Birdwatchers - Das Land der roten Menschen
Auf der Suche nach der verlorenen Welt
Rupert Koppold, veröffentlicht am 16.07.2009
Filmbeschreibung
Ein Fluss im brasilianischen Mato Grosso, ein schmales Boot mit Touristen, das durchs lehmig-braune Wasser gleitet, Ferngläser, die auf der Suche nach exotischem Getier in den Urwald linsen. Aber plötzlich, an einer Flussbiegung, ein viel exotischeres Motiv: Wie auf einem Tableau steht eine Gruppe halbnackter, rot bemalter Indios am Ufer, ernst und stoisch. Langsam und schweigend, als wäre es ein Ritual, spannen sie nun ihre Bögen und schießen Pfeile ab, so dass der Bootsführer den Außenbordmotor aufheulen lässt und sich mit seinen Passagieren schnell davonmacht.
Marco Bechis' "Birdwatchers" aber wechselt nun die Perspektive, der Film fährt nicht dem Boot hinterher, er bleibt bei den Indios. Die gehen, sich dabei Jeans, T-Shirts oder Baseballkappen anziehend, auf eine Lichtung zu, auf der ein Pick-up-Truck geparkt ist, und kassieren von einer weißen Frau ein bisschen Geld. Danach sieht man diese Indios in ihrem Reservat, einem ärmlichen Dorf. Zwei Halbwüchsige büxen nun aus und gehen auf die Jagd, sie treffen nichts, es wurde so viel gerodet, dass auch nicht mehr viel da ist, was noch zu treffen wäre. Aber sie entdecken zwei am Baum hängende Mädchen ihres Stammes, die sich umgebracht haben. "Jetzt sind sie in einer guten Welt", sagt einer.
Die Mutter der Toten aber brennt zornig ihre Hütte ab, Selbstmord gilt bei diesem Stamm als Sakrileg, und nach der Beerdigung verkündet der Häuptling, sie müssten diesen Ort verlassen. Und so zieht jetzt ein verloren wirkendes Häuflein an den Ort, den der Schamane geträumt hat, einen Ort, der mal Wald war und jetzt Feld ist, an dem eine Straße vorbeiführt und von dem ein Großgrundbesitzer behauptet, dieses Land gehöre ihm. Natürlich will er dieses aus Holzgerüsten und schwarzen Planen errichtete Camp schnell loswerden.
Der Regisseur hat diesen exzellenten Film mit Guarani-Kaiowa-Indios gedreht, mit Laien also, deren Darstellungen aber überhaupt nichts Laienhaftes haben. Zunächst hätten diese Indios immer gedacht, sie müssten vor der Kamera viel gestikulieren und reden, sagt Marco Bechis, dann habe er ihnen erklärt, wie stark auch Schweigen wirken könne und ihnen Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" vorgeführt. Tatsächlich hat das Spiel der Indios große Wucht und Dringlichkeit, vor allem aber hat es eine Authentizität, die sich allenfalls mit jener der Laien im italienischen Neorealismus vergleichen lässt, die Variationen ihres eigenen Lebens vor die Kamera brachten.
Der eloquente Häuptling (Ambrosio Vilhalva) zum Beispiel strahlt Autorität und Würde aus - und verliert sie zeitweilig, als er sich volllaufen lässt und herumtorkelt. Denn diese Indios werden keineswegs idealisiert, sind keine edlen Wilden, sondern an den Rand gedrängte Menschen, aus ihrer alten Welt vertrieben, ihren eigenen Traditionen entfremdet, als Dienstmädchen des Großgrundbesitzers oder als Tagelöhner auf dessen Feldern ausgebeutet. Wobei diese Situation, auch wenn sie auf alle zutrifft, nicht alle gleichmacht. Dieser Stamm besteht aus widersprüchlichen, eigenwilligen und höchst individuellen Charakteren.
Da wäre die selbstbewusst-pragmatische Frau zu nennen, die mit dem im Wohnwagen neben dem Camp hausenden weißen Aufpasser - selber ein armer Tropf - eine Affäre beginnt. Oder der junge Indio, der von der Tochter des Großgrundbesitzers an seinem Badeplatz beobachtet wird, erst abschätzig, dann fasziniert. Beide sind in der Pubertät und noch so offen, dass sie sich über alle Grenzen hinweg anfreunden. Marco Bechis zeichnet nicht schwarz-weiß, zu manchen Zeiten und an manchen Stellen zeigt er die beiden Welten als porös und durchlässig. Aber er verwischt auch nichts, es treibt hier doch alles auf einen Konflikt zu.
Klar, schnörkellos und zupackend erzählt dieser Film seine Geschichte, und weit entfernt von westlichen Sehnsüchten nach Romantik, Natur, Esoterik oder auch jenem Gestus mancher weißer Helfer, die sich für die Schwachen einsetzen, sie aber nicht selber zu Wort kommen lassen. Es wird in "Birdwatchers", nachdem das Camp zunächst vom Flugzeug aus mit Insektengift besprüht wurde, noch zu Verrat, Suizid und Mord kommen.
