Star Trek

Hau drauf, wir sind im neuen Zeitstrom!

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 07.05.2009
Filmbeschreibung
Man muss sich das Universum vorstellen wie eine Landstraße in einer armen Gegend: voller Löcher im Belag. Aus einem dieser Löcher schält sich gerade bedrohlich langsam ein Etwas, das aussieht wie eine Mischung aus Atombombe und Meeresfrüchtesalat. Die USS Kelvin, das arme Raumschiff der irdischen Sternenflotte, dem das Missvergnügen der ersten Begegnung zufällt, schwebt dem Neuankömmling tapfer, aber vergeblich in den Weg. Die ganze "Halt-Fahrzeugpapiere- und-Führerschein-bitte"-Aktion sieht aus, als solle ein Reißnagel einen Kampfpanzer aufhalten. Wir befinden uns in den ersten Szenen des elften Star-Trek-Kinofilms, der aus gutem Grund schlicht und einfach "Star Trek" heißt. Und wir müssen nicht lange warten, um die Besatzung des bedrohlichen Riesengefährts kennenzulernen.

Es kracht und flackert auf dem Riesenbildschirm der Kelvin, die wie alle Sternenflottenschiffe etwas angestrengt Lichtes und Aufgeräumtes hat, wie die Wartebereiche für Patienten im Inneren eines Großklinikums. Und dann können wir hinüberblicken ins Innere des anderen Schiffes, in eine derbe, proletarische Welt rohen Stahls und kruder Schmuckverweigerung, wo nur die Besatzung sich an Design versucht. Die dafür kräftig: wild bis ins Gesicht tätowiert sind die gedrungenen, muskulösen Kerle in ihren dunklen Kluften zwischen Malochi, Rocker und Pirat. Und dann sprechen diese grimmig stierenden Jungs auch noch mit hartem Akzent.

Romulaner wie Russenmafiosi

Die Romulaner sind da, wirken aber wie die Russenmafia. Eine Weile später wird man durch diverse Drehbuchenthüllungen diese Assoziation etwas korrigieren müssen: dann erinnern die Romulaner an Bergarbeiter aus dem Donez-Becken, die wütend in die Stadt kommen, um dort gegen jene zu protestieren, die ihnen vermeintlich Unrecht tun.

Es geht also ein wenig derber, handfester, trashiger zu in "Star Trek", als wir das im Kino zuletzt gewöhnt waren von diesem vielfach verästelten SF-Franchise. Das hat Methode: wir haben nicht eine späte Fortsetzung - der letzte Star-Trek-Kinofilm lief im Jahr 2002 - vor uns, sondern einen Neustart.

Das Star-Trek-Universum wird wie ein Computer neu hochgefahren. Die USS Kelvin wird dabei flugs zerfetzt, ein kleines Rettungsboot wird die schwangere Frau des Kommandanten gerade noch in Sicherheit bringen. Das werdende Leben in ihrem Bauch wird bald den Namen James Tiberius Kirk tragen und sich schon in jungen Jahren als ziemlicher Draufgänger erweisen.

"Star Trek" ist in die Hände des Filmemachers J. J. Abrams gelegt worden, der vor allem seit seiner Fernsehserie "Lost" in der Branche als Guru massenkompatibler und substanzreicher Unterhaltung gilt. Im Jahr 1966 ging die von Gene Roddenberry entwickelte TV-Serie erstmals an den Start. Seitdem hat sie viele Veränderungen und Abspaltungen erfahren, hat sich immer wieder neu definiert und zuletzt bei ihren Versuchen, den Zeitgeist durch Betonung unterschiedlicher Elemente des Star-Trek-Universums zu erhaschen, wenig Erfolg gehabt. Abrams versucht erst gar nicht, all das bisher Erzählte unter einen Hut zu bringen. Er nutzt die besonderen Mittel der Science-Fiction und wagt den großen Schnitt.

Wenn jemand durch die Zeit reist, davon erzählt die SF immer wieder, und die Vergangenheit verändert, dann schafft er eine ganz neue Zukunft respektive eine neue Verästelung des Zeitstroms, in dem alles anders werden kann als in der Zukunft, aus der unser Reisender kam. Solch eine Zeitreise findet hier statt, weshalb sich kommende Filme, Serien, Romane und Comics nun kein bisschen mehr um die angesammelten Star-Trek-Historie kümmern müssen.

Wir bekommen die Jugend von Kirk (Chris Pine) und Spock (Zachary Quinto) zu sehen, die Ausbildung an der Starfleet Academy, den ersten gemeinsamen Kadetteneinsatz von Kirk, Spock, Uhura, Chekhov, Pille McCoy und all den anderen. Es geht rauflustig zu wie seit Kirks Fernsehtagen nicht mehr, galaktische Konflikte werden im Faustkampf geklärt, kleine Missverständnisse eskalieren zu großen Raumschlachten, und Interessenabgleichung sieht so aus, dass man testet, wessen Schutzschild zuerst zusammenbricht. Das ist die programmatische Rückkehr zum Haudraufgeist der Urserie, und viele Fans und Kritiker jubeln nach den Vorabführungen nicht zu Unrecht: was Tricks und Dynamik und die schiere Lust am Einfachen angeht, hat "Star Trek" viel mehr zu bieten als frühere Umsetzungen der Kirk'schen Macho-Raumfahrt.

Man kann "Star Trek" aber auch als Enttäuschung empfinden, eben weil der Film so forsch aufs Naive setzt. Der Regisseur und Drehbuchautor Abrams scheint sich genau angesehen zu haben, was Serien wie die Neuauflage von "Battlestar Galactica" treiben, befunden zu haben, die seien auf dem Weg ins Intellektuelle, und dann entschieden zu haben: "Ich will nicht einmal deren Rücklichter sehen." In Psychologie und Physik stellt er das Schlichte beharrlich aus: wenn die Enterprise hineinspringt in eine Raumschlacht und zwischen den Trümmern der Starfleet-Schiffe landet, dann kurvt sie wieder mal um den Schrott herum wie ein Testauto auf dem ADAC-Übungsplatz um Plastikhütchen. Dabei soll das nicht rotzig-trashig, sondern durchaus majestätisch wirken.

Seltene Momente der Selbstironie

Es gibt Momente großer Selbstironie, die ahnen lassen, wie der ganze Film hätte aussehen können. Der britische Komiker Simon Pegg ("Hot Fuzz", "Run, Fatboy, Run") als Bordingenieur Scotty nimmt permanent die grundsimple Ölkännchen- und Schraubenschlüsselromantik im Hightechgewand auf die Schippe, ohne die Rolle zu sprengen. Und eine eigentlich unnötige Verfolgungsjagd auf einem Eisplaneten, bei der Kirk zusehen muss, diversen Monstern nicht in die Fänge zu geraten, demonstriert die schiere Freude, mit modernen Computertricks zu realisieren, wovon die Macher des "Flash-Gordon"-Serials einst nur träumen konnten.

Aber obwohl der Film so frei von Ballast ist, merkt man ihm oft auch an, dass er sich wichtig nimmt, dass er einen Kult wiederbeleben will, dass er aggressiv-jugendlich sein will: als dürften auch auf der Raumschiffbrücke nur Leute stehen, die höchstens so alt sind wie Daily-Soap-Knutscher.
 
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