Unibibliothek Konstanz Die Basilika des Wissens
Wolfgang Messner, veröffentlicht am 22.07.2009
Konstanz - Sammy hat sich nicht blicken lassen. Sonst kommt er nachts gern auf einen Sprung vorbei. Es ist eine warme Sommernacht, wie sie dieses Jahr rar sind. Sammy, der Universitätskater, zieht in Nächten wie diesen lieber um die Häuser, sagt Manfred. Der 50-jährige Saarländer ist Nachtwächter in der Universitätsbibliothek (UB) und teilt mit Sammy die Nacht und in gewisser Weise auch sein Schicksal. Seit sieben Jahren gehört der Kater zum Inventar der Universität Konstanz.
Davor hatte er eine Stelle als Hauskater bei einer Familie im benachbarten Stadtteil Egg eingenommen. Als die wegzog, ist Sammy geblieben. Sammy ist sehr beliebt. Es gibt Spendenboxen für Futtergeld, und drei offizielle Schlafplätze - beim Hausmeister, in der Leitstelle und bei Norbert in der UB. Sammy liegt auch oft auf den Arbeitstischen und macht es sich über den Papieren, Büchern und Laptops bequem. Die UB-Benutzer mögen diese Heimeligkeiten. Sie haben dem Kater eine Homepage eingerichtet: uni-kater-sammy.de ».
So weit hat es Manfred nicht gebracht. Der 50-Jährige mit dem braungrauen Bart war mal Möbelpacker. Noch immer hat er einen Handdruck wie ein Schraubstock. Dabei trägt er einen Schrittmacher mit Defibrilator und darf nur noch fünf Kilo heben. Deshalb macht er jetzt Nachtschichten in der UB von 23 Uhr bis sechs Uhr früh. 230 Stunden im Monat, inklusive Überstunden. Macht 1800 netto im Monat.
Nicht eben üppig für den Alleinverdiener und Vater dreier Kinder von acht, fünf und zwei Jahren. Die Universität Konstanz, die Alma Mater, hält auch über Manfred ihre schützende Hand. 1964 als Reformuniversität gegründet, trägt sie seit Oktober 2007 als jüngste und kleinste Hochschule in Deutschland das Prädikat "Eliteuni".
Der Campus wirkt immer noch wie ein riesiges Raumschiff, das auf dem Gießberg gelandet ist, zwischen Wiesen und Wäldern mit Postkartenblick auf den Bodensee. An der mittelalterlichen Stadt hat die Uni nie wirklich angedockt. Nachts sendet das Raumschiff Signale aus Büros, in denen nie das Licht auszugehen scheint. Ein in Neon getauchtes Labyrinth von orangefarbenen Türen, roten Fluren, gelben Tafeln mit verwirrenden Abkürzungen und Zeichen. Eine Lernfabrik, die niemals schläft, angetrieben vom nie endenden Drang des Menschen nach Wissen und Macht.
Die UB mit ihren labyrinthisch ineinander verschränkten stählernen Aufgängen, ihren 1,5 Millionen Büchern, Sammelbänden und Lexika, 48.000 DVDs, Videokassetten und Mikrochips sowie gut 5000 wissenschaftlichen Zeitschriften und Zeitungen ist die Schatzkammer des Wissens. Hier werden Antworten gegeben auf die Fragen, die wieder neue Fragen und Antworten hervorbringen. Ein ewiges Spiel, in dem Beschränkungen lächerlich sind. Der Zugang zum Gral muss schrankenlos sein.
Konstanz hat das als eine der wenigen Universitätsbüchereien erkannt. Auch deshalb ist die Unibibliothek wieder - wie im vergangenen Jahr schon - zu der besten Bücherei einer Hochschule in Deutschland gewählt worden, zusammen mit der Konstanzer Fachhochschule für Technik, Wissenschaft und Gestaltung. Von Montag bis Donnerstag ist die UB rund um die Uhr zugänglich. Nur Freitag und Samstag schließt sie um 23 Uhr. Am Sonntag soll auch der Lernende ruhn.
