Moderne Kommunikation
So nah und doch so fern - die digitale Fernbeziehung
Konstantin Riffler, veröffentlicht am 27.05.2009
Stuttgart - Trotz der Distanz Nähe schaffen, Vertrauen aufbauen und Perspektiven entwickeln - das sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Fernbeziehung. Ein Liebesprojekt, dass heute viele junge Paare angehen und das dank diverser Kommunikationsmittel funktionieren kann.
Von Konstantin Riffler
"Mein lieber Paul, so lange schon habe ich keine Nachricht von Dir. Ich weiß weder, ob Du meinen Brief und das Päckchen erhalten hast, noch ob Du nach Österreich kommen wirst. Aber das soll kein Vorwurf sein. Ich bin nur in Sorge - ich weiß so gar nicht, wie es Dir geht und wo Du bist." Diese Zeilen schrieb Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, vor über 57 Jahren.
Der Brief war an ihre große Liebe, den Dichter Paul Celan, gerichtet. Etwas mehr als 1000 Kilometer trennten die beiden damals: sie lebte in Wien, er in Paris. Eine Fernbeziehung über Ländergrenzen hinweg. Doch die Kommunikation unterschied sich gravierend zu der, wie wir sie kennen: es gab weder Internet noch Handys, eigene Telefone waren selten und Auslandsgespräche sehr teuer.
Telefonieren ist heute viel günstiger als früher
Als Ingeborg Bachmann den Brief schrieb wartete sie schon seit mehreren Wochen auf eine Antwort auf einen früheren Brief. Was vor einem halben Jahrhundert in dieser Zeit der Ungewissheit die eigenen Gedanken leisten mussten, ersetzt heute die E-Mail, die SMS, der Chat oder das Auslandstelefonat. Die Kontaktaufnahme ist eine Sache von Minuten anstatt von Tagen und Wochen. Billig-prepaid-Handykarten und Telefonkarten, mit denen man für einige Cent Festnetztelefone und Handys in aller Welt anrufen kann, machen es möglich, zu jeder Zeit und ohne hohe Kosten miteinander zu sprechen.
Pascal Drotschmann will trotz moderner Kommunikation nicht permanent erreichbar sein, auch wenn er öfter telefonieren könnte. Nach dem Abitur, das er in Ettlingen bei Karlsruhe machte, entschied er sich für ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. Jetzt arbeitet und lebt der 20-Jährige mit 18 Straßenkindern in einer Siedlung am Meer in der Nähe von Recife, einer Hafenstadt im Osten Brasiliens. Seine Freundin Maria studiert in Freiburg. Seit fast drei Jahren sind die beiden zusammen. Vor knapp zehn Monaten hat er sie das letzte Mal gesehen.
Am 5. Juli werden sie sich wieder sehen. Bis dahin kommunizieren sie im Tages- und Wochenrhythmus: einmal die Woche telefonieren sie miteinander. Dafür steht Pascal schon vor fünf auf, weil die Kinder dann noch schlafen und er ungestört sprechen kann. Pascal sagt: "Mir war es wichtig zu wissen, dass es vor Ort ein Telefon gibt, sonst hätte ich es mir noch mal überlegt, ob ich hierher komme." Um ins Internet zu kommen, muss er nach Cabo, in die nächstgelegene Stadt. Und einmal die Woche, an seinem freien Tag, geht er dort in ein stickiges Internetcafé mit langsamen Rechnern. Und einmal am Tag schreibt er seiner Freundin eine SMS.
Sehnsucht nach körperlicher Nähe
"Wenn man so eine Fernbeziehung auf Zeit hat, dann ist man im Zwiespalt: einerseits will man der Partnerin auch körperlich nahe sein. Es ist manchmal hart und es gibt Tiefen, durch die ich in Deutschland nicht gegangen bin, aber ich bin stolz, schon zehn Monate geschafft zu haben", sagt Pascal von dem Telefon aus, von dem er sonst alle sieben Tage mit seiner Freundin spricht.
