Experten-Interview
"Nordkorea wird seine Atombombe niemals aufgeben"
Fragen von Bernhard Bartsch, veröffentlicht am 26.05.2009
Seol - Für den Nordkorea-Experten Andrei Lankov war der zweite Atomtest Nordkoreas unausweichlich. Im Gespräch mit Bernhard Bartsch erklärt der Professor mit einem Lehrstuhl für koreanische Geschichte in Seoul, welche Strategie Pjöngjang mit den Provokationen verfolgt.
Nordkorea hat innerhalb weniger Stunden eine Atombombe und eine Kurzstreckenrakete getestet. Sind Sie überrascht?
Überhaupt nicht. Ein zweiter Nukleartest war absehbar. Was mich etwas wundert, ist der Zeitpunkt. Ich hatte erst Ende des Jahres damit gerechnet. Aber Kim Jong-il hatte es offensichtlich eilig, und dass er gleich eine Rakete hinterhergeschossen hat, zeigt, dass er einen maximalen Effekt erzielen wollte.
Ich bin hier, und ich bin gefährlich
Bei wem?
In erster Linie bei den USA. Kim will die neue Regierung davor warnen, ihn unter Druck zu setzen. Seine Botschaft lautet: Ich bin hier, und ich bin gefährlich.
Der Test ist also ein politisches Manöver?
Es gibt auch einen technischen Grund für den Test: Nordkoreas erste Nuklearexplosion im Oktober 2006 war kein voller Erfolg. Man konnte feststellen, dass die Sprengkraft nicht so groß war, wie sie hätte sein müssen, womöglich weil die Zündung nicht funktionierte. Deshalb brauchten Nordkoreas Wissenschaftler einen zweiten Test, um sicherzustellen, dass die Bombe einsatzfähig ist. Ob das gelungen ist, wissen wir noch nicht.
Wie reagieren die Menschen in Südkorea? Haben sie Angst, dass Nordkorea seine seit Monaten schwelenden Angriffsdrohungen wahr machen könnte?
Ach was, Nordkoreas Atomwaffen interessieren die Südkoreaner viel weniger, als man sich das im Ausland vorstellt. Sie wissen, dass das alles Teil eines politischen Spiels ist.
Was will Kim denn erreichen?
Kim will Geld, und er will seine Ruhe. Und er weiß genau, was er tut. Wenn es läuft wie immer, dann werden die Nordkoreaner bald für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag - zahlbar in Öl, Hilfslieferungen oder Bargeld - an den Verhandlungstisch zurückkehren. Dann redet man ein paar Runden, bis Nordkorea mit harten Forderungen konfrontiert wird und die Gespräche abbricht.
Aber Nordkorea hat schon mehrmals dem Abbau seines Nuklearprogramms zugestimmt.
Das ist Taktik. Eine Denuklearisierung läuft Pjöngjangs Interessen völlig entgegen. Wir müssen uns absolut im Klaren darüber sein, dass Nordkorea seine Atombomben niemals aufgeben wird. Niemals, niemals, niemals.
Mehr kann die UN nicht tun
Für die Weltgemeinschaft eine sehr ernüchternde Erkenntnis. Wie wird sie reagieren?
Der UN-Sicherheitsrat wird irgendwann wieder eine seiner zahnlosen Resolutionen verabschieden und Kim mitteilen, dass man sehr unzufrieden ist, noch viel unzufriedener als beim letzten Mal. Mehr kann die UN nicht tun. Sanktionen bringen in diesem Fall nichts, ganz zu schweigen davon, dass China und Russland Zwangsmaßnahmen ohnehin nie zulassen würden.
China agiert seit Jahren als Nordkoreas Schutzmacht. Warum gibt Peking dem Regime so beharrlich politische und wirtschaftliche Rückendeckung?
Weil den Chinesen gar nichts anderes übrig bleibt. Einen Kollaps Nordkoreas wollen sie schließlich um jeden Preis vermeiden, weil ihnen dann ein Konflikt mit Südkorea und den USA drohen würde. Pjöngjangs Atomwaffen sind da immer noch das kleinere Übel.
Kim wird mit seiner Erpressung also Erfolg haben?
Das hängt in erster Linie von der Reaktion der USA ab. Wenn Washington auf seine Forderungen eingeht, hat Kim gewonnen. Nach dem ersten Atomtest 2006 hat das funktioniert. Damals gab es in der US-Öffentlichkeit einen Meinungsumschwung, und die Menschen haben eine weichere Haltung gegenüber Nordkorea befürwortet. Die Amerikaner haben schließlich noch andere Probleme.
Er kann nicht eine Bombe nach der anderen zünden
Gibt es eine Strategie, die nicht darauf hinausläuft, dass die Weltöffentlichkeit Kims Diktatur unfreiwillig unterstützt?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich könnten die USA versuchen, Nordkoreas Provokation zu ignorieren. Dann müsste Kim nachlegen, und da sind seine Möglichkeiten beschränkt. Er kann ja nicht eine Atombombe nach der anderen zünden. Jeder Test verbraucht schließlich sechs Kilogramm Plutonium, und Nordkorea hat maximal 50 Kilogramm. Trotzdem hat Kim immer noch ein Ass im Ärmel: Er könnte seine Atomwaffen an irgendein amerikafeindliches Land im Nahen Osten weitergeben - und dann dafür sorgen, dass die ganze Weltpresse davon erfährt.
