Maria, ihm schmeckt's nicht!
Keine Probleme, höchstens kulturelle
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 06.08.2009
Filmbeschreibung
Italien, Italien: die Deutschen zog es mal mächtig in den Süden. Vielleicht nicht nur deshalb, weil sie Küche, Kultur, Sonne und Strand genießen wollten. Sondern vielleicht auch deshalb, weil sie die Italiener nicht so ganz für voll nahmen, als etwas kindische, chronisch verantwortungslose, heillos verschlampte Zeitgenossen wahrnehmen wollten. Als ein Volk mit Reifungshemmung also, das in den Relikten einer fernen Vergangenheit lebt wie ein schwächlicher Erbe im Palast der Urgroßväter. Die Deutschen hatten den Verdacht, sie könnten in Italien als Urlauber Kontrolle übernehmen, sich das Schöne aneignen, sich in die Position der Vormundschaft begeben. Diese Seite der Italienbegeisterung sollte man im Auge behalten, wenn man sich über die schöne Kulturschockkomödie "Maria, ihm schmeckt's nicht!" durch und durch amüsieren möchte.
Der Deutsche, der hier einer heftigen Kontrollverlusterfahrung ausgesetzt wird, der nette Jan (Christian Ulmen), hat eigentlich keinen Italienfimmel. Er liebt eine Deutschitalienerin, Sara (Mina Tander), aber Kulturexotik scheint bei diesem Paar bislang keine Rolle gespielt zu haben. Im Gegenteil, Jan hat nicht einmal Saras Eltern in Osnabrück kennengelernt. Das holen sie nun nach, und sofort wird die Lage heikel: der gebürtige Italiener Antonio Marcipane ist unzufrieden damit, dass er nicht längst um Erlaubnis für die Beziehung gebeten wurde. Er eifersüchtelt, er schmollt, er dünstet Missmut aus. Lino Banfi spielt das ganz wunderbar, mit einer Übertreibung, die immer klar macht, dass hier Klischees zum Einsatz kommen, aber mit einer Wahrhaftigkeit, die daran erinnert, dass Klischees sich aus Wirklichkeit speisen.
Wie eine Axt im Vaterherz
Aus dem späten Anstandsbesuch, bei dem die geplante Hochzeit verkündet werden soll, wird durch die Strategie von Marcipane eine Besieglung der Missachtung. Der Mann weiß, wie man andere ins Unrecht setzt. Wie man der Tochter zu verstehen gibt, die Wahl speziell dieses deutschen Ehemanns sei ein Hieb mit der rostigen Axt mitten ins liebende Vaterherz. Da lässt sich leicht ein Zugeständnis erpressen: Dass die Hochzeit in der alten Heimat stattfinden soll, im idyllischen Kaff Campobello, mit allen, wirklich allen Anverwandten. Italien, das ist schließlich der Gegenentwurf zum vereinzelten Leben.
Wenn der nette Jan heimlich auf etwas stolz sein sollte, dann bestimmt darauf, dass er ein lässiger, entspannter Typ ist, dass er gut mit Leuten klarkommt und sich dezent in neue Umgebungen einfügen kann. In "Maria, ihm schmeckt's nicht!" geht diese soziale Geschmeidigkeit schneller verloren als die Hautbleiche eines Teutonengrillfanatikers.
Schon der Titel dieser Verfilmung des Bestsellers von Jan Weiler weist auf die neue, ungewollte Sperrigkeit von Jan, der kein bisschen nach Campobello unter die Marcipanes passt. Dort isst man Meeresfrüchte: Muscheln aller Art, Tintenfische, Langusten. Jan ist gegen so etwas allergisch, was den Walterinnen des Herds aber nicht begreiflich wird. Sie kennen nur Appetit und Brüskierung. So sitzt der Gast denn vorm Muschelteller und rührt in dem Schalengelumpse herum wie andere in den Formularen ihrer Steuererklärung. Irgendwie muss der Schlamassel erledigt werden, muss die Plage vom Tisch. Aber wie?