Auch Patrick und Gesa aus Stuttgart wissen, was es heißt, sich nicht einfach mal schnell besuchen zu können. Weil das Thema Fernbeziehung für die beiden etwas sehr Persönliches ist, wollen sie nur mit Vornamen genannt werden. Beide führten ein Jahr lang eine Fernbeziehung. Er studierte in Tübingen, während sie ihren Masterabschluss in Amsterdam machte. Dabei hatten sie sich erst kurz zuvor an der Uni in einem gemeinsamen Seminar kennengelernt.
"Die größte Umstellung war, dass man sich nicht mehr einfach jeden Tag Liebe holen und Energie tanken konnte. Das geht auf die Entfernung nicht." Patrick ergänzt: "Dann ist man mit Worten zärtlicher und versucht, das Defizit an Nähe über die Sprache hinzubekommen." Im Gegensatz zu Pascal und seiner Freundin telefonierten sie jeden Tag über Skype, oft mehrere Stunden lang, und schrieben sich mehrere SMS. Nach dem Jahr zogen die beiden zusammen und heirateten einige Monate später.
Jeden Tag telefonieren und SMS schreiben
Patrick glaubt, dass der früheren Kommunikation in Fernbeziehungen vor allem eine andere Zeitwahrnehmung zugrunde lag: "Vor Hunderten Jahren, da wusstest du, es gibt andere Länder, aber hast nicht dauernd Bilder davon gesehen oder die aktuellen Nachrichten aus der letzten Ecke der Welt sofort gehabt. Damals wusstest du, dass die Nachrichten, auch vom Partner, eben lange brauchen. Heute hat sich mit der Schnelligkeit des Informationsaustausches das Gefühl für Zeitabstände unheimlich beschleunigt. Eben auch bei der Kommunikation mit dem Partner."
Pascal setzt nicht ausschließlich auf den direkten Austausch: Er führt Tagbuch für seine Freundin. Auf seinem Laptop. Dann zieht er alles auf seinen USB-Stick, den er an seinem freien Tag im Internetcafé an den Computer anschließt, kopiert es in die Mail und sendet es seiner Freundin. Patrick und Gesa ließen hingegen auch beim Aufräumen oder Kaffeekochen nebenher Skype laufen. In beiden Fällen, beim täglichen ausgedehnten Telefonat und beim Tagebucheintrag, geht es für beide darum, wie Pascal sagt, "den Partner am eigenen Leben teilhaben zu lassen und ihn einzubeziehen."
Die vielen Spielarten der schnellen Kommunikation ermöglichen aber nicht nur eine vermeintliche Nähe, sondern auch eine gemeinsame Perspektive aufrechtzuerhalten. Meist in Form eines fixen Datums, zum Beispiel der Tag des nächsten Wiedersehens, oder eines gemeinsamen Ziels in der Zukunft. Bei Pascal und Maria ist es der 5. Juli, bei Patrick und Gesa waren es die gemeinsame Wohnung und die Ehe. "Eine Fernbeziehung ist dann erträglich, wenn man eine gemeinsame Zukunft absehen kann", sagt Gesa. Pascal sieht das, Tausende Kilometer entfernt, so ähnlich: "Wir sind stolz, zehn Monate geschafft zu haben. Und obwohl wir uns so gerne sehen würden, wissen wir, dass es so gut ist, wie es ist. Für den Moment, aber nicht auf Dauer."
Als Ingeborg Bachmann den Brief an Paul Celan schrieb, gab es kein klar definiertes Ziel: Sie wusste weder, wann sie ihn das nächste mal hören, geschweige denn wiedersehen würde. In einer Zeit, in der man über das Handy, Telefon und Internet in fast jeder Ecke der Welt erreichbar ist, scheint es unvorstellbar, so lange auf eine Antwort zu warten - ohne die Beziehung oder Freundschaft grundlegend in Frage zu stellen. Vor allem, wenn Hunderte Kilometer, Ländergrenzen, Zeitzonen und eine Menge offener Fragen zwischen den beiden Partnern liegen.
