Alle Anderen
Unter südlicher Sonne
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 18.06.2009
Filmbeschreibung
Gitti und Chris sind ein Paar. Gemeinsam verbringen die beiden ein paar Tage im Ferienhaus von Chris' Eltern auf Sardinien. Man hat keine Verpflichtungen, liegt am Pool herum, geht wandern, hat Sex, kocht und schlägt die Zeit tot. Gitti und Chris sind "Thirtysomethings" von geradezu soziologischer Verbindlichkeit und hohem Wiederkennungsgrad. Chris (Lars Eidinger) ist ein Nachwuchsarchitekt, der es noch nicht geschafft hat. Gitti (Birgit Minichmayr) ist Promoterin bei einer Plattenfirma. Er, introvertiert, hält große Stücke auf seine Unabhängigkeit. Sie, extrovertiert, hat eigentlich keine Pläne.
Bereits nach wenigen Minuten beginnt man sich zu fragen, wie diese beiden Menschen wohl zusammengekommen sein mögen, bereits nach wenigen Minuten beginnt der Film von Maren Ade auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Horrorfilm zu wandeln, werden die Rituale der Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit deutlich sichtbar. Was im Berliner Alltag sicher gut funktioniert, bekommt in der konzentrierten Nähe des Feriendomizils schnell Risse. Immer wieder gleiten Gespräche unversehens in Rollenspiele ab, die fast automatisch ins Kindliche regredieren. Zu Hause guckt man auch sicher gemeinsam "Die Sendung mit der Maus" und geht am Sonntagabend zum "Tatort"-Gucken in die Szenekneipe.
Doch auf Sardinien gibt es keine Szenekneipe. Außerdem steckt Chris in einer Krise. Sein Idealismus ist zwar schick, verschlechtert aber die Auftragslage. Plötzlich stehen Fragen im Raum: Merkt man eigentlich, dass man erwachsen geworden ist? Was bedeutet es, "männlich" zu sein? Was jetzt noch fehlte, wäre, wenn der erfolgreiche Kollege Hans "zufällig" auftauchen würde, weil der raushat, immer "zufällig" zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und es so schon auf die Documenta geschafft hat, mit "rebellischer Architektur". Hans hat Erfolg, erklärt Chris, weil er macht, was "in" ist, ohne doof zu sein. Chris und Gitti wissen auch ganz genau, was "in" ist, wollen aber gerade nicht so sein wie alle anderen. Gitti ist diesbezüglich etwas flexibler als Chris, spricht auch mal wildfremde Menschen an, was Chris als "auf volksnah machen" charakterisiert.
Anfangs ist das Paar sich zumindest noch einig über den schlechten Geschmack von Chris' offenbar vermögenden Eltern. Man lebt zwar in potenziell prekären Verhältnissen, hat aber immerhin das richtige ästhetische Empfinden. Doch diese Übereinstimmung hält dem Druck nicht lange stand, als Gitti plötzlich wie eine Erwachsene zu sprechen beginnt und sich ihre Gedanken über Chris macht. Dessen Unabhängigkeit könnte ja Züge einer gewissen Unentschlossenheit tragen, nicht wahr? Hatte Chris kurz zuvor noch angemahnt: "Können wir bitte mal normal reden?", so geht er jetzt bruchlos auf Distanz: "Woher glaubst du eigentlich, dass du mich jetzt so gut kennst? Ich wollte über etwas ganz anderes reden!"
Später wird Gitti auf die übliche kindliche Weise versuchen, diesen Affront aufzuheben, doch da ist die Krise bereits ins Rollen gekommen, die unvermittelt ganz existenzielle Fragen aufwirft: Welche Geschlechterrollen stehen aktuell zur Verfügung? Wie kommuniziere ich Liebe? Wie werde ich "ich"? Wann weiß ich, dass ich "ich" geworden bin? Maren Ade und ihr Kameramann Bernhard Keller registrieren in diesem Film, der ganz auf die Präsenz seiner herausragenden Darsteller baut, kunstvoll all diese Momente, die wie bei einem Schachspiel Zug um Zug in die Krise führen, halten sich aber mit Bewertungen zurück, was den Film noch erbarmungsloser und trauriger macht. Chris ist schnell als letztlich eitler und selbstbezogener Typ entlarvt, aber deshalb taugt Gitti noch längst nicht zur Identifikationsfigur.
