Reportage

Ein politisches Erdbeben

Mathias Bury und Thomas Braun, veröffentlicht am 08.06.2009
Foto: Stollberg

Stuttgart - Es schien ein Wahlabend in Stuttgart zu werden wie andere auch. Aber dass die CDU bei der Kommunalwahl ein Desaster erlebt und die Grünen stärkste Fraktion werden könnten, hat keiner gedacht. Nun erwarten die Mitglieder einen Politikwandel und das Ende von Stuttgart 21.

Das Schlesinger an der Schlossstraße ist seit Jahren die Adresse für die Wahlpartys der Grünen. Bereits zehn Mal haben die Anhänger der Ökopartei in dem Studentenlokal ihre Erfolge gefeiert, und es hat bei den zurückliegenden Wahlen immer wieder Anlass dazu gegeben. An diesem Abend herrscht die übliche Routine. Kurz vor sechs verlieren sich ein paar Parteimitglieder in dem mit grünen Luftballons und Sonnenblumen geschmückten Raum, es sind eher weniger als sonst.

Anders ist nur, dass diesmal drinnen nicht geraucht wird. Und Mark Breitenbrüche, der wieder für die Technik zuständig ist, hat seinen neun Monate alten Sohn Max auf dem Arm. "Gell Max, wir sind gegen Stuttgart 21, weil du das sonst bezahlen musst", scherzt Breitenbrüche. Natürlich schätzt er, dass die Grünen vom Unmut vieler Bürger über das Milliardenprojekt bei der Kommunalwahl profitieren werden. "20 Prozent plus x", äußert Breitenbrüche sich zurückhaltend.

Auch Wolfgang Jaworek schätzt die Lage verhalten ein. Der altgediente Bezirksbeirat aus Stuttgart-Süd wartet auf sein Essen. Er schaut auf die Leinwand, wo in Kürze die ersten Hochrechnungen der Europawahl erscheinen werden. Jaworek fragt sich, ob der Slogan "Stuttgart 21 abwählen" wirklich zum Tragen komme. Und mit 18,7 Prozent der Stimmen bei der vergangenen Kommunalwahl und sogar 28,5 Prozent im Süden sei "die Latte doch ziemlich hoch", denkt er sich.

"Stuttgart 21 ist tot"

Die ersten Zahlen zur Europawahl scheinen die Zurückhaltung zu bestätigen. Als die Bedienung dann den großen Salat auf den Tisch stellt und gleichzeitig die SWR-Prognose zur Kommunalwahl auf die Wand projiziert wird, da bleibt dem erfahrenen Grünen Jaworek die Spucke weg. "Ich kann gar nichts mehr essen", sagt er und schaut auf seinen Salat.

Zu diesem Zeitpunkt wussten die Spitzenkandidaten Muhterem Aras und Werner Wölfle im Stuttgarter Rathaus schon einige Minuten Bescheid. Als ein von der Prognose Informierter der Deutsch-Türkin Aras "27 Prozent" ins Ohr flüstert, da sacken ihr die Beine weg. Wölfle fängt sie gerade noch auf. Im Schlesinger hingegen sind die jungen Parteifreunde gefasster. "Stuttgart 21 ist tot", ruft einer. Als die CDU-Fraktionschefin im Gemeinderat, Iris Ripsam, mit bedröppelter Miene auf dem Bildschirm erscheint und von einer Ohrfeige für die Union spricht, feixt einer: "Was heißt hier Ohrfeige!"

Dass sich, sollte sich diese Prognose des SWR bei der Auszählung der Stimmzettel bestätigen, an diesem Sonntag ein kommunalpolitisches Erdbeben in der Landeshauptstadt ereignet hat, scheint vielen Wahlpartybesuchern erst langsam bewusst zu werden. Für Heribert Meiers, den Chef des Schlesinger, der seit 20 Jahren bei den Grünen ist und das am Sonntag eigentlich geschlossene Lokal für die Wahlpartys der Ökopartei stets offen hält, ist ein lang ersehnter Tag gekommen: "Jetzt kann politisch endlich mal was gegen den schwarzen Filz gemacht werden", schimpft Meiers am Tresen. "Das tut richtig gut." Was Stuttgart21 angeht, hat er eine einfache Erklärung für das Wahlergebnis: "Das ist der Bürgerentscheid, der uns von der Politik verweigert worden ist."

CDU-Mitglied freut sich über den Erfolg der Grünen

Unter den Gästen des Restaurants wird heftig debattiert, und zwar nicht nur von Mitgliedern der Umweltpartei. Auf einer der Bierbänke sitzt Axel Führinger vor seinem Bierglas. Eigentlich gehört er hier gar nicht hin, denn der 51 Jahre alte Unternehmensberater ist ein bekennendes CDU-Mitglied. Das will er auch bleiben, und bundespolitisch lässt er nichts auf die Union kommen. Seinen Parteikollegen in Stuttgart aber hat Führinger die Gefolgschaft aufgekündigt. "Wer die Wähler für dumm verkauft und den Willen des Volkes ignoriert, der muss sich nicht wundern", kommentiert er die Wahlprognose, die der CDU ein Minus von 6,4 Prozent vorhersagt. Wenn es um die geplante Tieferlegung des Hauptbahnhofs geht, kennt Führinger keine Gnade mit der Union. "Der Bürgerentscheid ist bürokratisch verhindert worden. Darum sitze ich hier und freue mich über jedes Prozent für die Grünen."

Bei der CDU herrscht am Sonntagabend dagegen Katzenjammer. 6,5 Prozent prognostizierte Einbußen gegenüber der Kommunalwahl 2004 - das ist für viele Christdemokraten ein Debakel. Vergeblich bemühten sich der CDU-Kreisvorsitzende Michael Föll und die Fraktionschefin Iris Ripsam, die Stimmung bei der CDU-Wahlparty im Stuttgarter Ratskeller zu heben. Parteimitglieder sprechen von einem "dramatischen Einbruch". Der Trost, den die Fraktionschefin der versammelten Runde spendet ("Ich weiß ja, dass die CDU auch Niederlagen entgegennimmt und daraus gestärkt hervorgeht"), quittieren die Parteimitglieder mit lauem Beifall.
 

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