Bildungsstreik hat begonnen

Studierende kämpfen an zwei Fronten

Inge Jacobs und Viola Volland, veröffentlicht am 15.06.2009
Foto: dpa

Stuttgart - Seit Montag streiken viele Studierende der Universität Stuttgart. Es geht um weit mehr als den Masterplan des Rektorats. Doch er ist es, der polarisiert. Der Historiker Olshausen hat die 550 Freunde des historischen Instituts zum Protest aufgerufen.


  Von Inge Jacobs und Viola Volland

 
Zwischen den Hochhäusern K I und KII haben die Streikenden ein gut sichtbares großes Zelt aufgebaut: Im Streikcamp werden Mahlzeiten verkauft und Flugblätter verteilt. Sonst ist es am Vormittag noch vergleichsweise ruhig auf dem Campusgelände der Universität Stuttgart in der Innenstadt.

Dabei laufen bereits die ersten Workshops aus dem Streikprogramm: Im ehemaligen Dienstleistungszentrum der Bahn lassen sich 40 Studenten zeigen, wie sie besser mit Stress umgehen können, in einem Seminarraum gehen 18 Jungakademiker der Frage nach, wie eine alternative Bildungspolitik konkret aussehen könnte. Als sie sagen sollen, warum sie an dem Workshop teilnehmen, wird immer wieder derselbe Grund als Motivation genannt: der Masterplan des Rektorats, der eine Umwidmung von 24 Professuren vornehmlich zulasten der Geistes- und Sozialwissenschaftler vorsieht. "Ich möchte nicht die Uni wechseln müssen", sagt zum Beispiel die Lehramtsstudentin Rebecca.

Beim Bildungsstreik geht es inhaltlich um viel mehr als um den Masterplan. Die Studenten fordern die Abschaffung von Studiengebühren, mehr Mitbestimmung an den Hochschulen sowie eine Umgestaltung des Bachelor-Mastersystems. Aber die Pläne des Rektorats sind es offensichtlich, die viele Studierende motivieren, an dem Ausstand teilzunehmen und sich inhaltlich einzubringen.

Große Demonstration am Mittwoch

Mehr als 100 Semesterwochenstunden an Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden stehen in dem "Kommentierten alternativen Vorlesungsverzeichnis", das die Organisatoren vom Arbeitskreis Bildung für diese Woche ausgearbeitet haben. "Wir wollen zeigen, dass wir Ideen haben und nicht nur gegen etwas sind", erklärt Sara Nanni, die den Workshop "Welche Bildung wollen wir?" leitet - hier werden konkrete Konzepte erarbeitet. Höhepunkt des Bildungsstreiks soll die große Demonstration am Mittwoch sein, hinter der ein breites Bündnis aus Studierenden, Schülern, Auszubildenden, Erzieherinnen, Eltern und Gewerkschaften steht. Erwartet werden 10000 Teilnehmer. "Unsere Ziele sind eigentlich dieselben, der Bündnisgedanke ist ganz wichtig", sagte Dirk Lenz von der Initiative Volluniversität bei einer Pressekonferenz am Montag im Gewerkschaftshaus.

Während die Schüler am Mittwoch vor allem gegen die Begleiterscheinungen des achtjährigen Gymnasiums und überfüllte Klassen protestieren, die Erzieherinnen bekanntermaßen für eine höhere Bezahlung und einen besseren Gesundheitsschutz auf die Straße gehen, kämpfen die Studierenden also auf zwei Ebenen: für ihre bildungspolitischen Forderungen und auf lokaler Ebene gegen die Pläne des Rektorats. "Das Ziel der Streikwoche ist für uns, dass der Masterplan gekippt wird", sagt Dirk Lenz im Namen der Initiative Volluniversität. Sara Nanni vom Arbeitskreis Bildung erläutert, dass die mangelnden Mitbestimmungsrechte der Studierenden Ausdruck des Masterplanes seien.

Derweil mehrt sich die Zahl prominenter Gegner der Pläne von Rektor Wolfram Ressel. Aus den Geisteswissenschaften an der Universität Stuttgart werde durch die geplanten Einschnitte ein "Scherbenhaufen", unattraktiv für die Forschung und für die Lehre - und ein kulturelles Fiasko für die Stadt, befürchtet beispielsweise Eckart Olshausen. Der frühere Leiter des Historischen Instituts, der immer noch im vollen Umfang lehrt, hat als Vorsitzender des Vereins der Freunde des Historischen Instituts dessen 550 Mitglieder zum Protest gegen die Umbaupläne von Rektor Ressel aufgerufen.

Profil nicht auf Kosten der Lehrkräfte schärfen

Mit Unverständnis reagiert auch der Noch-Lehrstuhlinhaber der Landesgeschichte, Franz Quarthal. Zwar soll sein Lehrstuhl erhalten bleiben, jedoch auf Technikgeschichte reduziert werden. Damit könne dieser nicht mehr seiner Ausrichtung als Integrationswissenschaft gerecht werden, gibt Quarthal zu bedenken. Derzeit sei ein Viertel seiner Studierenden Migranten, viele davon aus türkischen Familien. "Wir helfen, diese Leute zu beheimaten."

Dies geschehe, indem man sie nicht mit antiquarischer Wissenschaft konfrontiere, sondern einen Bezug zu ihren eigenen Wurzeln herstelle - und auch zur hiesigen Landesgeschichte, und stets an exemplarischen Orten. Entscheidend für viele dieser jungen Aufsteiger, die aus der ganzen Region stammten, sei, so Quarthal, dass sie fürs Studium die S-Bahn benutzen könnten und nicht auf ein teures Zimmer angewiesen seien.

Dieses Argument teilt auch die CDU-Landtagsabgeordnete Andrea Krueger. Zudem dürfe eine Profilschärfung der Uni nicht zu Lasten der Lehrerausbildung gehen. "Die Hochschulautonomie ist zu akzeptieren, aber eine Beschädigung des Hochschulstandortes nicht." Die geplante Reduzierung der Lehramtsfächer würde, so Krueger, "faktisch nahezu das Ende der Gymnasiallehrerausbildung im Regierungsbezirk Nordwürttemberg bedeuten". Am Mittwoch wird der Senat der Universität über die Pläne befinden.

Protestaktionen in dieser Woche

Schüler und Studenten wollen mit einer Vielzahl an Aktionen auf sich und ihre Ziele aufmerksam machen.

>Am Dienstag ruft die Initiative Volluniversität dazu auf, die Diskussionsrunde "Wofür brauchen wir noch Ingenieure" um 18 Uhr mit dem Chefredakteur von Zeit Campus, Manuel J. Hartung, und Wissenschaftsminister Peter Frankenberg im Hörsaal 17.02, Keplerstraße 17, zu besuchen.

>Am Mittwoch beginnt die Großdemonstration von Schülern, Studenten, Eltern und Erzieherinnen um 10 Uhr in der Lautenschlagerstraße.

>Am Donnerstag protestieren Schüler um 16 Uhr vor dem Kultusministerium, um 17Uhr haben sie auf dem Schlossplatz die Aktion "Bildung geht Baden" geplant.

>Am Freitag beginnt um 14 Uhr ein Straßenfest auf dem Marktplatz.

 
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