Kommissar Bellamy
Kleiner Film, durchtalpt von einem Koloss
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 09.07.2009
Filmbeschreibung
- Doch, kann es. Rechtzeitig vor seinem Achtzigsten hat Claude Chabrol sich einen alten Wunsch erfüllt, den er trotz fünf Dutzend Filmen bisher nicht wahr machen konnte: mal mit Gérard Depardieu zu drehen. Der große Schauspieler und der große, dauerproduktive Regisseur, sie sind also erstmals - endlich - am Set zusammengetroffen. Man will es kaum glauben. Oder dachte Chabrol zunächst an Simenons Kommissar Maigret? "Die Idee zum Film", gab er an, "entstand aus der Lust, eine Hommage an Simenon zu kreieren", und als er dies weiter bedachte, fand er passenderweise heraus, dass Gérard Depardieu ein "ausgesprochener Simenon-Charakter" sei.
Ein Simenon-Krimi ist daraus aber nicht geworden. Den bedachtsamen Pfeifenraucher Maigret verwandelt "Bellamy" vielmehr in einen tapsend schwerleibigen Kommissariats-"Bullen", welchen Depardieu klobiger denn je zu spielen weiß. Nebenbei, der Nachname - mit Doppel-l: Bellamy - möchte wohl eine weitere Hommage sein, diesmal an Maupassant. Und wenn in einer der absurdesten Szenen des Films ein Anwalt zu singen anhebt, um das Gericht mit einem herzzerreißenden Chanson zu erweichen, dann ist auch dies eine Reverenz - hier an Georges Brassens und an die Mode, Filme mit Singspielelementen zu adeln, was im französischen Kino jetzt häufig passiert.
Fehlt nur noch die Anrufung des großen Hitchcock, den Chabrol seit je besonders verehrt und dessen Suspense-Raffinement sein neuer Film vorsätzlich meidet. Ein Thriller muss vielleicht nicht spannend sein, aber mindestens muss er verstören; nur langweilen darf er nie. Genau in dieser Gefahr schwebt "Bellamy", der sein dramatisches Zutun arg in der Schwebe hält, pendelnd zwischen Krimi und Familiendrama. Das Ergebnis ist Ermattung peu à peu. Ein Franzose hat mal gemeint, Hitchcock schaffe ein Maximum an Spannung mit einem Minimum an Humor, Chabrol dagegen erzeuge ein Minimum an Spannung, garniert mit einem Maximum an Spaß. Diesen Spaß zu entdecken, mitsamt der gehörigen Hinter- und Abgründigkeit, ist nicht ganz einfach. Bellamy schwadroniert. Dabei will er im Grund nur seine Ruhe haben, ein zigarrenpaffender Kleinbürgerkoloss, dem im Urlaub nichts über Kreuzworträtsellösen und gutes Essen geht, möglichst im eigenen Heim. Als der Film beginnt, sitzt er im Ferienhaus der Schwiegereltern, drunten in Nîmes, bemüht, seinem Weib alle weitere Reiselust auszureden - von wegen Ägyptenkreuzfahrt: "Drei Wochen eingesperrt mit einem Haufen Arschlöcher", nein, nein, da weiß er sich was Besseres: "Ich bin gern mit dir allein. Du riechst gut." Sagt's und bohrt seine Knollennase in ihren Oberbauch - ein Sinnenmensch.
Weil aber Chabrol nebst der Regie auch das Drehbuch besorgte (gemeinsam mit Odile Barski), ist es mit der Ruhe schnell vorbei. Zuerst ruft mitten in der Nacht ein Fremder an, beteuernd, er sei ein Mörder und man müsse ihm helfen, da er, um einen Versicherungsbetrug zu begehen, einen Obdachlosen umgebracht habe. Der Fremde wollte mit neuer Identität seiner kaputten Ehe entfliehen und mit der Geliebten außer Landes reisen, was der Kommissar aber erst später herausbekommt, weil ihm der Fremde die ganze verworrene Story zunächst mehr verschweigt als gesteht.
Die zweite Ruhestörung ist familiärer Art: Des Kommissars jüngerer Halbbruder (Clovis Cornillac) taucht auf, ein spielsüchtiger Trinker, der, schwankend zwischen arrogantem Anspruchsdenken und depressivem Selbstmitleid, teils auf Zoff und Zank aus ist, teils auf freche Scharmutzierei mit der Schwägerin (Marie Bunel). Ein ungleiches Geschwisterpaar, in Misstrauen und Hassliebe wiedervereint. Im Restaurant frisst Depardieu dem Bruder die Austern weg, ein Glückswegfresser sozusagen von klein auf; doch als die Frau ihn fragt: "Hasst du deinen Bruder?", stellt er klar: "Schlimmer - es ist, als wäre er ich."
