Kommentar Trotz allem: für die Freiheit
Stefan Geiger, veröffentlicht am 31.07.2009
Stuttgart - Wir Deutschen lieben wieder Verbote. Das Verbot, auf der Straße Alkohol zu trinken. Das Verbot, Millionengehälter an Manager zu zahlen. Das Verbot, in Gaststätten zu rauchen. Das Verbot von Flatrate-Bordellen. Das Verbot, Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zu meiden. Das Verbot für Jugendliche, Sonnenbänke zu nutzen. Tempolimits. Das Verbot, Pornografie zu betrachten, in der Jugendliche eine Rolle spielen. Das Verbot, Betriebsräte so zu entlohnen wie Topmanager. Das Verbot, Tauben zu füttern. Und der Staat tut meist, was seine Bürger lieben.
Nur wenige lieben alle Verbote, die meisten nur diejenigen, die andere treffen. Die Taubenfreundin kann sich für die Zwangsuntersuchung von Kindern starkmachen, der Bordellbesucher für die Begrenzung der Managergehälter, der Manager für das Verbot von Billigbordellen, der Pornograf für das Rauchverbot. Es gibt sogar Menschen, die sich vehement für ein Alkoholverbot auf den Straßen einsetzen, sich aber bitter beklagen, weil sie nachts keinen Nachschub mehr ordern können, wenn auf ihrer Party der Champagner ausgegangen ist.
Verbote können notwendig sein. Das kommt auf die Verhältnisse an. Für eine Gesellschaft, die frei sein will, ist aber jedes Verbot, auch das vernünftigste, eine kleine Niederlage. Jedes Verbot ist eine leise Absage an die Idee, der Mensch sei vernunftbegabt. Jedes Verbot rüttelt an der These, wir seien eine Gesellschaft sozial denkender Menschen. Es kommt nicht nur darauf an, wie gut begründet oder gar zwingend ein einzelnes Verbot ist. Auch die schlichte Zahl der Verbote sagt etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus. Eine ständig wachsende Zahl von Verboten ist kein gutes Zeichen für die Entwicklung einer Gesellschaft. Wenn eine Gemeinschaft gar beginnt, die Verbote, die ihr auferlegt werden, zu lieben und nach immer neuen Verboten zu rufen, wird es bedrohlich.
Jedes Verbot ist zugleich auch ein Eingeständnis der Unfähigkeit, den Fehlentwicklungen in einer Gesellschaft auf angemessenere Weise zu begegnen. Eine Gesellschaft, die Alkohol auf der Straße verbietet, um so Raufhändel zu vermeiden, belegt damit zunächst einmal, dass sie ungelöste Probleme bei der Erziehung ihrer Kinder und Jugendlichen hat. Ein Staat, der Managergehälter begrenzen will, beweist damit, dass es ihm nicht gelungen ist, Teilen seiner wirtschaftlichen Elite die Idee des Gemeinwohls nahezubringen. Das Verbot, das stets das letzte Mittel sein müsste, wird als das scheinbar einfachste Allheilmittel eingesetzt. Risiken und Nebenwirkungen eines Staates, der immer stärker fürsorglich-autoritär agiert, zeigen sich mit Verspätung.
Hinter der Vorliebe für Verbote steckt freilich auch der alte, der reaktionäre Zweifel, ob die Menschen, selbstverständlich nur die anderen Menschen, für die Freiheit überhaupt gemacht seien. Ob sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Freiheit fähig seien. Und man kann ja inzwischen manchmal Zweifel bekommen. Nicht notwendigerweise wegen der Kinder, die sich ins Koma saufen oder zu Schlägern werden. Das wächst sich meist aus. Angesichts von Investmentbankern, die gerade eine ganze Welt ins Unglück gestürzt haben und schon wieder beginnen, auf Kosten der Steuerzahler zu zocken, sind solche Bedenken schon verständlich. Es hilft aber nichts. Wir sollten uns im Grenzfall für die Freiheit entscheiden und gegen Verbote. Trotz alledem. Weil wir die Alternative kennen.
Für fast alle Verbote gibt es gute, oft auch überzeugende Gründe. Die Gesundheit, vor allem aber die Kosten, die die Allgemeinheit tragen muss, weil Einzelne ungesund leben. Ruhe und Ordnung. Sicherheit. Die Menschenwürde. Der gleichmäßige Verkehrsfluss. Die Umwelt. Sauberkeit. Die soziale Gerechtigkeit. Der Schutz der Menschen vor ihrer eigenen Unvernunft. Und vor ihrer Bösartigkeit. Man sollte all diese Dinge nicht gering schätzen.