Das wird spätestens dann deutlich, als Chris in einem Supermarkt ganz "zufällig" Hans (großartig als Arschloch: Hans-Jochen Wagner) und Sana (Nicole Marischka) trifft. Jetzt werden all die Dinge, die bisher verhandelt wurden und in Bewegung gerieten, in einem zweiten Paar gespiegelt. Auch Hans ist, wie bereits erwähnt, Architekt, aber erfolgreich. Und Sana ist schwanger. Beim Abendessen kommt es zum Showdown. Es geht um Distinktion und Verrat, vielleicht sogar um Klassenkampf. Aber während Gitti sich instinktiv gegen das gönnerhafte Auftreten von Hans zu wehren beginnt und im Wortsinne ihre Existenz behauptet, sieht Chris in der Begegnung seine Chance auf ein berufliches Fortkommen. Nach gut einer Stunde Film ist die Beziehung zwischen Gitti und Chris am Ende. Er distanziert sich von ihr und fordert sie auf, sich künftig am Verhalten der Anderen zu orientieren. "Aber ich will nicht sein wie alle Anderen", sagt sie - und klingt jetzt ziemlich einsam.
Wäre der Film hier zu Ende, er wäre schon großartig. Aber Maren Ade setzt noch eins drauf: Auf die Destruktion folgt die Rekonstruktion: Der wirtschaftliche Erfolg lässt Chris plötzlich als sehr männlich erscheinen. Und Gitti freundet sich mit ihrer Weiblichkeit an. Ein drittes Paar kommt hinzu und wird mit der gebotenen Arroganz abgekanzelt. Am Ende sind die Kämpfe gekämpft, die Entscheidungen gefallen. Chris und Gitti sind bereit für ein ganz normales, beschädigtes Leben. Und Herbert Grönemeyer singt dazu: "Ich liebe dich."
Bereits nach wenigen Minuten beginnt man sich zu fragen, wie diese beiden Menschen wohl zusammengekommen sein mögen, bereits nach wenigen Minuten beginnt der Film von Maren Ade auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Horrorfilm zu wandeln, werden die Rituale der Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit deutlich sichtbar. Was im Berliner Alltag sicher gut funktioniert, bekommt in der konzentrierten Nähe des Feriendomizils schnell Risse. Immer wieder gleiten Gespräche unversehens in Rollenspiele ab, die fast automatisch ins Kindliche regredieren. Zu Hause guckt man auch sicher gemeinsam "Die Sendung mit der Maus" und geht am Sonntagabend zum "Tatort"-Gucken in die Szenekneipe.
Doch auf Sardinien gibt es keine Szenekneipe. Außerdem steckt Chris in einer Krise. Sein Idealismus ist zwar schick, verschlechtert aber die Auftragslage. Plötzlich stehen Fragen im Raum: Merkt man eigentlich, dass man erwachsen geworden ist? Was bedeutet es, "männlich" zu sein? Was jetzt noch fehlte, wäre, wenn der erfolgreiche Kollege Hans "zufällig" auftauchen würde, weil der raushat, immer "zufällig" zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und es so schon auf die Documenta geschafft hat, mit "rebellischer Architektur". Hans hat Erfolg, erklärt Chris, weil er macht, was "in" ist, ohne doof zu sein. Chris und Gitti wissen auch ganz genau, was "in" ist, wollen aber gerade nicht so sein wie alle anderen. Gitti ist diesbezüglich etwas flexibler als Chris, spricht auch mal wildfremde Menschen an, was Chris als "auf volksnah machen" charakterisiert.
