Hangover

Zu wild für die Erinnerung

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 23.07.2009
Filmbeschreibung
Mit einem Fehltritt am anderen ist man auf dem richtigen Weg. Die amerikanischen Geschmacksentgleisungs-, Tabubruch- und Sau-raus-Komödien des letzten Jahrzehnts haben uns diesen Gegenentwurf zur politischen Korrektheit oder überhaupt zur bürgerlichen Regelbefolgung nahe zu bringen versucht. Wie vulgär ihre Helden sich daneben benommen haben, das schien darauf zu bauen, dass uns die Pflicht zur Rücksichtnahme, Gesittung, Überlegtheit und Triebsteuerung manchmal als Würgeschlinge des eigentlichen, sabberbekleckerten Lebensgenusses vorkommt.

Mit dieser Spekulation können sich die Filmemacher nicht nur auf die einschlägigen Kleinmeldungen im Polizeibericht stützen. Enthemmung, Kontrollverlust und Niveauunterschreitung werden überall ritualisiert, bei uns in den Pavianmännchenattacken verfeindeter Fußballfanschläger, in den USA im Rausch der stag nights, der Abschiedsparties des Bräutigams und seiner Freunde vom Junggesellentum. Die Komödie "Hangover" vom Regisseur Todd Phillips erzählt von der ganz heißen Variante: der Bräutigam und drei Kumpel wollen in Las Vegas einen drauf machen.

Wenn Männer sich zum Affen machen

Phillips, Jahrgang 1970, ist schon ein Veteran dieser Männer-machen-sich-zum-Affen-Komödie, deren moderne Großmeister die Farrelly-Brüder waren, bevor die sich weiterentwickelten. Phillips hat unter anderem "Road Trip" (2000), "Old School" (2003) und "School For Scoundrels - Der Date-Profi" zu verantworten, und wer die alle - oder auch nur einen davon - kennt, der könnte in Versuchung sein, "Hangover" auszulassen. Das wäre aber ein Fehler.

Anfangs, zugegeben, macht dieser Film nicht viel her. Bis die vier Kumpel (Justin Bartha, Ed Helms, Bradley Cooper, Zach Galifianakis) eingesammelt und vorgestellt sind, bis jeder seine paar Marotten als Erkennungsschellen angehängt bekommen hat, passiert nicht viel. Die ganze Atmosphäre ist ein wenig verklemmt und spießig, als sei dieser Film mit beidem einverstanden: mit dämlichen Besäufnishoffnungen und mit der augenzwinkernden Rückkehr ins systemkonforme Spießerleben.

Aber diese Betulichkeit hat raffinierten Sinn, sie zeigt schon das ganze Absurde, Pappmachehafte der Pauschalabstürze in die Miet-mich-Abgründe. Die Las-Vegas-Sause wird eine echte Irrsinnsübung - die wir erst einmal verpassen. Wir sehen die Jungs noch, wie sie sich zurechtmachen und einen ersten Drink nehmen. Danach finden wir uns schon in ihrem surreal verwüsteten Hotelzimmer am Morgen wieder. Hier hängt alles schief, was nicht am Boden liegt, ein Huhn läuft umher, im Badezimmer sitzt ein schlecht gelaunter Tiger, was beim Pinkeln hinderlich ist. Im Schrank liegt ein Baby, das versorgt sein will. Dafür fehlt nun der Bräutigam, was sich die drei Suffüberlebenden nicht erklären können: Sie haben keinerlei Erinnerung.

"Hangover" führt die verkaterten Draufmacher tiefer in die Absurdität. Als sie losfahren wollen, um ihren verlorenen Freund - und vielleicht eine Babyklappe - zu suchen, steuert der Parkbursche des Hotels nicht den erwarteten geliehenen Mercedes-Oldtimer vor die Tür, sondern einen Streifenwagen der Polizei von Las Vegas. Das sind so Momente, in denen man wirklich gerne wüsste, wer man gestern war, was man alles angestellt hat und wie man jede Bekanntschaft mit und Verantwortung für sich selbst rechtsgültig leugnet.

Mike Tyson spielt Mike Tyson

Wie die Supernachtwracks ihren eigenen Spuren nachgehen und zunächst keine Lösungen, sondern immer neue Verwicklungen finden, einen zornigen nackten Mann im Kofferraum zum Beispiel, oder Mike Tyson (gespielt von Mike Tyson), der auch nicht auf die Welt gekommen ist, um Langmutsrekorde aufzustellen, das ist fies vergnüglich erzählt. Eigentlich ist "Hangover" die schönere Variante von Terry Gilliams Film "Fear and Loathing in Las Vegas", eine lustvolle Verschrottung der Spaßmaschine und ihrer willigen Benutzer.

Besonders pfiffig ist, dass dieser Film nicht in einer Sturz-in-die-Nacht-Dramaturgie Exzess auf Exzess häuft. Das würde wie Drehbuch-Kraftmeierei aussehen. Die Suche nach der verlorenen Nacht gibt der wildesten Übertreibung bürgerlicher Enthemmungsfantasien Glaubhaftigkeit. Ist wirklich alles passiert, sagt Phillips. Hier liegen die Trümmer.
 
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