Von Konstantin Riffler
"Mein lieber Paul, so lange schon habe ich keine Nachricht von Dir. Ich weiß weder, ob Du meinen Brief und das Päckchen erhalten hast, noch ob Du nach Österreich kommen wirst. Aber das soll kein Vorwurf sein. Ich bin nur in Sorge - ich weiß so gar nicht, wie es Dir geht und wo Du bist." Diese Zeilen schrieb Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, vor über 57 Jahren.
Der Brief war an ihre große Liebe, den Dichter Paul Celan, gerichtet. Etwas mehr als 1000 Kilometer trennten die beiden damals: sie lebte in Wien, er in Paris. Eine Fernbeziehung über Ländergrenzen hinweg. Doch die Kommunikation unterschied sich gravierend zu der, wie wir sie kennen: es gab weder Internet noch Handys, eigene Telefone waren selten und Auslandsgespräche sehr teuer.
Telefonieren ist heute viel günstiger als früher
Als Ingeborg Bachmann den Brief schrieb wartete sie schon seit mehreren Wochen auf eine Antwort auf einen früheren Brief. Was vor einem halben Jahrhundert in dieser Zeit der Ungewissheit die eigenen Gedanken leisten mussten, ersetzt heute die E-Mail, die SMS, der Chat oder das Auslandstelefonat. Die Kontaktaufnahme ist eine Sache von Minuten anstatt von Tagen und Wochen. Billig-prepaid-Handykarten und Telefonkarten, mit denen man für einige Cent Festnetztelefone und Handys in aller Welt anrufen kann, machen es möglich, zu jeder Zeit und ohne hohe Kosten miteinander zu sprechen.
Pascal Drotschmann will trotz moderner Kommunikation nicht permanent erreichbar sein, auch wenn er öfter telefonieren könnte. Nach dem Abitur, das er in Ettlingen bei Karlsruhe machte, entschied er sich für ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. Jetzt arbeitet und lebt der 20-Jährige mit 18 Straßenkindern in einer Siedlung am Meer in der Nähe von Recife, einer Hafenstadt im Osten Brasiliens. Seine Freundin Maria studiert in Freiburg. Seit fast drei Jahren sind die beiden zusammen. Vor knapp zehn Monaten hat er sie das letzte Mal gesehen.
Am 5. Juli werden sie sich wieder sehen. Bis dahin kommunizieren sie im Tages- und Wochenrhythmus: einmal die Woche telefonieren sie miteinander. Dafür steht Pascal schon vor fünf auf, weil die Kinder dann noch schlafen und er ungestört sprechen kann. Pascal sagt: "Mir war es wichtig zu wissen, dass es vor Ort ein Telefon gibt, sonst hätte ich es mir noch mal überlegt, ob ich hierher komme." Um ins Internet zu kommen, muss er nach Cabo, in die nächstgelegene Stadt. Und einmal die Woche, an seinem freien Tag, geht er dort in ein stickiges Internetcafé mit langsamen Rechnern. Und einmal am Tag schreibt er seiner Freundin eine SMS.
Sehnsucht nach körperlicher Nähe
"Wenn man so eine Fernbeziehung auf Zeit hat, dann ist man im Zwiespalt: einerseits will man der Partnerin auch körperlich nahe sein. Es ist manchmal hart und es gibt Tiefen, durch die ich in Deutschland nicht gegangen bin, aber ich bin stolz, schon zehn Monate geschafft zu haben", sagt Pascal von dem Telefon aus, von dem er sonst alle sieben Tage mit seiner Freundin spricht.
