Inglourious Basterds

Der Untergang des Dritten Reiches

Rupert Koppold, veröffentlicht am 20.08.2009
Filmbeschreibung
Es war einmal im besetzten Frankreich ..." Mit diesen eingeblendeten Worten führt sich die Geschichte ein. Und man sieht ein Bauernhaus auf einem Hügel. Ein großer, schwerer Mann steht davor und hackt Holz. Aus dem Tal sind Motorengeräusche zu hören. Der Mann schaut ernst und angespannt hinab. Noch ist die kleine deutsche Militäreinheit, die da langsam die Straße hochbrummt, ein Stück entfernt. Der Mann aber schlägt jetzt das Beil in den Block, schickt seine Kinder ins Haus, wischt sich über die Stirn. Es liegt etwas in der Luft, und dieses Etwas wird heraufbeschworen durch die an Sergio Leones Italowestern erinnernde Art, Bilder zusammenzusetzen, und auch durch die Verwendung der Musik. Diese gedehnten Töne, die manchmal mit Geräuschen versetzt sind, diese Motive, die wie im Ritual wiederkehren: es ist der unverkennbare Klang des Leone- Hauskomponisten Ennio Morricone.

Nun steigt Oberst Landa (grandios: Christoph Waltz) aus seinem Wagen, bittet den Bauern mit ausgesuchter Höflichkeit zum Gespräch ins Haus, parliert in gehobenem Französisch, wechselt dann mühelos ins Englische, erkundigt sich nach Juden in der Gegend, weist darauf hin, dass laut seiner Liste noch eine jüdische Familie hier sein müsse, irgendwo versteckt, sagt dies alles in selbstgefällig-jovialem Ton und mit falsch-perfidem Lächeln, treibt den Bauern in die Enge, mauert ihn ein mit Worten, bis der Mann schließlich gesteht. Dann ruft Landa seine Männer, deutet auf eine Stelle unter den Dielen - und die Maschinenpistolen rattern los. Nur die junge Shosanna entkommt, rennt über die Felder, Landa grinst ihr diabolisch hinterher.

So endet die 1941 spielende Vorgeschichte von "Inglourious Basterds". Im zweiten der fünf Filmkapitel werden nun die vom US-Leutnant Aldo Raine (Brad Pitt) angeführten Titelhelden vorstellt. "We're in the Nazi-Killing business", erklärt Raine seinem kleinen Trupp, und er kaut auf den Worten so herum, als wolle er Südstaaten-Akzent-Zelebrierer des Monats werden. Hundert Naziskalps erwarte er von jedem seiner Männer, sagt Raine, der mit seinem riesigen Bowie-Messer selber gerne Hakenkreuze in deutsche Stirnen schnitzt. Es kündigt sich also ein Kommandofilm wie Robert Aldrichs "Dreckiges Dutzend" an. Der wortkarge deutsche Nazitöter Hugo Stieglitz (Til Schweiger) wird von der Truppe aus dem Gefängnis befreit und rekrutiert, und Sergeant Donny Donowitz (Eli Roth) wird jetzt mit seinem Baseballschläger einem gefangenen deutschen Soldaten den Schädel zertrümmern.

Das ist eine jener Gewalt-ist-lustig-und-geil-Sequenzen, für die Tarantino berüchtigt ist. Diesmal inszeniert er sie wie Sport: Donny trabt auf das Opfer zu, seine Mit-Basterds johlen wie in einer Arena, Donny holt aus und ... Nein, detaillierter soll es hier nicht werden.

Aber das war es dann auch schon fast mit solchen Szenen, mehr als an dieser Art von Action ist Tarantino nämlich interessiert an langen Dialogen, die er immer wieder mit Filmzitaten auflädt, ja, man könnte auch sagen: vollstopft. Dramaturgisch tut das der Geschichte nicht gut, sie wirkt oft überdehnt, verliert sich gern im Detail. Aber gerade diese Details machen dann auch wieder ihren Reiz aus - und fast jedesmal führen sie in die Kinohistorie.

Wenn etwa der deutsche und von den Nazis als Held gefeierte Scharfschütze Fredrick Zoller (Daniel Brühl) - "Man nennt mich den deutschen Sergeant York!" - im Jahr 1944 in Paris Shosanna (Mélanie Laurent) trifft, die inzwischen ein Kino betreibt, dann wird kennerisch über Max Linder, Charlie Chaplin, Leni Riefenstahl oder G. W. Pabst gesprochen, dann schiebt Quentin Tarantino, der natürlich auch wieder das Drehbuch geschrieben hat, seinen Protagonisten Cineastensätze in den Mund, die direkt aus seinem eigenen kommen.

Und so anspielungsreich geht das munter weiter, in einem Kellerbistro konspirieren einige der Basterds mit dem britischen Leutnant Archie Hicox (Michael Fassbender), alle hocken in Wehrmachtsuniformen da und sprechen Deutsch, mit am Tisch und unter einem feschen Federhut sitzt auch noch die Ufa-Diva Bridget von Hammersmark (Diane Krueger), die für England spioniert. Am Nebentisch spielen derweil echte deutsche Soldaten Personenraten, herauszufinden sind Pola Negri, Edgar Wallace, Winnetou oder King Kong. Plötzlich fällt den Ratern Hicox' seltsamer Akzent auf, der zunächst durch eine weitere Filmanekdote erklärt wird, dann aber die Aufmerksamkeit des hartnäckigen Major Hellstrom (August Diehl) erregt.

"Inglourious Basterds", der sich den Titel eines 1978 entstandenen Kriegs- und Trashfilms von Enzo Castellari geborgt hat und in Berlin gedreht wurde, ist kein Historienfilm, sondern ein Film über Filme und vor allem eine A-Klasse-Behandlung von B-Pictures, in deren Reich sich Tarantino zu Hause fühlt. Aus diesem Reich heraus startet er einen Großangriff auf Hitler (Martin Wuttke), Goebbels (Sylvester Groth) und Co., der so comichaft und trashig ausfällt, wie es sich eine deutsche Produktion noch immer nicht erlaubt hätte. "Die Macht des Kinos bringt das Dritte Reich zu Fall!", hat Tarantino bei der Premiere in Cannes erklärt. So laufen in Shosannas Kinosaal nun gleich zwei Attentatspläne auf die Nazigrößen zusammen, welche dort die Galapremiere von Fredrick Zollers verfilmten Heldentaten feiern wollen.

Auch Christoph Waltz als Oberst Landa ist wieder mit von der Partie bei diesem feurigen Finale, dem David Bowies Song "Putting out the Fire" unterlegt ist. Und wieder ist Waltz der Mann, der die Blicke auf sich zieht, er prägt diesen Film, reißt ihn an sich mit verblüffender Selbstverständlichkeit. Der Charme des Bösen: kein Schurke hat in den letzten Jahren im Kino so geschillert wie er. Für Tarantino mag "Inglourious Basterds" nur ein halber Erfolg werden, für Christoph Waltz aber wird dieser Auftritt ganz sicher zum Triumph.
 
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