Nordkorea hat innerhalb weniger Stunden eine Atombombe und eine Kurzstreckenrakete getestet. Sind Sie überrascht?
Überhaupt nicht. Ein zweiter Nukleartest war absehbar. Was mich etwas wundert, ist der Zeitpunkt. Ich hatte erst Ende des Jahres damit gerechnet. Aber Kim Jong-il hatte es offensichtlich eilig, und dass er gleich eine Rakete hinterhergeschossen hat, zeigt, dass er einen maximalen Effekt erzielen wollte.
Ich bin hier, und ich bin gefährlich
Bei wem?
In erster Linie bei den USA. Kim will die neue Regierung davor warnen, ihn unter Druck zu setzen. Seine Botschaft lautet: Ich bin hier, und ich bin gefährlich.
Der Test ist also ein politisches Manöver?
Es gibt auch einen technischen Grund für den Test: Nordkoreas erste Nuklearexplosion im Oktober 2006 war kein voller Erfolg. Man konnte feststellen, dass die Sprengkraft nicht so groß war, wie sie hätte sein müssen, womöglich weil die Zündung nicht funktionierte. Deshalb brauchten Nordkoreas Wissenschaftler einen zweiten Test, um sicherzustellen, dass die Bombe einsatzfähig ist. Ob das gelungen ist, wissen wir noch nicht.
Wie reagieren die Menschen in Südkorea? Haben sie Angst, dass Nordkorea seine seit Monaten schwelenden Angriffsdrohungen wahr machen könnte?
Ach was, Nordkoreas Atomwaffen interessieren die Südkoreaner viel weniger, als man sich das im Ausland vorstellt. Sie wissen, dass das alles Teil eines politischen Spiels ist.
Was will Kim denn erreichen?
Kim will Geld, und er will seine Ruhe. Und er weiß genau, was er tut. Wenn es läuft wie immer, dann werden die Nordkoreaner bald für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag - zahlbar in Öl, Hilfslieferungen oder Bargeld - an den Verhandlungstisch zurückkehren. Dann redet man ein paar Runden, bis Nordkorea mit harten Forderungen konfrontiert wird und die Gespräche abbricht.
Aber Nordkorea hat schon mehrmals dem Abbau seines Nuklearprogramms zugestimmt.
Das ist Taktik. Eine Denuklearisierung läuft Pjöngjangs Interessen völlig entgegen. Wir müssen uns absolut im Klaren darüber sein, dass Nordkorea seine Atombomben niemals aufgeben wird. Niemals, niemals, niemals.
Mehr kann die UN nicht tun
Für die Weltgemeinschaft eine sehr ernüchternde Erkenntnis. Wie wird sie reagieren?
Der UN-Sicherheitsrat wird irgendwann wieder eine seiner zahnlosen Resolutionen verabschieden und Kim mitteilen, dass man sehr unzufrieden ist, noch viel unzufriedener als beim letzten Mal. Mehr kann die UN nicht tun. Sanktionen bringen in diesem Fall nichts, ganz zu schweigen davon, dass China und Russland Zwangsmaßnahmen ohnehin nie zulassen würden.
China agiert seit Jahren als Nordkoreas Schutzmacht. Warum gibt Peking dem Regime so beharrlich politische und wirtschaftliche Rückendeckung?
Weil den Chinesen gar nichts anderes übrig bleibt. Einen Kollaps Nordkoreas wollen sie schließlich um jeden Preis vermeiden, weil ihnen dann ein Konflikt mit Südkorea und den USA drohen würde. Pjöngjangs Atomwaffen sind da immer noch das kleinere Übel.
Kim wird mit seiner Erpressung also Erfolg haben?
Das hängt in erster Linie von der Reaktion der USA ab. Wenn Washington auf seine Forderungen eingeht, hat Kim gewonnen. Nach dem ersten Atomtest 2006 hat das funktioniert. Damals gab es in der US-Öffentlichkeit einen Meinungsumschwung, und die Menschen haben eine weichere Haltung gegenüber Nordkorea befürwortet. Die Amerikaner haben schließlich noch andere Probleme.
Er kann nicht eine Bombe nach der anderen zünden
Gibt es eine Strategie, die nicht darauf hinausläuft, dass die Weltöffentlichkeit Kims Diktatur unfreiwillig unterstützt?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich könnten die USA versuchen, Nordkoreas Provokation zu ignorieren. Dann müsste Kim nachlegen, und da sind seine Möglichkeiten beschränkt. Er kann ja nicht eine Atombombe nach der anderen zünden. Jeder Test verbraucht schließlich sechs Kilogramm Plutonium, und Nordkorea hat maximal 50 Kilogramm. Trotzdem hat Kim immer noch ein Ass im Ärmel: Er könnte seine Atomwaffen an irgendein amerikafeindliches Land im Nahen Osten weitergeben - und dann dafür sorgen, dass die ganze Weltpresse davon erfährt.
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