Nur wenige lieben alle Verbote, die meisten nur diejenigen, die andere treffen. Die Taubenfreundin kann sich für die Zwangsuntersuchung von Kindern starkmachen, der Bordellbesucher für die Begrenzung der Managergehälter, der Manager für das Verbot von Billigbordellen, der Pornograf für das Rauchverbot. Es gibt sogar Menschen, die sich vehement für ein Alkoholverbot auf den Straßen einsetzen, sich aber bitter beklagen, weil sie nachts keinen Nachschub mehr ordern können, wenn auf ihrer Party der Champagner ausgegangen ist.
Verbote contra Vernunft
Verbote können notwendig sein. Das kommt auf die Verhältnisse an. Für eine Gesellschaft, die frei sein will, ist aber jedes Verbot, auch das vernünftigste, eine kleine Niederlage. Jedes Verbot ist eine leise Absage an die Idee, der Mensch sei vernunftbegabt. Jedes Verbot rüttelt an der These, wir seien eine Gesellschaft sozial denkender Menschen. Es kommt nicht nur darauf an, wie gut begründet oder gar zwingend ein einzelnes Verbot ist. Auch die schlichte Zahl der Verbote sagt etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus. Eine ständig wachsende Zahl von Verboten ist kein gutes Zeichen für die Entwicklung einer Gesellschaft. Wenn eine Gemeinschaft gar beginnt, die Verbote, die ihr auferlegt werden, zu lieben und nach immer neuen Verboten zu rufen, wird es bedrohlich.
Jedes Verbot ist zugleich auch ein Eingeständnis der Unfähigkeit, den Fehlentwicklungen in einer Gesellschaft auf angemessenere Weise zu begegnen. Eine Gesellschaft, die Alkohol auf der Straße verbietet, um so Raufhändel zu vermeiden, belegt damit zunächst einmal, dass sie ungelöste Probleme bei der Erziehung ihrer Kinder und Jugendlichen hat. Ein Staat, der Managergehälter begrenzen will, beweist damit, dass es ihm nicht gelungen ist, Teilen seiner wirtschaftlichen Elite die Idee des Gemeinwohls nahezubringen. Das Verbot, das stets das letzte Mittel sein müsste, wird als das scheinbar einfachste Allheilmittel eingesetzt. Risiken und Nebenwirkungen eines Staates, der immer stärker fürsorglich-autoritär agiert, zeigen sich mit Verspätung.
Hinter der Vorliebe für Verbote steckt freilich auch der alte, der reaktionäre Zweifel, ob die Menschen, selbstverständlich nur die anderen Menschen, für die Freiheit überhaupt gemacht seien. Ob sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Freiheit fähig seien. Und man kann ja inzwischen manchmal Zweifel bekommen. Nicht notwendigerweise wegen der Kinder, die sich ins Koma saufen oder zu Schlägern werden. Das wächst sich meist aus. Angesichts von Investmentbankern, die gerade eine ganze Welt ins Unglück gestürzt haben und schon wieder beginnen, auf Kosten der Steuerzahler zu zocken, sind solche Bedenken schon verständlich. Es hilft aber nichts. Wir sollten uns im Grenzfall für die Freiheit entscheiden und gegen Verbote. Trotz alledem. Weil wir die Alternative kennen.
Kommentare (7)
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Jack,
05.08.2009
Leider...
..ist der Mensch nicht für die Freiheit gemacht. Oder zumindest, nicht mehr in der Lage mit Freiheit umzugehen. Würde man den Mensch der vollkommenen Selbstbestimmung überlassen würde er gnadenlos untergehen, zuviele Jahre des Gehorsams haben ihre Spuren hinterlassen.
Dennoch gibt das niemandem das Recht für mich zu entscheiden ob ich rauchen darf, ob ich trinken darf, was ich sehen darf, was ich hören darf, wer ich sein darf... doch zu viele glauben, dass es so rechtens wäre, und beugen sich dem Diktat....geben sich somit auf
1 Zitat welches mir in diesem Zusammenhang einfällt, "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will."
Dennoch gibt das niemandem das Recht für mich zu entscheiden ob ich rauchen darf, ob ich trinken darf, was ich sehen darf, was ich hören darf, wer ich sein darf... doch zu viele glauben, dass es so rechtens wäre, und beugen sich dem Diktat....geben sich somit auf
1 Zitat welches mir in diesem Zusammenhang einfällt, "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will."
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