Berlin - Großes Gegrummel in Berlin: mindestens zwei Bundestagsabgeordnete haben am Samstag die Wiederwahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten via Twitter der multimedial vernetzten Welt bereits bekanntgemacht, als diese Wiederwahl noch gar nicht offiziell war - weil nämlich der zwecks Verkündung offiziell einzig zuständige Bundestagspräsident Norbert Lammert die Sitzung noch gar nicht wieder eröffnet hatte, geschweige denn ans Mikrofon getreten war. Krass!
Von Tim Schleider
Nehmen wir als Beispiel den Fall der CDU-Abgeordneten Julia Klöckner: Sie ist eine der Schriftführerinnen des Bundestages, war bei der Auszählung der Stimmen persönlich anwesend und nutzte mithin bei ihrer Twitterei Insiderwissen. Frau Klöckner hat sich inzwischen entschuldigt. Das ist korrekt! Dennoch wird der Ältestenrat heute noch mal alles bereden.Nun wollen wir uns über all die Aufregung in Berlin bestimmt nicht lustig machen. Es geht dabei schließlich um Formfragen, und Formfragen sind allemal wichtig. Die Bundesversammlung hatte gewählt. Es ging in der Wahl um das höchste Amt in unserer Demokratie. Und das Ergebnis dieser Wahl zu verkünden war allein Aufgabe des Vorsitzenden der Bundesversammlung; eben dann wurde es auch erst amtlich, offiziell. Das soll so sein. Das soll so bleiben.
Andererseits hatte gerade die Bundesversammlung am 23. Mai 2009 ohnehin so ihre Probleme mit Formfragen. Dass die Mitarbeiter des Hauses schon mit den Blumensträußen wedelten, dass sich ein Blechbläseensemble bereits warm pustete für die abschließende Nationalhymne, all das war selbst dem ahnungslosesten TV-Zuschauer ein untrügliches Signal, dass die Wahl wohl längst gelaufen sei. Ganz abgesehen vom live in ARD und ZDF übertragenen nervösen, minutenlangen Wartens Lammerts am Hinterausgang des Reichstages auf die Wiederkehr Horst Köhlers und, als dieser endlich eingetroffen war, seiner innigen Gratulation für den Sieger. Jetzt mal ehrlich, liebe Leut: was zählt das Twittern für die immer noch relativ kleine Twitter-Gemeinde angesichts solcher TV-Bilder für ein Millionenpublikum?
Dass die Neuen Medien Menschen dazu verleiten, sich schlecht zu benehmen, ist wahrlich keine Neuigkeit und jeden Tag beim Gebrülle enthemmter Handybenutzer in öffentlichen Verkehrsmitteln mitzuerleben. Dass das relativ junge Medium namens Twitter Menschen, die sich ohnehin zu wichtig nehmen, dazu inspiriert, noch lauter auf die Pauke zu hauen, als es guttut, klingt auch nicht überraschend. Dass sich aber in Berlin gerade so viele gestandene Politiker über das voreilige Ergebnisausplaudern ihrer Kollegen in der Bundesversammlung ereifern, kann verschiedene Gründe haben. Eine Möglichkeit lautet: sie haben Angst um die gute Form. Die andere Möglichkeit: sie ärgern sich, von dem neuen Medium zu wenig zu verstehen, um selbst erfolgreich an der neuen Wichtigtuerfront mitkämpfen zu können. Man müsste da mal nachforschen.
Denn insgesamt gilt: viel schlimmer als in der realen Welt geht's in Internet und Multimedia auch nicht zu. Die Politik darf darum gern das Wichtigtuen bekämpfen. Aber sie fange damit bitte im ganz Realen an.
Von Tim Schleider
Nehmen wir als Beispiel den Fall der CDU-Abgeordneten Julia Klöckner: Sie ist eine der Schriftführerinnen des Bundestages, war bei der Auszählung der Stimmen persönlich anwesend und nutzte mithin bei ihrer Twitterei Insiderwissen. Frau Klöckner hat sich inzwischen entschuldigt. Das ist korrekt! Dennoch wird der Ältestenrat heute noch mal alles bereden.Nun wollen wir uns über all die Aufregung in Berlin bestimmt nicht lustig machen. Es geht dabei schließlich um Formfragen, und Formfragen sind allemal wichtig. Die Bundesversammlung hatte gewählt. Es ging in der Wahl um das höchste Amt in unserer Demokratie. Und das Ergebnis dieser Wahl zu verkünden war allein Aufgabe des Vorsitzenden der Bundesversammlung; eben dann wurde es auch erst amtlich, offiziell. Das soll so sein. Das soll so bleiben.
Andererseits hatte gerade die Bundesversammlung am 23. Mai 2009 ohnehin so ihre Probleme mit Formfragen. Dass die Mitarbeiter des Hauses schon mit den Blumensträußen wedelten, dass sich ein Blechbläseensemble bereits warm pustete für die abschließende Nationalhymne, all das war selbst dem ahnungslosesten TV-Zuschauer ein untrügliches Signal, dass die Wahl wohl längst gelaufen sei. Ganz abgesehen vom live in ARD und ZDF übertragenen nervösen, minutenlangen Wartens Lammerts am Hinterausgang des Reichstages auf die Wiederkehr Horst Köhlers und, als dieser endlich eingetroffen war, seiner innigen Gratulation für den Sieger. Jetzt mal ehrlich, liebe Leut: was zählt das Twittern für die immer noch relativ kleine Twitter-Gemeinde angesichts solcher TV-Bilder für ein Millionenpublikum?
Dass die Neuen Medien Menschen dazu verleiten, sich schlecht zu benehmen, ist wahrlich keine Neuigkeit und jeden Tag beim Gebrülle enthemmter Handybenutzer in öffentlichen Verkehrsmitteln mitzuerleben. Dass das relativ junge Medium namens Twitter Menschen, die sich ohnehin zu wichtig nehmen, dazu inspiriert, noch lauter auf die Pauke zu hauen, als es guttut, klingt auch nicht überraschend. Dass sich aber in Berlin gerade so viele gestandene Politiker über das voreilige Ergebnisausplaudern ihrer Kollegen in der Bundesversammlung ereifern, kann verschiedene Gründe haben. Eine Möglichkeit lautet: sie haben Angst um die gute Form. Die andere Möglichkeit: sie ärgern sich, von dem neuen Medium zu wenig zu verstehen, um selbst erfolgreich an der neuen Wichtigtuerfront mitkämpfen zu können. Man müsste da mal nachforschen.
Denn insgesamt gilt: viel schlimmer als in der realen Welt geht's in Internet und Multimedia auch nicht zu. Die Politik darf darum gern das Wichtigtuen bekämpfen. Aber sie fange damit bitte im ganz Realen an.
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