Kahlschlag im Vorstand

Das große Reinemachen bei der Deutschen Bahn

Thomas Wüpper, veröffentlicht am 13.05.2009
Foto: dpa

Stuttgart - Etliche Spitzenmanager der Deutschen Bahn müssen wegen des Spitzelskandals gehen. Und weitere Mitarbeiter müssen mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Aus Krankheitsgründen scheidet Personalvorstand Norbert Hansen aus. Ein Überblick von Thomas Wüpper.

Hartmut Mehdorn (66): Der langjährige Bahn-Chef musste bereits Ende März abtreten, nachdem er am Ende auch den Rückhalt der Bundeskanzlerin verloren hatte. Der Vertrag wäre noch bis März 2011 gelaufen, Mehdorn erhält die restlichen Gehaltsansprüche von rund fünf Millionen Euro ausgezahlt. Schadensersatzansprüche gegen ihn will der Konzern nicht stellen, obwohl die Konzernrevision, die alle Spitzelaktionen steuerte, ihm direkt unterstellt war. Mehdorn und den anderen Vorständen sei kein persönliches Verschulden vorzuwerfen, so Aufsichtsratschef Werner Müller.

Norbert Bensel (61): Der Chef der wichtigen Logistiksparte galt als einer der Kronprinzen im Konzern und wurde als möglicher Nachfolger Mehdorns gehandelt. Auch wegen seiner guten Kontakte zu den Gewerkschaften saß der frühere Personalvorstand lange gut im Sattel. In seiner Amtszeit jedoch wurden in großem Stil Mitarbeiterdaten an die Konzernrevision und externe Detekteien unzulässig weitergegeben, zum Beispiel bei der Schnüffelaktion "Eichhörnchen" gegen 750 Führungskräfte und deren Partner. Bensel muss dafür nun als verantwortlicher Vorstand die Haftung übernehmen.

Otto Wiesheu (64): Den früheren bayerischen Wirtschafts- und Verkehrsminister und hochrangigen CSU-Politiker holte Mehdorn in den Vorstand, um die umstrittene Privatisierung zu befördern. Wiesheu hatte zuvor im Verbund mit Altkanzler Schröder dafür gesorgt, dass die Bahnprivatisierung fast über Nacht noch im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurde. Seine politische Lobbyarbeit bei den Bundesländern für den BahnVerkauf war weniger erfolgreich. Als zuständiger Vorstand für die Konzernsicherheit war auch Wiesheu zu nah dran an der Datenaffäre. Sein Ressort übernimmt der Konzernchef Rüdiger Grube.

Margret Suckale (52): Als vormalige Leiterin der Rechtsabteilung liefen bei der bereits zu BASF gewechselten Personalchefin der Bahn jahrelang die Fäden bei der Korruptionsbekämpfung im Konzern zusammen. Suckale soll dabei laut Presseberichten in die Vergabe von Spitzelaufträgen an die dubiose Detektei Argen verwickelt gewesen sein, die illegal sogar Konten von Bahn-Beschäftigten ausgeforscht haben soll. Laut Aufsichtsratschef Müller treffe jedoch auch Suckale kein persönliches Verschulden, aber eine Ressortverantwortung.

Josef Bähr: Der Leiter der Konzernrevision gilt als Schlüsselfigur im Schnüffelskandal und ist bereits seit längerem beurlaubt. Bähr wird mit sofortiger Wirkung gefeuert. In seiner Abteilung sei es zugegangen wie in einem rechtsfreien Raum, urteilen Datenschützer nach der Prüfung der Spähaktionen. So wurde jahrelang täglich der gesamte E-Mail-Verkehr der Bahn-Belegschaft gefiltert, um "Geheimnisverräter" zu enttarnen.

Jens Puls: Der Leiter der Konzernsicherheit ist ebenfalls tief in die Datenaffäre verstrickt und muss die Bahn mit sofortiger Wirkung verlassen. Seine Abteilung soll über das Firmennetzwerk die Computer der Mitarbeiter ausspioniert haben. In Verdachtsfällen wurden elektronische Postfächer kopiert und sogar Festplatten ausgebaut, und zwar allein seit 2005 in 487 Fällen. Einige Bahn-Beschäftigte berichten, dass ihnen sogar Tierpornografie und Nazipropaganda auf ihren Rechnern untergeschoben worden sei.

Wolfgang Schaupensteiner (60): Der oberste Korruptionsbekämpfer kam erst vor zwei Jahren zum Konzern und war vorher als Frankfurter Staatsanwalt einer der schärfsten Ermittler in Bestechungsfällen gerade bei der Bahn. Der Seitenwechsel stieß damals auf einige Verwunderung. Schaupensteiner hat den Datenskandal lange verharmlost und heruntergeredet, womöglich auch, weil er selbst nicht alles wusste. Damit habe sich der Jurist diskreditiert, sagen Kritiker. Schaupensteiner soll die Bahn umgehend verlassen.

Edgar Joussen: Der Berliner Anwalt war früher selbst beim Bahn-Konzern und arbeitet seit acht Jahren als externer Ombudsmann, dem sich Mitarbeiter anvertrauen können, die von Bestechungsfällen wissen. Joussen soll die Kölner Detektei Argen beauftragt haben, das Konto eines verdächtigen Bahnbeschäftigten auszuspionieren. Die Rechnung soll von Joussen bezahlt und der Deutschen Bahn weiterbelastet worden sein. Die betroffenen Banken erstatteten Strafanzeige.

Jürgen Illing: Der Leiter des Bereichs Politische Beziehungen wird von seiner Aufgabe entbunden, bleibt aber im Konzern. Auch in dieser Abteilung soll der E-Mail-Verkehr der Beschäftigten heimlich und rigoros überwacht worden sein, um Privatisierungsgegner und Abweichler zu finden.

Norbert Hansen (56): Der Personalvorstand und Ex-Transnet-Chef ist schwer an einem Nervenleiden erkrankt und wird noch länger in Kur sein. Mit dem Skandal habe sein Abgang nichts zu tun, wird betont. Hansen kam vor einem Jahr in die Bahn-Spitze, was von den Arbeitnehmern als Verrat empfunden wurde.
 

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