Nichts in Neele Vollmars "Maria, ihm schmeckt's nicht!" ist besonders originell. Aber die Standardsituationen sind mit sachter Präzision inszeniert und feinem Gespür dafür, was wirkungsvolle Übertreibung ist und was Schrillheitsexzess. In Schuss und Gegenschuss wird uns etwa eine Szene in der Küche gezeigt. Hie sitzt Jan allein am Tisch, da stehen die Marcipanes im Bündel vor dem Herd. Sie tuscheln gerade auf Italienisch, dass der Gast wohl den bösen Blick mitgebracht habe, dass der Kerl nichts als Probleme mache. Das aufgeregte Hin und Her wird von Jans Frage unterbrochen, ob es denn Probleme gebe. Die Marcipanes erstarren. Kurz sehen sie aus wie eine lebensgroße Krippenschnitzerei, die aufs nächste Christfest wartet. Dann fährt Leben in sie: "Nein, nein, nein", versichern sie, "keine Probleme!" Das ist auf den Punkt inszeniert und gespielt: in der Fremde, und wenn es nur Italien ist, sind wir auf Erklärungen durch andere angewiesen, die nicht unbedingt stimmen müssen.
Gebt ihm einen Besen!
"Maria, ihm schmeckt's nicht!" hat aber durchaus einen bittersüßen Zug. In Rückblenden wird erzählt, wie Antonio Marcipane in den sechziger Jahren nach Deutschland kam, wie er ein kaltes, unfreundliches Land fand, wie er erniedrigt und betrogen wurde, wie er es nicht über sich brachte, von seinem Kummer nach Campobello zu berichten, wie er stattdessen eine Märchenvariante seiner Gastarbeit, eine Geschichte von finanziellem Erfolg und sozialem Aufstieg zusammenflunkerte.
Wie "Solino" (2002) von Fatih Akin schildert auch "Maria, ihm schmeckt's nicht!", wie sich jene, die zum Arbeiten geholt worden waren, zugleich als Unerwünschte fühlen mussten. Die komische Zuspitzung macht die Bilder nicht weniger wahr. Antonio und ein Kumpel stehen alleine, pars pro toto, einem deutschen Werksmeister in einer sinnbildlichen Industrieanlage gegenüber. Der kümmert sich nicht um ihre Qualifikationen. Er drückt ihnen Besen in die Hand. Wenn Jan vor seinem Muschelteller sitzt, dann mischt sich in diese scheinbar wohlwollende kulinarische Peinigung auch ein wenig Strafgericht: Nun lernt der Deutsche, wie das ist, wenn andere entscheiden, was einem zu schmecken hat.
Der Deutsche, der hier einer heftigen Kontrollverlusterfahrung ausgesetzt wird, der nette Jan (Christian Ulmen), hat eigentlich keinen Italienfimmel. Er liebt eine Deutschitalienerin, Sara (Mina Tander), aber Kulturexotik scheint bei diesem Paar bislang keine Rolle gespielt zu haben. Im Gegenteil, Jan hat nicht einmal Saras Eltern in Osnabrück kennengelernt. Das holen sie nun nach, und sofort wird die Lage heikel: der gebürtige Italiener Antonio Marcipane ist unzufrieden damit, dass er nicht längst um Erlaubnis für die Beziehung gebeten wurde. Er eifersüchtelt, er schmollt, er dünstet Missmut aus. Lino Banfi spielt das ganz wunderbar, mit einer Übertreibung, die immer klar macht, dass hier Klischees zum Einsatz kommen, aber mit einer Wahrhaftigkeit, die daran erinnert, dass Klischees sich aus Wirklichkeit speisen.
Wie eine Axt im Vaterherz
Aus dem späten Anstandsbesuch, bei dem die geplante Hochzeit verkündet werden soll, wird durch die Strategie von Marcipane eine Besieglung der Missachtung. Der Mann weiß, wie man andere ins Unrecht setzt. Wie man der Tochter zu verstehen gibt, die Wahl speziell dieses deutschen Ehemanns sei ein Hieb mit der rostigen Axt mitten ins liebende Vaterherz. Da lässt sich leicht ein Zugeständnis erpressen: Dass die Hochzeit in der alten Heimat stattfinden soll, im idyllischen Kaff Campobello, mit allen, wirklich allen Anverwandten. Italien, das ist schließlich der Gegenentwurf zum vereinzelten Leben.
