Rückenwind für Grüne

Das Projekt Stuttgart 21 entscheidet die Wahl

Jörg Nauke, veröffentlicht am 07.06.2009
Bild 1 von 7
Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Freudentänze der Grünen, Fassungslosigkeit bei CDU und SPD – das waren die Reaktionen auf die SWR-Prognose zur Kommunalwahl. Die Verlierer haben ihr Bekenntnis zu Stuttgart 21 erneuert. Die Sieger sehen Chancen, den Tiefbahnhof zu verhindern.

 
 


Tabelle: StZ
Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap haben gestern vor den Wahllokalen 5000 Bürger gebeten, anonym über ihr Abstimmungsverhalten zu informieren. Außerdem sollten sie sagen, ob ihre Entscheidung von Stuttgart 21 beeinflusst gewesen sei. Stunden später hat die Summe aller Antworten im Rathaus wie eine Bombe eingeschlagen. Kurz nach 18 Uhr wurde bekannt, dass die Grünen wohl 8,7 Prozentpunkte zugelegt haben und mit 27 Prozent der Stimmen künftig die stärkste Fraktion im größten Rathaus des Landes sein könnten. Dagegen müssen die CDU und die SPD erhebliche Verluste hinnehmen. "Nur noch in Tübingen sind die Grünen stärker", jubelte Doris Peppler-Kelka, die ausscheidende Grünen-Stadträtin, die man im Vorfeld für ihre 21,8-Prozent-Prognose ausgelacht hatte.



Nach den Zahlen von Infratest dimap im Auftrag des SWR sackt die CDU um 6,4 Punkte auf 26,5 Prozent ab. Auch die SPD verliert um 7,3 Punkte auf 15,5 Prozent. Nach einer ersten Hochrechnung durch den Stuttgarter Wahlleiter und Ordnungsbürgermeister Martin Schairer würde sich, sofern dieses Ergebnis einträfe, die Sitzverteilung im neuen Gemeinderat deutlich ändern. Die CDU käme danach auf 17 Sitze (bisher 21), die Grünen hätten ebenfalls 17 Sitze (bisher 11), die SPD käme auf 9 Sitze (14), die FDP auf 6 (4), die Freien Wähler auf 6 (6), Linke und SÖS hätten künftig 2 Sitze (bisher je 1) und die "Republikaner" 1 Sitz (bisher 2).

Als entscheidend für den Wahlausgang haben alle Beteiligten das Großprojekt Stuttgart21 ausgemacht, für das vor wenigen Wochen die Finanzierungsvereinbarung unterschrieben worden ist und vor allem von CDU und SPD getragen wird. Infratest dimap hat ermittelt, dass 54 Prozent der Wähler gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 sind. Für den unterirdischen Durchgangsbahnhof sprachen sich nur 38 Prozent aus. 39 Prozent gaben an, dass das Bauprojekt ihre Wahlentscheidung zur Gemeinderatswahl beeinflusst habe. Über 50 Prozent verneinten dies. Die Spitzenkandidaten der Grünen, Muhterem Aras und Werner Wölfle, sagten, es gebe zwar bereits Verträge zum Bahnprojekt. Sie rechnen aber damit, dass das Wahlergebnis bei den Verantwortlichen "Denkprozesse auslösen wird". Noch sei das Projekt nicht in trockenen Tüchern. Davon geht auch Hannes Rockenbauch von der SÖS aus, die mit ihrem Protest gegen den Tiefbahnhof ihr Ergebnis ebenso verdoppelt hat wie die Linke.

Obwohl Freie Wähler und FDP zulegen konnten, ist die Mehrheit des bisher im Rathaus dominierenden konservativen Bündnisses mit der CDU nun gefährdet. "Das bürgerliche Bündnis sind jetzt wir", betonte Wölfle. Während Muhterem Aras "nur noch glücklich" war, zeigte sich Wölfle erleichtert – hatte doch seine Ankündigung, Stuttgart 21 kritisch, aber auch konstruktiv zu begleiten, bei Parteifreunden Misstöne erzeugt. Im Stuttgarter Rathaus einmal nicht mehr die stärkste Macht zu sein, womöglich aus dem größten Fraktionsbüro in ein kleineres umziehen zu müssen, das war für die CDU bis gestern undenkbar. Persönliche Konsequenzen schloss die Spitzenkandidatin Iris Ripsam aber aus. Sie fühle sich "prädestiniert, die Fraktion in schwieriger Zeit zu führen". Die CDU nehme auch Niederlagen entgegen und gehe aus solchen gestärkt hervor. An der Stuttgart-21-Politik der CDU werde sich jedenfalls nichts ändern.