Bis auf diese Ausnahmen kann jeder Student, Lehrbeauftragte oder Professor die Nacht zum Tag machen. Thorn, Soziologiestudent aus Frankfurt im dritten Semester, liebt das Arbeiten in der UB ungemein. Er war schon an Unis in Berlin und in Nürnberg und kann vergleichen. Nirgendwo sonst gibt es so gute Bedingungen wie hier, sagt der 24-Jährige und beugt sich wieder über den Laptop der Uni. Auf der Homepage findet sich jedes Fachgebiet aufgeschlüsselt - von Amerikanistik bis Soziologie, von Biologie bis Wirtschaftswissenschaften. Zu jeder Vorlesung und jedem Seminar sind Texte hinterlegt.
20 oder 30 sind es pro Nacht, die der Durst nach Wissen auf den Gießberg treibt oder eben auch nur die reine Not. Manfred kennt seine Pappenheimer. Wenn die Klausuren drohen, erhöht sich die nächtliche Frequenz. Michael (21) aus Tuningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) und Heiko (21) aus Schwäbisch Hall lernen bis Mitternacht. Am Nachmittag, sagen sie, da brummt und schwirrt die Bibliothek wie ein Bienenstock. Nun geht's so feierlich zu wie in einer Mitternachtsmesse in einer Basilika.
Philipp (21) hat schon um elf Schluss gemacht. Der Zweitsemester aus Weissach bei Stuttgart ist in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. In drei Tagen schreibt er die Klausur in Mikro-Economics, wie er sagt. Philipp will Manager werden, da muss man den Slang draufhaben. Kurz vor dem Ausgang trifft er auf Julia und Karen.
Die 20-Jährige aus Offenburg und die 21-Jährige aus Backnang haben zu Semesteranfang viel gefeiert. Jetzt legen sie Nachtschichten ein. Bis vier Uhr wollen sie durchhalten. So wie am Tag danach auch schon. Vom Bringdienst haben sie eine Pizza Roma geordert. Sammy hätte bestimmt ein Stück abbekommen. Aber der Kerl hat sich nicht blicken lassen.
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So weit hat es Manfred nicht gebracht. Der 50-Jährige mit dem braungrauen Bart war mal Möbelpacker. Noch immer hat er einen Handdruck wie ein Schraubstock. Dabei trägt er einen Schrittmacher mit Defibrilator und darf nur noch fünf Kilo heben. Deshalb macht er jetzt Nachtschichten in der UB von 23 Uhr bis sechs Uhr früh. 230 Stunden im Monat, inklusive Überstunden. Macht 1800 netto im Monat.
In der Uni geht nie das Licht aus
Nicht eben üppig für den Alleinverdiener und Vater dreier Kinder von acht, fünf und zwei Jahren. Die Universität Konstanz, die Alma Mater, hält auch über Manfred ihre schützende Hand. 1964 als Reformuniversität gegründet, trägt sie seit Oktober 2007 als jüngste und kleinste Hochschule in Deutschland das Prädikat "Eliteuni".
Der Campus wirkt immer noch wie ein riesiges Raumschiff, das auf dem Gießberg gelandet ist, zwischen Wiesen und Wäldern mit Postkartenblick auf den Bodensee. An der mittelalterlichen Stadt hat die Uni nie wirklich angedockt. Nachts sendet das Raumschiff Signale aus Büros, in denen nie das Licht auszugehen scheint. Ein in Neon getauchtes Labyrinth von orangefarbenen Türen, roten Fluren, gelben Tafeln mit verwirrenden Abkürzungen und Zeichen. Eine Lernfabrik, die niemals schläft, angetrieben vom nie endenden Drang des Menschen nach Wissen und Macht.
