Harry Potter und der Halbblutprinz

Der Zauberlehrling hat den Hormonkoller

Rupert Koppold , veröffentlicht am 16.07.2009
Filmbeschreibung
Der Himmel über London zieht sich gewittrig zu, aus metallisch-dunklen Wolkenungetümen fahren furienhaft drei dunkle Rauchschlangen, stürzen sich auf die Stadt, wirbeln um die Millennium Bridge herum, bringen die Fußgängerbücke zum Schwanken und schließlich zum Einsturz. Die Todesser sind's, die da ihr Unwesen treiben! Denn die Ankunft ihres Herrn, des bösen Voldemort, scheint nicht mehr fern, sie sind deshalb so frech geworden, dass sie den gewaltigen Kampf im Zauberreich nun sogar in die nichtsahnende Welt der Muggels hineintragen.

Und was macht Harry Potter (Daniel Radcliffe), der Auserwählte, der Einzige auf der Seite der guten Zauberer, der Voldemort besiegen könnte? Er sitzt in einem Café im Londoner Untergrund, tut so, als lese er im "Daily Prophet", schaut tatsächlich aber der Kellnerin zu. Dann gibt er sich einen Ruck: "Ich hab ne Frage ..." - "Um elf", unterbricht sie ihn. Und so stellt Harry Potter wohl einen neuen Rekord im Speed-Dating auf - möglicherweise auch gleich einen im Verabredungbrechen. Denn da drüben auf dem U-Bahnsteig, unter dem Plakat mit dem "Magic"-versprechenden Parfüm, blinzelt ihm der alte Dumbledore (Michael Gambon) zu.

So geht Harry rüber, fasst den Arm seines Internatsdirektors an und wird von und mit ihm in ein Dorf "appariert", eine Reisetechnik, die man als Pendant der Potter-Welt zur Star-Trek-Beamerei bezeichnen könnte. Da stehen die beiden nun in einsamer Nacht vor einem Haus, dessen Türe lose in den Angeln hängt. "Zauberstäbe raus!", kommandiert Dumbledore. Nachdem das Duo drinnen den als Polstersessel getarnten Exzauberdozenten Horace Slughorn entdeckt hat, wird dieser überredet, seinen alten Job in Hogwarts wiederaufzunehmen. Denn Horace, den der glänzend aufgelegte Jim Broadbent als braunkarierten Exzentriker von Dickens'schen Ausmaßen spielt, kennt in Bezug auf Voldemort ein Geheimnis, das Harry ihm entlocken soll.

So dampft also dieser von David Yates inszenierte Film, genau wie seine fünf Vorgänger, wieder hogwärts ins schottische Schloss, präsentiert dort erneut den Speisesaal mit den schwebenden Kerzen, veranstaltet erneut ein Quidditch-Spiel (alles schön getrickst, aber nun wie eine Aufzeichnung wirkend), zettelt erneut in gotischem Gemäuer eine garstige Intrige an, die den guten Dumbledore zu Fall bringen soll. Wieder bekommen junge Zuschauer also in zauberhafter Verkleidung bestätigt, dass sie in einer ebenso geheimen wie bedeutenden Welt voller Abenteuer leben, von denen die "normalen" Erwachsenen (in der Potterwelt als Muggels firmierend) nicht die geringste Ahnung haben.

Wobei die Potter-Welt sich nun von jener der Erwachsenen noch schärfer separiert. Was sich im letzten Film schon angedeutet hat, rückt jetzt in den Mittelpunkt: Die Helden werden vom Hormonkoller erfasst, schwanken von Irrungen zu Wirrungen, stürzen sich ins Verliebtsein, rasen vor Eifersucht, verlieren Voldemort und Co. manchmal ganz aus den Augen. Harry zum Beispiel schaut immer wieder Ginny nach, der Schwester seines Freundes Ron; Ron wiederum gibt gerne den Avancen von Lavender nach ("Die will knutschen von früh bis spät, meine Lippen hängen schon in Fetzen!"); und Hermine (Emma Watson), die in Ron verknallt ist und sich verraten fühlt ("Ich geh jetzt mal kurz brechen!"), bewirft diesen schließlich wütend mit herbeigezauberten Spatzen - die dabei zerplatzen.

Diese sehr amüsanten und auch von magischen Tränken befeuerten Tollereien - ein bisschen blinzelt da der "Sommernachtstraum" durch! - sind mit dem Begriff "Comic Relief" kaum mehr zu fassen. Es geht hier um mehr als nur um eine kurze und komische Entlastung des Publikums nach düster-spannenden Sequenzen: "Harry Potter und der Halbblutprinz" setzt sich im Grunde aus zwei Genres zusammen, der leichten Teenie-Pubertäts-Komödie und dem schwarz-schweren Fantasy-Thriller, und oft kann man kann gar nicht sagen, welches Genre nun das wichtigere ist. Nun ja, im Zweifelsfall setzt sich doch die Voldemort-Verschwörung durch - auch wenn der böse Zauberer nur in Rückblenden als stimmenhörender Waisenknabe respektive als Hogwarts-Zögling Tom Riddle zu sehen ist. Jedenfalls ist es immer wieder der Thriller, der sich in die Komödie einmischt - und nicht umgekehrt.

Gerade hat Harry Potter zu seinem ersten richtigen Kuss angesetzt, da tauchen schon wieder, nun auch in menschlicher Gestalt und Gothic-Gewandung, die drei Todesser auf, unter ihnen Helena Bonham-Carter als punkig-hexenhafte Bellatrix. Und immer schleicht hier auch der blonde Eliteschnösel Draco Malfoy (Tom Felton) herum, der von den Mächten des Bösen dazu auserkoren wurde, Dumbledore den finalen Schlag zu versetzen. Und dazu Dracos Beschützer Severus Snape (Alan Rickman), der ihm zur Hand gehen soll.

Auch andere vertraute Protagonisten haben wieder ihre Auftritte, etwa der gutmütige Riese Hagrid (Robbie Coltrane), die besorgte Professorin McGonagall (Maggie Smith) oder die patente Mutter Weasley (Julie Walters). So viele Figuren hat die Harry-Potter-Saga Folge für Folge eingeführt und angesammelt - und fast allen will sie treu sein! Das aber führt einerseits dazu, dass im Film manche dieser Figuren zwar optisch präsent sind, jedoch fast funktionslos bleiben. Anderseits führt es beim Zuschauer trotz der immerhin 153 Minuten Film zum Gefühl, dass eigentlich mehr hinter diesen Figuren steckt - ein gut 600 Seiten dickes Buch nämlich.

Die Harry-Potter-Leser wissen also mehr, sie können in ihren Köpfen manches im Film nur angedeutete oder in der Luft hängengelassene Motiv ergänzen, manche ins Unlogische verkürzte Handlung so rekonstruieren, dass diese wieder einsichtig wird. Und Harry-Potter-Leser wissen natürlich längst, wie Joanne K. Rowlings große Zauberersaga ausgeht. Aber auch wenn der Sprung auf die Leinwand immer einen langen Anlauf braucht und der siebte und letzte Band im Kino sogar in zwei Teile aufgespalten wird: die Erfahrung hat gelehrt, dass dies den wahren Harry-Potter-Fans nichts ausmacht, dass sie sich anders verhalten als etwa Fußballfans: Während diese später nachlesen wollen, was sie vorher gesehen haben, wollen die Zauberlehrlingsanhänger nur zu gern nachsehen, was sie schon gelesen haben.
 
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