Eher dürftigen Beifall im Ratskeller erntete auch der Kreisvorsitzende Michael Föll. Er räumte ein "enttäuschendes Ergebnis" ein. Besonders bitter wäre es, wenn die CDU nicht mehr stärkste Fraktion werden sollte. Das Ergebnis sei seiner Ansicht nach nicht wesentlich durch Stuttgart21 geprägt – Föll verwies auf die Verluste der Christdemokraten bei der Europawahl. Für den SPD-Fraktionschef Manfred Kanzleiter ist das Ergebnis "nur schwer zu ertragen". Ob er zurücktreten sollte, ließen er und Kreischef Andreas Reißig offen. Reißig griff allerdings OB Schuster scharf an. Dieser hätte 2007 nach der Vorvereinbarung zu Stuttgart 21 eine Aufklärungskampagne starten müssen.
 
Kommentare
Thomas Beck,
20.06.2009 09:29
Durch neue Informationen, weiteres Nachdenken und die gewissenhafte Einschätzung des Sachverhalts, dass ein Tiefbahnhof in Suttgart einen unglaublich teuren Flaschenhals erzeugt, sind die Gemeinderäte der Volksparteien im Rathaus nun umgefallen - denn sie sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.
Thomas Hirche, Stuttgart,
19.06.2009 15:42
Zum Dritten. Nach dem entlarvenden Artikel "Wahlergebnis soll S.'21 nicht aus der Spur bringen"

Klingberg, einer der eiskaltesten Durchdrücker von S'21 hat sofort den Kuli gezückt (oder Pinsel,...) und mit seiner Unterschrift S'21 förmlich festzementiert. Die anderen Unterzeichner: Gabriele Müller-Trimbusch (FDP) an Schusters Stelle. Also CDU/FDP, zwei Parteien, die den Bonatztod '21 "ums Verrecken" wollen. Köberle/Bopp (CDU) dto. Ersterer hat sogar den Mumm (& die Joker?), per Kopfschütteln unsere bitteren und erbitterten Kämpfe gegen ein völlig unsinnig-unnötiges Projekt als quasi Spielerei abzuwinken, sich auch noch sicher tun könnend, daß (nur einzel-quantitativ als Machtsumme auch wirklich so erscheinend) "die Parteien" für S'21 eine Mehrheit besitzen.

Völlig verschwiegen wird aber der Wahl-Ruck in Richtung Grünöko/links, in Richtung gegen '21 und volksfreundlich. Letzterer (Bopp) vergleicht die Baustelle mit einer anderen, deren Ende wegen des engmaschigen S-Bahnnetzes im Fahrtakt durchaus fürs Volk einen Nutzen ergibt, wenngleich die ewige Tunnelfahrt vom Stadtrand zum Stadtrand nur noch anödet. Vorgeschoben werden in der Bopp'schen Betrachtung aber die Bauunannehmlichkeiten, sowohl damals, als, wohl deutlich verstärkt, zukünftig. Drehen wir den S-Nutzen aber doch mal um: arg Behinderte haben, besonders auch dann, wenn Fahrstuhlhilfen wiedermal defekt sind, jetzt noch einige Mühe, rasch zur S zu gelangen. Es ginge auch anders (bloß war damals die Aufwach- und Sensibilisierungsquote im Volk noch viel zu gering, das sprichwörtliche Faß also noch nicht am Überlaufen): Sowie der Deckel gestanden wäre, UNTEN Asphalt und Trennstreifen hin und die Autos dorthin verbannen, wo Abgase die Botanik nimmer stören können, auf den Deckel aber die Schienen für die umweltfreundlichen Stadt-/S-Bahnwagen legen und gegen Störfälle noch mehr Weichenwechsel zwischen den Stationen bauen. Schwerbehinderte können ohne Komplikationen sofort über treppenlose Rampen auf den Bahnsteig und niveaugleich die S entern. Was dito aber jetzt schon schwierig ist, steigert sich bei S'21 um ein Vielfaches. Und das in ALLEN Belangen. Und Bopp: (Abs.5) "Manchmal müsse man eben unpopuläre...entstehen kann." Das Durchdrücken wird immer "gewalttätiger" gegen uns Volk, speziell Lo(o)ser, getrieben, damit sich das Schlechtere immer weiter steigern kann, das ist die Wahrheit. Und gegen "Demokratie"!!

