Fundbüro der Bahn Wenn die Jacke das Aussteigen vergisst
Rainer Klüting, veröffentlicht am 26.08.2009
Stuttgart - Es gibt zwei Hauptgründe dafür, in einem Eisenbahnzug beim Aussteigen etwas zu vergessen. Erstens kann es daran liegen, dass man selten Zug fährt und vor Nervosität die Übersicht verliert. Zweitens kann es daran liegen, dass man viel Zug fährt und vor Routine unaufmerksam wird. Zwischen diesen beiden Gründen gibt es Tausende weiterer Gründe, genau gesagt: 230.000 Gründe. Jedes Jahr. So viele Fundstücke sammeln Mitarbeiter der Bahn in den Zügen ein. Das sind 630 am Tag. Grund genug für die Bahn, einen Fundservice einzurichten, mit Telefonnummer und Internetadresse. "Brille verloren. Schirm vergessen. Wie finden Sie das?" fragt die Bahn in einem Faltblatt rhetorisch und gibt selbst die Antwort: "Ganz einfach per Mausklick."
Es ist Freitagnachmittag. Der Intercity hält in Mainz-Bischofsheim. Es ist eine Routinefahrt, also Hauptgrund Nummer zwei. In Stuttgart war es kühl, hier ist es warm. Am Haken neben dem Fenster lasse ich eine Windjacke hängen. In den Taschen: eine Mütze und, sehr ärgerlich, ein Schlüsseltäschchen mit einigen Schlüsseln, die man besser nicht verliert. In einem Seitenfach des Schlüsseltäschchens stecken außerdem etwa acht Euro in Münzen.
Den Verlust bemerke ich erst zwanzig Minuten später in einem Außenbezirk von Mainz. Die rettende Idee kommt sofort nach dem ersten Schock: Wenn es gelänge, dem Zugchef eine Nachricht zukommen zu lassen, dann könnte der die Jacke an sich nehmen. Vielleicht könnte er sie sogar schon am nächsten Bahnhof abgeben. Schließlich kann ich ihm Wagen- und Sitzplatznummer durchgeben. Aber solche Gedanken, das zeigt sich bald, sind Welten entfernt von der Realität in einem Unternehmen, das täglich 630 Funde verkraften muss.
Ich bin beim Einkaufen und habe weder einen Computer noch eine Bahn-Telefonnummer bei mir. Vom Mobiltelefon aus rufe ich die Auskunft an. Die freundliche Frau am anderen Ende klärt mich auf, Telefonnummern der Bahn gebe es nicht im Telefonbuch, schon gar nicht die von Bahnhöfen. "Aber ich schau mal ins Internet." Dort findet sie die Nummer der Verlusthotline: 0900-1990599. Dass der Anruf dort über das Festnetz 59 Cent gekostet hätte, ist ein schwacher Trost, denn am Mobiltelefon höre ich nun fünf Minuten lang teure Musik: 1,49 Euro pro Minute.
Dann spreche ich mit einer Frau, deren Handlungsspielraum so eng ist, dass sie schon ganz müde klingt. Nachrichten an Zugchefs in fahrenden Zügen liegen weit außerhalb ihrer Kompetenz. Sie kann und darf nur meine Verlustmeldung aufnehmen. Ich bekomme eine Verlustnummer.
Ich gebe nicht auf, doch noch auf kurzem Wege zu meiner Jacke zu kommen, und fahre zum Mainzer Hauptbahnhof. Dort steigt die Hoffnung: Am Auskunftsschalter entwickeln zwei Mitarbeiter Ehrgeiz und telefonieren mit einer sogenannten 3-S-Zentrale. Nach zwanzig Minuten Telefonieren geben sie mir die Nummer der Zentrale. Ich soll vor dem nächsten Schichtwechsel noch einmal anrufen. Doch es hilft nichts: Eine Stunde vor dem Termin ist der Schichtwechsel bereits vollzogen und niemand mehr dort, der von dem Telefonat aus Mainz weiß. Aber ich bekomme die Telefonnummern zweier Bahn-Fundbüros auf dem Weg des Zuges, nämlich in Köln und im Endbahnhof Münster. Doch an beiden Orten weiß man nichts von einem Fund.
