RSS und Twitter

Slow Tech

Peter Glaser, veröffentlicht am 11.05.2009
Screenshot: StZ

Verpassen wir den Anschluß? Viele an Computer und Internet interessierte Menschen möchten sich nicht von Digital-Cowboys mit laut muhenden technologischen Leitströmungen durch die Prärie treiben lassen.


  Von Peter Glaser

 
“Es ist Zeit, RSS komplett zu vergessen”, schreibt atemlos Steve Gillmor in dem vielgelesenen US-Blog TechCrunch, “und zu Twitter zu wechseln.” Die meisten Menschen in Deutschland haben noch nie von RSS gehört. Es ist eine nützliche und sehr bequeme Methode, in der Neuigkeitenvielfalt des Internet den Überblick zu bewahren. Die Bedeutung von RSS wird in den nächsten Jahren eher zunehmen als verschwinden.

 
 


RSS ist eine der Grundlagen der individualisierten Zeitung von morgen. Man abonniert damit die Neuigkeiten von allen Websites, Nachrichtenquellen und Blogs, die einen interessieren und muß dazu nicht mehr mühsam jede Site einzeln abklappern. Mit der passenden Software lassen sich diese RSS-Feeds einfach sortieren und rubrizieren, fast so wie man es von der redaktionellen Struktur einer herkömmlichen Zeitung kennt.

Neu daran ist, dass man bei der Zusammenstellung seinen persönlichen Vorlieben folgen kann (in meinem Newsreader habe ich viele der bewährten redaktionellen Rubriken beibehalten, weil sie Sinn machen). Einer der Gründe für das Schattendasein von RSS ist, dass die Betreiber werbefinanzierter Websites den Nachrichten-Feeds oft skeptisch gegenüberstehen, da sie zurückgehende Besucherfrequenzen fürchten. In Wirklichkeit können sie, unter anderem, treue Leser gewinnen.

Angesichts eines trendgehetzten Steve Gillmor frage ich mich, was an einer solchen Meldung noch die hochleistungssportliche Info-Anstrengung einer technischen Avantgarde ist, und was bereits pure Hysterie (”Ich bin ganz, ganz vorne”). Leute wie Gilmor scheinen den Kontakt zur Realität, in welcher der Rest der Menschheit lebt, zu verlieren.



Twitter. Etwa 50.000 Leute in Deutschland twittern, weltweit sind es an die 10 Millionen. Twitter ist ein interessantes, kleines Nebenbeimedium, das momentan als die schärfste Erfindung seit dem tiefen Teller gehandelt wird. Die meisten Menschen wissen nicht, was ein Tweet ist und schlafen trotzdem ruhig. Vielleicht, wenn man ihnen ein bißchen Zeit lässt und nicht schon vorher wieder die Luft raus ist (die Firma Twitter verdient kein Geld und weiß auch noch nicht, wie sie künftig welches verdienen könnte), werden auch die anderen mal zu twittern probieren, um herauszufinden, was es damit auf sich hat.

“Tweets” heißen die Nachrichtenatome, die man sich auf Handy, Smartphone oder Computer schicken lassen kann. Ein, zwei Sätze. Das ganze ergibt eine Wolke aus Nachrichtenkonfetti - und die wichtigste Strukturierungsmöglichkeit entspricht dem Prinzip von RSS: Man kann die Äußerungen einzelner twitternder Menschen oder Organisationen abonnieren und ihr “Follower” werden.

Was wir an Gekreisch wie dem von Steve Gillmor beobachten können, ist eine Neuauflage des Mottos “GBF” - Get Big Fast - aus den Zeiten der New Economy. Damals hat man einfach Sinn durch Geschwindigkeit ersetzt (so wie man im Vorfeld der Finanzkrise verstehbare Verfahren durch hirnlose Geldgier ersetzt hat).

Anfang der fünfziger Jahre, als der Marlon Brando-Film “Der Wilde” über eine rebellische Motorradgang in die Kinos kam, schrieb Helmut Qualtinger eine Songparodie auf den Film, deren Kernsatz noch heute aktuell ist: “Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort.”

 
 

 

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