Zurück zu Klingberg: Absatz 5:" 'Keine.' So lautete...gedenke". Kurz und bündig-klar: gaaanz eiskalt, schon bewiesen. Man denke, (besonders, sofern anwesend), an die Diskussionsrunde in der König-Karl-Halle (2007) über '21. Wie Mr. Klingberg am liebsten die Diskussion abwürgen wollte. Und die Buhpfiffe, etc. "Er betonte,..." (Satzende). Er nimmt einen Besen, schwingt mal kurz, und Volkes Widerwille (nicht nur "Unbehagen") ist aus den Amtsstuben weggefegt. Wir können nur sagen: "schade, daß wir nicht auch diverse Bahn-Leute (ab-)wählen können, sondern "nur" Parteien/Politiker. Er wäre der erste, der im Gemeinderat den Hut ziehen müßte. Dann der ganze letzte Absatz (6): Man spürt förmlich den Besen, und wie Klingberg sich mit seinem Tunnelblick panzert, und mit einem eiskalt angesprochenen "Snowball-System" jokert: "Nicht A (Bahn), sondern B (Stadt) hat Verantwortung. Und Wissen. Es schiebt sich herrlich hin und her.

Fazit: Keiner hat was aus der Wahl gelernt, im Gegenteil: das Projekt wurde durch unsere (zum Glück noch demokratische) Wahl schwer angefochten, wirkt sich durchs Abprallen an den "Abgestraften" (geschickte Taktik(en)!) aber LEIDER (bislang) nur als Bumerang gegen unsere Verzweiflung aus. Wir können förmlich die Gipskeuperhirne spüren. Also Ermunterung an die Gegner: jetzt erst recht aufsässig! Quengeln, buhlen, bohren... um jeden mm gegen '21!

Salem!
Manuel,
17.06.2009 11:50
"Reißig: Die SPD stehe hinter Stuttgart21."
-------------------------------------------------
Folglich: SPD vollständig unwählbar.

Apple

Steve Jobs stellt iPad 2 selbst vor

Würde er auftreten oder nicht? „18.57 Uhr, Steve Jobs ist bisher nicht zu sehen“, lautet die Nachricht auf Applenews.de.mehr

Vor dem Spiel gegen Schalke

Cacau bricht Training ab

Können die Spieler des VfB Stuttgart nach dem zweiten Auswärtssieg gegen Eintracht Frankfurt (2:0) auch Schalke 04 bezwingen? mehr
Anzeigen

Anzeige

Stuttgart 21
Alle Infos zum Bahnprojekt
Stuttgart 21 finden Sie hier »
Aktuelle Videos


Nachrichten-Ticker
22:46 Ban und Annan verurteilen Tötung von Zivilisten in Al-Hula »
22:42 Die Lottozahlen »
21:50 Zwei Frauen im Mönchengladbacher Bahnhof zusammengeschlagen »
21:46 De Maizière will mehr Süddeutsche beim Militär »
20:54 Finanzministerium hält Flugsteuer nicht für schädlich »
1  2  3  4  5  6  7    weiter
Anzeige

Ausgewählte Adressen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
Veranstaltungen

26.05. | Wein-Musketier Stuttgart-Degerloch

Körperlandschaften

Sandra Wolf stellt Aktfotografien aus mehr
Finden Sie
Heute können Sie aus 358 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.