Nächste Chance: das Internet. Unter http://www.fundservice.bahn.de kann ich mit Hilfe meiner Verlustnummer nach meiner Jacke suchen. Aber dazu muss ich meine Verlustmeldung erneut eingeben, denn das Internet mag meine telefonisch erkämpfte Verlustnummer nicht. Ich erhalte eine neue Verlustnummer. Und siehe da: Am nächsten Tag, dem Samstag, liefert die Eingabe dieser Nummer vier Treffer. Hochgestimmt rufe ich erneut die teure Hotline an. Eine dieses Mal ganz und gar nicht müde Mitarbeiterin erklärt mir bedauernd, meine Suche habe vier falsche Treffer ausgespuckt. Einen Tag später aber ist ein fünfter Treffer hinzugekommen: meine Jacke samt Tascheninhalt liegt im Fundbüro des Bahnhofs Münster. Ein Anruf genügt, und gegen eine Nachnahmegebühr von 20,01 Euro geht ein Päckchen mit meiner Jacke auf Reisen.
Genau eine Woche nach dem Verlust habe ich meine Jacke wieder. Die Mobiltelefonate haben mich 30,28 Euro gekostet, das Porto 20,01 Euro. Die Münzen in dem kleinen Seitenfach des Schlüsseltäschchens sind allerdings verschwunden. Dem Finder sei's gegönnt.
Weitere Artikel
zum Thema
zum Thema
Fünf Minuten lang teure Musik über das Mobiltelefon
Den Verlust bemerke ich erst zwanzig Minuten später in einem Außenbezirk von Mainz. Die rettende Idee kommt sofort nach dem ersten Schock: Wenn es gelänge, dem Zugchef eine Nachricht zukommen zu lassen, dann könnte der die Jacke an sich nehmen. Vielleicht könnte er sie sogar schon am nächsten Bahnhof abgeben. Schließlich kann ich ihm Wagen- und Sitzplatznummer durchgeben. Aber solche Gedanken, das zeigt sich bald, sind Welten entfernt von der Realität in einem Unternehmen, das täglich 630 Funde verkraften muss.
Ich bin beim Einkaufen und habe weder einen Computer noch eine Bahn-Telefonnummer bei mir. Vom Mobiltelefon aus rufe ich die Auskunft an. Die freundliche Frau am anderen Ende klärt mich auf, Telefonnummern der Bahn gebe es nicht im Telefonbuch, schon gar nicht die von Bahnhöfen. "Aber ich schau mal ins Internet." Dort findet sie die Nummer der Verlusthotline: 0900-1990599. Dass der Anruf dort über das Festnetz 59 Cent gekostet hätte, ist ein schwacher Trost, denn am Mobiltelefon höre ich nun fünf Minuten lang teure Musik: 1,49 Euro pro Minute.
An keinem der Orte weiß man etwas von einem Fund
Dann spreche ich mit einer Frau, deren Handlungsspielraum so eng ist, dass sie schon ganz müde klingt. Nachrichten an Zugchefs in fahrenden Zügen liegen weit außerhalb ihrer Kompetenz. Sie kann und darf nur meine Verlustmeldung aufnehmen. Ich bekomme eine Verlustnummer.
Ich gebe nicht auf, doch noch auf kurzem Wege zu meiner Jacke zu kommen, und fahre zum Mainzer Hauptbahnhof. Dort steigt die Hoffnung: Am Auskunftsschalter entwickeln zwei Mitarbeiter Ehrgeiz und telefonieren mit einer sogenannten 3-S-Zentrale. Nach zwanzig Minuten Telefonieren geben sie mir die Nummer der Zentrale. Ich soll vor dem nächsten Schichtwechsel noch einmal anrufen. Doch es hilft nichts: Eine Stunde vor dem Termin ist der Schichtwechsel bereits vollzogen und niemand mehr dort, der von dem Telefonat aus Mainz weiß. Aber ich bekomme die Telefonnummern zweier Bahn-Fundbüros auf dem Weg des Zuges, nämlich in Köln und im Endbahnhof Münster. Doch an beiden Orten weiß man nichts von einem Fund.