Wenn der nette Jan heimlich auf etwas stolz sein sollte, dann bestimmt darauf, dass er ein lässiger, entspannter Typ ist, dass er gut mit Leuten klarkommt und sich dezent in neue Umgebungen einfügen kann. In "Maria, ihm schmeckt's nicht!" geht diese soziale Geschmeidigkeit schneller verloren als die Hautbleiche eines Teutonengrillfanatikers.
Schon der Titel dieser Verfilmung des Bestsellers von Jan Weiler weist auf die neue, ungewollte Sperrigkeit von Jan, der kein bisschen nach Campobello unter die Marcipanes passt. Dort isst man Meeresfrüchte: Muscheln aller Art, Tintenfische, Langusten. Jan ist gegen so etwas allergisch, was den Walterinnen des Herds aber nicht begreiflich wird. Sie kennen nur Appetit und Brüskierung. So sitzt der Gast denn vorm Muschelteller und rührt in dem Schalengelumpse herum wie andere in den Formularen ihrer Steuererklärung. Irgendwie muss der Schlamassel erledigt werden, muss die Plage vom Tisch. Aber wie?
Nichts in Neele Vollmars "Maria, ihm schmeckt's nicht!" ist besonders originell. Aber die Standardsituationen sind mit sachter Präzision inszeniert und feinem Gespür dafür, was wirkungsvolle Übertreibung ist und was Schrillheitsexzess. In Schuss und Gegenschuss wird uns etwa eine Szene in der Küche gezeigt. Hie sitzt Jan allein am Tisch, da stehen die Marcipanes im Bündel vor dem Herd. Sie tuscheln gerade auf Italienisch, dass der Gast wohl den bösen Blick mitgebracht habe, dass der Kerl nichts als Probleme mache. Das aufgeregte Hin und Her wird von Jans Frage unterbrochen, ob es denn Probleme gebe. Die Marcipanes erstarren. Kurz sehen sie aus wie eine lebensgroße Krippenschnitzerei, die aufs nächste Christfest wartet. Dann fährt Leben in sie: "Nein, nein, nein", versichern sie, "keine Probleme!" Das ist auf den Punkt inszeniert und gespielt: in der Fremde, und wenn es nur Italien ist, sind wir auf Erklärungen durch andere angewiesen, die nicht unbedingt stimmen müssen.
Gebt ihm einen Besen!
"Maria, ihm schmeckt's nicht!" hat aber durchaus einen bittersüßen Zug. In Rückblenden wird erzählt, wie Antonio Marcipane in den sechziger Jahren nach Deutschland kam, wie er ein kaltes, unfreundliches Land fand, wie er erniedrigt und betrogen wurde, wie er es nicht über sich brachte, von seinem Kummer nach Campobello zu berichten, wie er stattdessen eine Märchenvariante seiner Gastarbeit, eine Geschichte von finanziellem Erfolg und sozialem Aufstieg zusammenflunkerte.
Wie "Solino" (2002) von Fatih Akin schildert auch "Maria, ihm schmeckt's nicht!", wie sich jene, die zum Arbeiten geholt worden waren, zugleich als Unerwünschte fühlen mussten. Die komische Zuspitzung macht die Bilder nicht weniger wahr. Antonio und ein Kumpel stehen alleine, pars pro toto, einem deutschen Werksmeister in einer sinnbildlichen Industrieanlage gegenüber. Der kümmert sich nicht um ihre Qualifikationen. Er drückt ihnen Besen in die Hand. Wenn Jan vor seinem Muschelteller sitzt, dann mischt sich in diese scheinbar wohlwollende kulinarische Peinigung auch ein wenig Strafgericht: Nun lernt der Deutsche, wie das ist, wenn andere entscheiden, was einem zu schmecken hat.
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