Public Enemies
Melancholischer Spätwestern
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 06.08.2009
Filmbeschreibung
Seit "Heat" (1995) erwartet man mit jedem neuen Michael-Mann-Film ein Meisterwerk, aber obwohl "Ali", "Collateral", "Miami Vice" und "Insider" nicht enttäuschten, fehlten diesen Filmen die letzte Konsequenz und Konzentration. Im Falle von "Collateral" und "Miami Vice" schien Mann die experimentelle Erkundung der ästhetischen Möglichkeiten digitaler Kameratechnik wichtiger als die Geschichten, die er zu erzählen hatte.
Groß waren die Erwartungen, als Mann im Frühjahr 2008 bekanntgab, er werde die Geschichte des Gangsters John Dillinger verfilmen. Mit Johnny Depp und Christian Bale in den Hauptrollen! Nach knapp zweieinhalb Kinostunden voller Banküberfälle, Schießereien, Autoverfolgungsjagden, cooler Posen, toller Kostüme und kerniger Oneliner steht fest: "Public Enemies" ist nicht der erwartete große Wurf geworden, sondern eher eine Art Remix von "Heat" in historischen Kostümen, eine Tiefenbohrung, deren Realismuseffekte durch den Einsatz der digitalen Kameras und ein explizites Popverständnis konsequent auf Distanz gehalten werden. Mann spielt mit Versatzstücken des Allzubekannten, das integraler Bestandteil der amerikanischen Popkultur wurde, investiert aber nicht viel Mühe in ein präzises Psychogramm von John Dillinger (Depp) oder dessen Kontrahenten, dem FBI-Fahnder Melvin Purvis (Bale).
Als Dillinger seine Liebe Billie Frechette (Marion Cotillard) überreden will, mit ihm zu kommen, und sie wissen will, mit wem sie es überhaupt zu tun hat, liefert er ihr eine lachhaft stichwortartige Zusammenfassung seiner Biografie, die auf die Pointe hinausläuft, man müsse ganz in der Gegenwart leben und sich um das Morgen nicht bekümmern. Selbst ihre Romanze wird im Film rein funktional, als Bedingung der Möglichkeit des Verrats beziehungsweise der Treue unter Folter eingesetzt.
Man kommt dem, was Mann interessierte, eher auf die Spur, wenn man sich den Titel der Buchvorlage von Bryan Burrough anschaut: "Public Enemies: America's greatest Crime Wave and the Birth of the FBI". Es geht um die Ursprünge des Mythos "Staatsfeind Nr. 1" vor dem Hintergrund der großen Depression der frühen 1930er Jahre. Die Gangster um Dillinger spezialisieren sich auf Banküberfälle im ländlichen Raum des Mittleren Westens und nutzen die Vorteile von Staatsgrenzen und Pferdestärken ihrer Fluchtfahrzeuge. Als das Treiben der Gangster, die auf Sympathien der Bevölkerung treffen, von den Medien "Crime Wave" genannt wird, schlägt die Stunde J. Edgar Hoovers, der jede Gelegenheit nutzt, die Fahndungsmethoden zu professionalisieren: Es geht um innere Mobilmachung und Aufrüstung der Exekutive.
Ein paar Folterszenen und ein Hinweis auf den italienischen Faschismus reichen hin, um seinen "Krieg gegen das Verbrechen" politisch zu charakterisieren. Zugleich findet auch aufseiten des organisierten Verbrechens eine Modernisierung statt, die einer anderen Rationalität folgt als die nomadisierenden Bankräuberbanden. Durch diese Perspektive wird "Public Enemies" fast zu einem Spätwestern, der an die melancholischen Klassiker Sam Peckinpahs anschließt.
Der Film strickt ein stilisiertes Déjà-vu-Gewebe: Dazu gehören der urbane Jazz, der den Country Blues ablöst und die von Melvin Purvis inspirierte Comicfigur des Dick Tracy, die im maskenhaften Spiel Christian Bales präfiguriert erscheint.