Die UB mit ihren labyrinthisch ineinander verschränkten stählernen Aufgängen, ihren 1,5 Millionen Büchern, Sammelbänden und Lexika, 48.000 DVDs, Videokassetten und Mikrochips sowie gut 5000 wissenschaftlichen Zeitschriften und Zeitungen ist die Schatzkammer des Wissens. Hier werden Antworten gegeben auf die Fragen, die wieder neue Fragen und Antworten hervorbringen. Ein ewiges Spiel, in dem Beschränkungen lächerlich sind. Der Zugang zum Gral muss schrankenlos sein.
Die Unibibliothek ist zur besten in Deutschland gewählt worden
Konstanz hat das als eine der wenigen Universitätsbüchereien erkannt. Auch deshalb ist die Unibibliothek wieder - wie im vergangenen Jahr schon - zu der besten Bücherei einer Hochschule in Deutschland gewählt worden, zusammen mit der Konstanzer Fachhochschule für Technik, Wissenschaft und Gestaltung. Von Montag bis Donnerstag ist die UB rund um die Uhr zugänglich. Nur Freitag und Samstag schließt sie um 23 Uhr. Am Sonntag soll auch der Lernende ruhn.
Bis auf diese Ausnahmen kann jeder Student, Lehrbeauftragte oder Professor die Nacht zum Tag machen. Thorn, Soziologiestudent aus Frankfurt im dritten Semester, liebt das Arbeiten in der UB ungemein. Er war schon an Unis in Berlin und in Nürnberg und kann vergleichen. Nirgendwo sonst gibt es so gute Bedingungen wie hier, sagt der 24-Jährige und beugt sich wieder über den Laptop der Uni. Auf der Homepage findet sich jedes Fachgebiet aufgeschlüsselt - von Amerikanistik bis Soziologie, von Biologie bis Wirtschaftswissenschaften. Zu jeder Vorlesung und jedem Seminar sind Texte hinterlegt.
Wenn die Klausuren drohen, erhöht sich die nächtliche Frequenz
20 oder 30 sind es pro Nacht, die der Durst nach Wissen auf den Gießberg treibt oder eben auch nur die reine Not. Manfred kennt seine Pappenheimer. Wenn die Klausuren drohen, erhöht sich die nächtliche Frequenz. Michael (21) aus Tuningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) und Heiko (21) aus Schwäbisch Hall lernen bis Mitternacht. Am Nachmittag, sagen sie, da brummt und schwirrt die Bibliothek wie ein Bienenstock. Nun geht's so feierlich zu wie in einer Mitternachtsmesse in einer Basilika.
Philipp (21) hat schon um elf Schluss gemacht. Der Zweitsemester aus Weissach bei Stuttgart ist in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. In drei Tagen schreibt er die Klausur in Mikro-Economics, wie er sagt. Philipp will Manager werden, da muss man den Slang draufhaben. Kurz vor dem Ausgang trifft er auf Julia und Karen.
Die 20-Jährige aus Offenburg und die 21-Jährige aus Backnang haben zu Semesteranfang viel gefeiert. Jetzt legen sie Nachtschichten ein. Bis vier Uhr wollen sie durchhalten. So wie am Tag danach auch schon. Vom Bringdienst haben sie eine Pizza Roma geordert. Sammy hätte bestimmt ein Stück abbekommen. Aber der Kerl hat sich nicht blicken lassen.
Kommentare (3)
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Oliver Kohl-Frey,
22.07.2009
Basilika auch sonntags geöffnet
Zur Richtigstellung: Die Bibliothek der Universität Konstanz hat auch am Sonntag von 9-23 Uhr geöffnet. Also auch sonntags muss der Lernende nicht ruhen, wenn er das nicht möchte.
Oliver Kohl-Frey
Bibliothek der Universität Konstanz
Stellvertretender Bibliotheksdirektor
Oliver Kohl-Frey
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