Auch Patrick und Gesa aus Stuttgart wissen, was es heißt, sich nicht einfach mal schnell besuchen zu können. Weil das Thema Fernbeziehung für die beiden etwas sehr Persönliches ist, wollen sie nur mit Vornamen genannt werden. Beide führten ein Jahr lang eine Fernbeziehung. Er studierte in Tübingen, während sie ihren Masterabschluss in Amsterdam machte. Dabei hatten sie sich erst kurz zuvor an der Uni in einem gemeinsamen Seminar kennengelernt.
"Die größte Umstellung war, dass man sich nicht mehr einfach jeden Tag Liebe holen und Energie tanken konnte. Das geht auf die Entfernung nicht." Patrick ergänzt: "Dann ist man mit Worten zärtlicher und versucht, das Defizit an Nähe über die Sprache hinzubekommen." Im Gegensatz zu Pascal und seiner Freundin telefonierten sie jeden Tag über Skype, oft mehrere Stunden lang, und schrieben sich mehrere SMS. Nach dem Jahr zogen die beiden zusammen und heirateten einige Monate später.
Jeden Tag telefonieren und SMS schreiben
Patrick glaubt, dass der früheren Kommunikation in Fernbeziehungen vor allem eine andere Zeitwahrnehmung zugrunde lag: "Vor Hunderten Jahren, da wusstest du, es gibt andere Länder, aber hast nicht dauernd Bilder davon gesehen oder die aktuellen Nachrichten aus der letzten Ecke der Welt sofort gehabt. Damals wusstest du, dass die Nachrichten, auch vom Partner, eben lange brauchen. Heute hat sich mit der Schnelligkeit des Informationsaustausches das Gefühl für Zeitabstände unheimlich beschleunigt. Eben auch bei der Kommunikation mit dem Partner."
Pascal setzt nicht ausschließlich auf den direkten Austausch: Er führt Tagbuch für seine Freundin. Auf seinem Laptop. Dann zieht er alles auf seinen USB-Stick, den er an seinem freien Tag im Internetcafé an den Computer anschließt, kopiert es in die Mail und sendet es seiner Freundin. Patrick und Gesa ließen hingegen auch beim Aufräumen oder Kaffeekochen nebenher Skype laufen. In beiden Fällen, beim täglichen ausgedehnten Telefonat und beim Tagebucheintrag, geht es für beide darum, wie Pascal sagt, "den Partner am eigenen Leben teilhaben zu lassen und ihn einzubeziehen."
Die vielen Spielarten der schnellen Kommunikation ermöglichen aber nicht nur eine vermeintliche Nähe, sondern auch eine gemeinsame Perspektive aufrechtzuerhalten. Meist in Form eines fixen Datums, zum Beispiel der Tag des nächsten Wiedersehens, oder eines gemeinsamen Ziels in der Zukunft. Bei Pascal und Maria ist es der 5. Juli, bei Patrick und Gesa waren es die gemeinsame Wohnung und die Ehe. "Eine Fernbeziehung ist dann erträglich, wenn man eine gemeinsame Zukunft absehen kann", sagt Gesa. Pascal sieht das, Tausende Kilometer entfernt, so ähnlich: "Wir sind stolz, zehn Monate geschafft zu haben. Und obwohl wir uns so gerne sehen würden, wissen wir, dass es so gut ist, wie es ist. Für den Moment, aber nicht auf Dauer."
Als Ingeborg Bachmann den Brief an Paul Celan schrieb, gab es kein klar definiertes Ziel: Sie wusste weder, wann sie ihn das nächste mal hören, geschweige denn wiedersehen würde. In einer Zeit, in der man über das Handy, Telefon und Internet in fast jeder Ecke der Welt erreichbar ist, scheint es unvorstellbar, so lange auf eine Antwort zu warten - ohne die Beziehung oder Freundschaft grundlegend in Frage zu stellen. Vor allem, wenn Hunderte Kilometer, Ländergrenzen, Zeitzonen und eine Menge offener Fragen zwischen den beiden Partnern liegen.
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