Anfangs ist das Paar sich zumindest noch einig über den schlechten Geschmack von Chris' offenbar vermögenden Eltern. Man lebt zwar in potenziell prekären Verhältnissen, hat aber immerhin das richtige ästhetische Empfinden. Doch diese Übereinstimmung hält dem Druck nicht lange stand, als Gitti plötzlich wie eine Erwachsene zu sprechen beginnt und sich ihre Gedanken über Chris macht. Dessen Unabhängigkeit könnte ja Züge einer gewissen Unentschlossenheit tragen, nicht wahr? Hatte Chris kurz zuvor noch angemahnt: "Können wir bitte mal normal reden?", so geht er jetzt bruchlos auf Distanz: "Woher glaubst du eigentlich, dass du mich jetzt so gut kennst? Ich wollte über etwas ganz anderes reden!"
Später wird Gitti auf die übliche kindliche Weise versuchen, diesen Affront aufzuheben, doch da ist die Krise bereits ins Rollen gekommen, die unvermittelt ganz existenzielle Fragen aufwirft: Welche Geschlechterrollen stehen aktuell zur Verfügung? Wie kommuniziere ich Liebe? Wie werde ich "ich"? Wann weiß ich, dass ich "ich" geworden bin? Maren Ade und ihr Kameramann Bernhard Keller registrieren in diesem Film, der ganz auf die Präsenz seiner herausragenden Darsteller baut, kunstvoll all diese Momente, die wie bei einem Schachspiel Zug um Zug in die Krise führen, halten sich aber mit Bewertungen zurück, was den Film noch erbarmungsloser und trauriger macht. Chris ist schnell als letztlich eitler und selbstbezogener Typ entlarvt, aber deshalb taugt Gitti noch längst nicht zur Identifikationsfigur.
Das wird spätestens dann deutlich, als Chris in einem Supermarkt ganz "zufällig" Hans (großartig als Arschloch: Hans-Jochen Wagner) und Sana (Nicole Marischka) trifft. Jetzt werden all die Dinge, die bisher verhandelt wurden und in Bewegung gerieten, in einem zweiten Paar gespiegelt. Auch Hans ist, wie bereits erwähnt, Architekt, aber erfolgreich. Und Sana ist schwanger. Beim Abendessen kommt es zum Showdown. Es geht um Distinktion und Verrat, vielleicht sogar um Klassenkampf. Aber während Gitti sich instinktiv gegen das gönnerhafte Auftreten von Hans zu wehren beginnt und im Wortsinne ihre Existenz behauptet, sieht Chris in der Begegnung seine Chance auf ein berufliches Fortkommen. Nach gut einer Stunde Film ist die Beziehung zwischen Gitti und Chris am Ende. Er distanziert sich von ihr und fordert sie auf, sich künftig am Verhalten der Anderen zu orientieren. "Aber ich will nicht sein wie alle Anderen", sagt sie - und klingt jetzt ziemlich einsam.
Wäre der Film hier zu Ende, er wäre schon großartig. Aber Maren Ade setzt noch eins drauf: Auf die Destruktion folgt die Rekonstruktion: Der wirtschaftliche Erfolg lässt Chris plötzlich als sehr männlich erscheinen. Und Gitti freundet sich mit ihrer Weiblichkeit an. Ein drittes Paar kommt hinzu und wird mit der gebotenen Arroganz abgekanzelt. Am Ende sind die Kämpfe gekämpft, die Entscheidungen gefallen. Chris und Gitti sind bereit für ein ganz normales, beschädigtes Leben. Und Herbert Grönemeyer singt dazu: "Ich liebe dich."
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Highlights am 27.05.
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Premiere: Es gibt noch Restkarten - Renitenztheater
Legendäre Meisterwerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg - Landesmuseum Württemberg
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