Kurios, über dem Psychospiel vergisst man den Kriminalfall. Doch als wär's mit Hin und Her nicht genug, baut Chabrol ein Rückblendspiel ein, die Story des Mörders (Jacques Gamblin in Dreifachbesetzung). Hochartifiziell, trotzdem bleibt "Bellamy" ein kleiner Film, spröd bebildert, karg komponiert. Das ist noch sein Bestes.
Ein Simenon-Krimi ist daraus aber nicht geworden. Den bedachtsamen Pfeifenraucher Maigret verwandelt "Bellamy" vielmehr in einen tapsend schwerleibigen Kommissariats-"Bullen", welchen Depardieu klobiger denn je zu spielen weiß. Nebenbei, der Nachname - mit Doppel-l: Bellamy - möchte wohl eine weitere Hommage sein, diesmal an Maupassant. Und wenn in einer der absurdesten Szenen des Films ein Anwalt zu singen anhebt, um das Gericht mit einem herzzerreißenden Chanson zu erweichen, dann ist auch dies eine Reverenz - hier an Georges Brassens und an die Mode, Filme mit Singspielelementen zu adeln, was im französischen Kino jetzt häufig passiert.
Fehlt nur noch die Anrufung des großen Hitchcock, den Chabrol seit je besonders verehrt und dessen Suspense-Raffinement sein neuer Film vorsätzlich meidet. Ein Thriller muss vielleicht nicht spannend sein, aber mindestens muss er verstören; nur langweilen darf er nie. Genau in dieser Gefahr schwebt "Bellamy", der sein dramatisches Zutun arg in der Schwebe hält, pendelnd zwischen Krimi und Familiendrama. Das Ergebnis ist Ermattung peu à peu. Ein Franzose hat mal gemeint, Hitchcock schaffe ein Maximum an Spannung mit einem Minimum an Humor, Chabrol dagegen erzeuge ein Minimum an Spannung, garniert mit einem Maximum an Spaß. Diesen Spaß zu entdecken, mitsamt der gehörigen Hinter- und Abgründigkeit, ist nicht ganz einfach. Bellamy schwadroniert. Dabei will er im Grund nur seine Ruhe haben, ein zigarrenpaffender Kleinbürgerkoloss, dem im Urlaub nichts über Kreuzworträtsellösen und gutes Essen geht, möglichst im eigenen Heim. Als der Film beginnt, sitzt er im Ferienhaus der Schwiegereltern, drunten in Nîmes, bemüht, seinem Weib alle weitere Reiselust auszureden - von wegen Ägyptenkreuzfahrt: "Drei Wochen eingesperrt mit einem Haufen Arschlöcher", nein, nein, da weiß er sich was Besseres: "Ich bin gern mit dir allein. Du riechst gut." Sagt's und bohrt seine Knollennase in ihren Oberbauch - ein Sinnenmensch.
Weil aber Chabrol nebst der Regie auch das Drehbuch besorgte (gemeinsam mit Odile Barski), ist es mit der Ruhe schnell vorbei. Zuerst ruft mitten in der Nacht ein Fremder an, beteuernd, er sei ein Mörder und man müsse ihm helfen, da er, um einen Versicherungsbetrug zu begehen, einen Obdachlosen umgebracht habe. Der Fremde wollte mit neuer Identität seiner kaputten Ehe entfliehen und mit der Geliebten außer Landes reisen, was der Kommissar aber erst später herausbekommt, weil ihm der Fremde die ganze verworrene Story zunächst mehr verschweigt als gesteht.
Die zweite Ruhestörung ist familiärer Art: Des Kommissars jüngerer Halbbruder (Clovis Cornillac) taucht auf, ein spielsüchtiger Trinker, der, schwankend zwischen arrogantem Anspruchsdenken und depressivem Selbstmitleid, teils auf Zoff und Zank aus ist, teils auf freche Scharmutzierei mit der Schwägerin (Marie Bunel). Ein ungleiches Geschwisterpaar, in Misstrauen und Hassliebe wiedervereint. Im Restaurant frisst Depardieu dem Bruder die Austern weg, ein Glückswegfresser sozusagen von klein auf; doch als die Frau ihn fragt: "Hasst du deinen Bruder?", stellt er klar: "Schlimmer - es ist, als wäre er ich."
Kurios, über dem Psychospiel vergisst man den Kriminalfall. Doch als wär's mit Hin und Her nicht genug, baut Chabrol ein Rückblendspiel ein, die Story des Mörders (Jacques Gamblin in Dreifachbesetzung). Hochartifiziell, trotzdem bleibt "Bellamy" ein kleiner Film, spröd bebildert, karg komponiert. Das ist noch sein Bestes.
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