Für 20,01 Euro Nachnahmegebühr geht die Jacke auf Reisen
Nächste Chance: das Internet. Unter http://www.fundservice.bahn.de kann ich mit Hilfe meiner Verlustnummer nach meiner Jacke suchen. Aber dazu muss ich meine Verlustmeldung erneut eingeben, denn das Internet mag meine telefonisch erkämpfte Verlustnummer nicht. Ich erhalte eine neue Verlustnummer. Und siehe da: Am nächsten Tag, dem Samstag, liefert die Eingabe dieser Nummer vier Treffer. Hochgestimmt rufe ich erneut die teure Hotline an. Eine dieses Mal ganz und gar nicht müde Mitarbeiterin erklärt mir bedauernd, meine Suche habe vier falsche Treffer ausgespuckt. Einen Tag später aber ist ein fünfter Treffer hinzugekommen: meine Jacke samt Tascheninhalt liegt im Fundbüro des Bahnhofs Münster. Ein Anruf genügt, und gegen eine Nachnahmegebühr von 20,01 Euro geht ein Päckchen mit meiner Jacke auf Reisen.
Genau eine Woche nach dem Verlust habe ich meine Jacke wieder. Die Mobiltelefonate haben mich 30,28 Euro gekostet, das Porto 20,01 Euro. Die Münzen in dem kleinen Seitenfach des Schlüsseltäschchens sind allerdings verschwunden. Dem Finder sei's gegönnt.
Kommentare (3)
Anzeigen
Harry R.,
20.01.2011
Abzocke mit der Service-Hotline 09001990599 des Fundbüros der DB AG
Dem Beitrag von Söhnke F. kann ich aus eigener Erfahrung beipflichten.
Am Sonntag, 06.12.10 vergaß ich in einem RE meinen Ledermantel. Ich musste in Armsheim/Rheinland-Pfals überstürzt den Zug verlassen, weil mir (nach Auskunft des Schaffners) die DB eine Zugverbindung nach Berlin verkauft hatte, die es so seit 2 Monaten gar nicht mehr gab; aber das ist eine Story für sich.
Den Verlust hatte ich bemerkt, sobald der Zug weg war. Über Handy versuchte meine Frau dann, per o.a. Servicehotline den Verlust zur Anzeige zu bringen. Ergebnislos, nach 10 Minuten Warteschleife wurde die Leitung unterbrochen. Abrechnung per E-Plus: 17,43 €.
Die Jacke ist bislang noch nicht aufgetaucht, trotz schriftlicher Mitteilung an die Fundstelle (Mail und gelbe Post).
Das mit der Service-Hotline ist aus meiner Sicht Betrug am Kunden – anscheinend ist sonntags die Hotline so schwach besetzt, dass eine Vielzahl von Anrufen ins Leere geht – zum Wohle der DB AG; kassiert wird in jedem Fall.
Am Sonntag, 06.12.10 vergaß ich in einem RE meinen Ledermantel. Ich musste in Armsheim/Rheinland-Pfals überstürzt den Zug verlassen, weil mir (nach Auskunft des Schaffners) die DB eine Zugverbindung nach Berlin verkauft hatte, die es so seit 2 Monaten gar nicht mehr gab; aber das ist eine Story für sich.
Den Verlust hatte ich bemerkt, sobald der Zug weg war. Über Handy versuchte meine Frau dann, per o.a. Servicehotline den Verlust zur Anzeige zu bringen. Ergebnislos, nach 10 Minuten Warteschleife wurde die Leitung unterbrochen. Abrechnung per E-Plus: 17,43 €.
Die Jacke ist bislang noch nicht aufgetaucht, trotz schriftlicher Mitteilung an die Fundstelle (Mail und gelbe Post).
Das mit der Service-Hotline ist aus meiner Sicht Betrug am Kunden – anscheinend ist sonntags die Hotline so schwach besetzt, dass eine Vielzahl von Anrufen ins Leere geht – zum Wohle der DB AG; kassiert wird in jedem Fall.
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 402 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.