Die Verbrecher finden ihre Vorbilder auf der Kinoleinwand, lieben James Cagney und delektieren sich an den kernigen Sprüchen des von Clark Gable gespielten coolen Gangsters in "Manhattan Melodrama". So gibt es in "Public Enemies" viel zu entdecken, aber das Zentrum dieser Bastelei mit unterschiedlichstem Material bleibt leer. Im OEuvre des Autorenfilmers Michael Mann bleibt dieser Film ein weiteres Nebenwerk, eine blendende Materialschlacht ohne viel Substanz: purer Pop.
Groß waren die Erwartungen, als Mann im Frühjahr 2008 bekanntgab, er werde die Geschichte des Gangsters John Dillinger verfilmen. Mit Johnny Depp und Christian Bale in den Hauptrollen! Nach knapp zweieinhalb Kinostunden voller Banküberfälle, Schießereien, Autoverfolgungsjagden, cooler Posen, toller Kostüme und kerniger Oneliner steht fest: "Public Enemies" ist nicht der erwartete große Wurf geworden, sondern eher eine Art Remix von "Heat" in historischen Kostümen, eine Tiefenbohrung, deren Realismuseffekte durch den Einsatz der digitalen Kameras und ein explizites Popverständnis konsequent auf Distanz gehalten werden. Mann spielt mit Versatzstücken des Allzubekannten, das integraler Bestandteil der amerikanischen Popkultur wurde, investiert aber nicht viel Mühe in ein präzises Psychogramm von John Dillinger (Depp) oder dessen Kontrahenten, dem FBI-Fahnder Melvin Purvis (Bale).
Als Dillinger seine Liebe Billie Frechette (Marion Cotillard) überreden will, mit ihm zu kommen, und sie wissen will, mit wem sie es überhaupt zu tun hat, liefert er ihr eine lachhaft stichwortartige Zusammenfassung seiner Biografie, die auf die Pointe hinausläuft, man müsse ganz in der Gegenwart leben und sich um das Morgen nicht bekümmern. Selbst ihre Romanze wird im Film rein funktional, als Bedingung der Möglichkeit des Verrats beziehungsweise der Treue unter Folter eingesetzt.
Man kommt dem, was Mann interessierte, eher auf die Spur, wenn man sich den Titel der Buchvorlage von Bryan Burrough anschaut: "Public Enemies: America's greatest Crime Wave and the Birth of the FBI". Es geht um die Ursprünge des Mythos "Staatsfeind Nr. 1" vor dem Hintergrund der großen Depression der frühen 1930er Jahre. Die Gangster um Dillinger spezialisieren sich auf Banküberfälle im ländlichen Raum des Mittleren Westens und nutzen die Vorteile von Staatsgrenzen und Pferdestärken ihrer Fluchtfahrzeuge. Als das Treiben der Gangster, die auf Sympathien der Bevölkerung treffen, von den Medien "Crime Wave" genannt wird, schlägt die Stunde J. Edgar Hoovers, der jede Gelegenheit nutzt, die Fahndungsmethoden zu professionalisieren: Es geht um innere Mobilmachung und Aufrüstung der Exekutive.
Ein paar Folterszenen und ein Hinweis auf den italienischen Faschismus reichen hin, um seinen "Krieg gegen das Verbrechen" politisch zu charakterisieren. Zugleich findet auch aufseiten des organisierten Verbrechens eine Modernisierung statt, die einer anderen Rationalität folgt als die nomadisierenden Bankräuberbanden. Durch diese Perspektive wird "Public Enemies" fast zu einem Spätwestern, der an die melancholischen Klassiker Sam Peckinpahs anschließt.
Der Film strickt ein stilisiertes Déjà-vu-Gewebe: Dazu gehören der urbane Jazz, der den Country Blues ablöst und die von Melvin Purvis inspirierte Comicfigur des Dick Tracy, die im maskenhaften Spiel Christian Bales präfiguriert erscheint.
Die Verbrecher finden ihre Vorbilder auf der Kinoleinwand, lieben James Cagney und delektieren sich an den kernigen Sprüchen des von Clark Gable gespielten coolen Gangsters in "Manhattan Melodrama". So gibt es in "Public Enemies" viel zu entdecken, aber das Zentrum dieser Bastelei mit unterschiedlichstem Material bleibt leer. Im OEuvre des Autorenfilmers Michael Mann bleibt dieser Film ein weiteres Nebenwerk, eine blendende Materialschlacht ohne viel Substanz: purer Pop.
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