Am Ende wird aus der Dunkelheit jener junge Indio auftauchen, dem die Tochter des Großgrundbesitzers das Motorradfahren beigebracht hat. Nun aber steht er da wie ein Abgesandter einer anderen Welt, steht fast nackt und mit dunkel bemaltem Gesicht am Swimmingpool, auf dessen Grund indianische Zeichen zu exotischer Deko-Folklore degradiert wurden. Und in die Welt der weißen Herren hinein stößt er einen Schrei aus, den man auch als Zuschauer nicht so schnell vergessen wird.
Marco Bechis' "Birdwatchers" aber wechselt nun die Perspektive, der Film fährt nicht dem Boot hinterher, er bleibt bei den Indios. Die gehen, sich dabei Jeans, T-Shirts oder Baseballkappen anziehend, auf eine Lichtung zu, auf der ein Pick-up-Truck geparkt ist, und kassieren von einer weißen Frau ein bisschen Geld. Danach sieht man diese Indios in ihrem Reservat, einem ärmlichen Dorf. Zwei Halbwüchsige büxen nun aus und gehen auf die Jagd, sie treffen nichts, es wurde so viel gerodet, dass auch nicht mehr viel da ist, was noch zu treffen wäre. Aber sie entdecken zwei am Baum hängende Mädchen ihres Stammes, die sich umgebracht haben. "Jetzt sind sie in einer guten Welt", sagt einer.
Die Mutter der Toten aber brennt zornig ihre Hütte ab, Selbstmord gilt bei diesem Stamm als Sakrileg, und nach der Beerdigung verkündet der Häuptling, sie müssten diesen Ort verlassen. Und so zieht jetzt ein verloren wirkendes Häuflein an den Ort, den der Schamane geträumt hat, einen Ort, der mal Wald war und jetzt Feld ist, an dem eine Straße vorbeiführt und von dem ein Großgrundbesitzer behauptet, dieses Land gehöre ihm. Natürlich will er dieses aus Holzgerüsten und schwarzen Planen errichtete Camp schnell loswerden.
Der Regisseur hat diesen exzellenten Film mit Guarani-Kaiowa-Indios gedreht, mit Laien also, deren Darstellungen aber überhaupt nichts Laienhaftes haben. Zunächst hätten diese Indios immer gedacht, sie müssten vor der Kamera viel gestikulieren und reden, sagt Marco Bechis, dann habe er ihnen erklärt, wie stark auch Schweigen wirken könne und ihnen Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" vorgeführt. Tatsächlich hat das Spiel der Indios große Wucht und Dringlichkeit, vor allem aber hat es eine Authentizität, die sich allenfalls mit jener der Laien im italienischen Neorealismus vergleichen lässt, die Variationen ihres eigenen Lebens vor die Kamera brachten.
Der eloquente Häuptling (Ambrosio Vilhalva) zum Beispiel strahlt Autorität und Würde aus - und verliert sie zeitweilig, als er sich volllaufen lässt und herumtorkelt. Denn diese Indios werden keineswegs idealisiert, sind keine edlen Wilden, sondern an den Rand gedrängte Menschen, aus ihrer alten Welt vertrieben, ihren eigenen Traditionen entfremdet, als Dienstmädchen des Großgrundbesitzers oder als Tagelöhner auf dessen Feldern ausgebeutet. Wobei diese Situation, auch wenn sie auf alle zutrifft, nicht alle gleichmacht. Dieser Stamm besteht aus widersprüchlichen, eigenwilligen und höchst individuellen Charakteren.
Da wäre die selbstbewusst-pragmatische Frau zu nennen, die mit dem im Wohnwagen neben dem Camp hausenden weißen Aufpasser - selber ein armer Tropf - eine Affäre beginnt. Oder der junge Indio, der von der Tochter des Großgrundbesitzers an seinem Badeplatz beobachtet wird, erst abschätzig, dann fasziniert. Beide sind in der Pubertät und noch so offen, dass sie sich über alle Grenzen hinweg anfreunden. Marco Bechis zeichnet nicht schwarz-weiß, zu manchen Zeiten und an manchen Stellen zeigt er die beiden Welten als porös und durchlässig. Aber er verwischt auch nichts, es treibt hier doch alles auf einen Konflikt zu.
Klar, schnörkellos und zupackend erzählt dieser Film seine Geschichte, und weit entfernt von westlichen Sehnsüchten nach Romantik, Natur, Esoterik oder auch jenem Gestus mancher weißer Helfer, die sich für die Schwachen einsetzen, sie aber nicht selber zu Wort kommen lassen. Es wird in "Birdwatchers", nachdem das Camp zunächst vom Flugzeug aus mit Insektengift besprüht wurde, noch zu Verrat, Suizid und Mord kommen.
Am Ende wird aus der Dunkelheit jener junge Indio auftauchen, dem die Tochter des Großgrundbesitzers das Motorradfahren beigebracht hat. Nun aber steht er da wie ein Abgesandter einer anderen Welt, steht fast nackt und mit dunkel bemaltem Gesicht am Swimmingpool, auf dessen Grund indianische Zeichen zu exotischer Deko-Folklore degradiert wurden. Und in die Welt der weißen Herren hinein stößt er einen Schrei aus, den man auch als Zuschauer nicht so schnell vergessen wird.
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