick an den heimischen Rechner anschließt. Automatisch wird die Poken-Website aufgerufen, auf der von den Kontaktpersonen gestaltete, digitale Visitenkarten einsehbar sind. Angezeigt werden die Informationen, die die Poken-Inhaber ebendort hinterlegt haben.

Neben den üblichen Kontaktdaten sind dies vor allem Weblinks zu den Nutzerprofilen in den verschiedenen Onlinenetzwerken wie zum Beispiel bei Twitter, Facebook, Xing oder Myspace.

Die Welt der Blogger und Onlinenetzwerker ist jedenfalls recht angetan von dem neuen Angebot, denn in der Vergangenheit gab es das Problem, dass zwar klassische Visitenkarten ausgetauscht wurden, aber dann musste mühsam in jedem Onlineangebot recherchiert werden, ob die neue Bekanntschaft dort vertreten ist. Jetzt genügt ein Klick auf die Poken-Visitenkarte und man kann sich virtuell verknüpfen auf all den mit Millionen von neuen Nutzern rasant wachsenden Angeboten.

Ein Jahr Entwicklungszeit

Entwickelt hat die Poken-Technologie der gebürtige Kanadier Stéphane Doutriaux, der in der Schweiz studiert und gearbeitet hat. Nach seinem MBA-Abschluss in Lausanne war er als Marketingleiter für einen großen Hersteller von Laserdruckern tätig, eine Erfahrung, die Doutriaux für elementar bei dem Aufbau seines Unternehmens hält. "Mit einem reinen Softwarehintergrund ist das nicht zu machen", sagte er dem Schweizer Onlinemagazin "Startwerk". Irgendwann ist ihm aufgefallen, dass er zwar viele Leute kennenlernte, aber nur mit wenigen auf den Webplattformen verknüpft gewesen sei. Er lieh sich drei Millionen Schweizer Franken und entwickelte das Gerät binnen zwölf Monaten. Im Januar ging es dann in den Verkauf und war sofort ein Renner.

Allerdings nutzte das Start-up-Unternehmen konsequent die Informationstrukturen des Internet - vielleicht ein Teil der Erfolgsgeschichte. Statt mit den schwerfälligen Handelskonzernen ins Geschäft zu kommen, wurden gezielt wichtige Figuren in der Technologie- und Bloggerszene angesprochen und ein paar der allfälligen Konferenzen besucht.

Durch ein innovatives, kleinteiliges Absatzmodell kann jeder mit den kleinen Geräten zwischenhandeln und seine Freunde mit Poken versorgen. Offensichtlich passen Funktion und Marketing optimal auf die Zielgruppe. "Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot", sagt auch Peter Ebertz, der sich für Deutschland die Vertriebsrechte gesichert hat. Seit April ist Poken auch in Deutschland zu haben, bis jetzt allerdings nur in zwei kleinen Onlineshops: www.get-a-poken.de und missionpoken.de. Der Vertrieb über den stationären Handel ist vorgesehen, wird aber noch etwas auf sich warten lassen, so Ebertz. Im Moment komme man kaum mit der Produktion nach.

200.000 Exemplare sind bisher weltweit abgesetzt worden. Vor allem in den Niederlanden ist ein regelrechtes Poken-Fieber ausgebrochen. Inzwischen hat das Unternehmen seinen Sitz nach San Francisco verlegt und will von dort aus neben dem europäischen auch den US-Markt erobern. Wenn alles nach Plan läuft, der unter anderem eine verbesserte Website und die Entwicklung eines seriöser wirkenden Designs für Geschäftsleute vorsieht, könnte über kurz oder lang die gute alte gedruckte Visitenkarte vom Aussterben bedroht sein.
 
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