Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Wissen & Computer


Digitale Bücher Amazon löscht "1984"

Peter Glaser, veröffentlicht am 22.07.2009
Auf dem Kindle E-Book-Reader kann man "Fahrenheit 451" künftig nicht mehr lesen.  Foto: dpa

Die Sache erinnert an Ray Bradburys Roman "Fahrenheit 451", in dem den Menschen das Lesen von Büchern regierungsamtlich verboten ist. Es gibt eine spezielle Feuerwehr, die heimliche Buchverstecke aufstöbert und die Bücher anschließend verbrennt - bei 451 Grad Fahrenheit entzündet sich Papier.


Nun hat der Online-Buchhändler Amazon auf dem von ihm verkauften E-Book Kindle Texte gelöscht, für die viele Kunden bereits bezahlt hatten. Ein Rechteinhaber hatte verlangt, George Orwells "1984" und "Die Farm der Tiere" nicht weiter für das E-Book anzubieten. Ausgerechnet Orwell. Kurzerhand löschte Amazon per Fernzugriff die digitalen Bücher auch von den E-Books seiner Kunden. Es ist wie in dem Bradbury-Roman, wenn die Feuerwehr kommt und die verbotenen Bücher abholt. Amazon hat sich entschuldigt und zugesichert, künftig keine Bücher mehr von den Lesegeräten seiner Kunden zu löschen. Aber der Ungeist ist wach, wie eh und je.

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An einem 35. Mai reisen Onkel Ringelhuth, sein Neffe Konrad und ein sprechendes Pferd in die Südsee. Auf dem Weg dorthin gelangen sie nach Elektropolis. Dort braucht niemand zu arbeiten, alles geht vollautomatisch, bis das moderne Paradies durch eine gewaltige Überspannung zerstört wird - Blackout in einer Maschinenwelt, eine moderne Geschichte. Aber "Der 35. Mai" von Erich Kästner ist bereits 1932 erschienen. Ein Jahr später gehörten die Bücher Kästners zu denen, die bei den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten in Berlin ins Feuer geworfen wurden. 32 Jahre später, im Jahr 1965, wurden neuerlich Bücher von Erich Kästner ins Feuer geworfen, diesmal in Düsseldorf von Mitgliedern des Evangelischen Jugendbunds für entschiedenes Christentum.

Beinahe hätte auch ein anderer Bücherbrand sich wiederholt: Bei einem Feuer in der neuen Bibliothek in Alexandria wurden Anfang März 2003 dreißig Menschen verletzt. Die Bücher wurden vor den Flammen gerettet. Kurz vor dem Brand hatte die Leitung der Bibliothek ein Großprojekt angekündigt: Jedes auf der Welt existierende Textarchiv solle online verfügbar gemacht werden. Das könnte die Möglichkeiten in Entwicklungsländern revolutionieren, in denen Wissen schwer zugänglich ist. Kritiker fragen sich, wie weit die hohen Ideale in einem Land verwirklicht werden können, in dem Zensur gang und gäbe ist. Und der ägyptische Kulturminister Farouk Hosni bewirbt sich um das Amt des Unesco-Chefs.

Vor einem Jahr hatte Hosni auf die Behauptung eines Abgeordneten der Muslimbruderschaft, in Ägyptens Buchhandlungen und Bibliotheken stünden zu viele israelische Bücher, geantwortet: "Bring mir diese Bücher, und wenn es sie gibt, werde ich sie vor deinen Augen verbrennen." Es ist wie bei Bradbury. Aufgabe der Unesco ist die Förderung von Erziehung, Wissenschaft und Kultur.

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