Taking Woodstock

Ein amerikanischer Sommernachtstraum

Rupert Koppold, veröffentlicht am 03.09.2009
Filmbeschreibung
Wer sich an Woodstock erinnere, der sei nicht dabei gewesen, so behauptet ein Spruch zu dem Musikfestival, an das sich Mitte August anlässlich des Vierzig-Jahr-Jubiläums dann trotzdem viele öffentlich erinnert haben. Der Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain") allerdings ist wirklich nicht dabei gewesen, und dennoch hat er "Taking Woodstock" gedreht, einen Film, der das Ereignis vielleicht näher rückt, als es dessen Veteranen in ihren manchmal nostalgisch verklärenden, manchmal aber auch zynisch-bösartigen Reminiszenzen gelungen ist.

Vielleicht hat das mit der Perspektive zu tun: Lee erzählt aus der Sicht Elliot Tibers (Demetri Martin), eines schüchternen jungen und jüdischen Mannes, der noch bei den Eltern wohnt und mit ihnen das marode Motel El Monaco betreibt. "Taking Woodstock" schraubt also die Sicht auf das von Psychologie, Soziologie und Rockhistorie ausführlich erklärte Großereignis wieder zurück ins Private und Individuelle, der Film versetzt Woodstock sozusagen wieder in den Stand der Unschuld, in einen Status des Noch-nicht-Legendären.

Eigentlich müsste sich dieser Elliot von seiner dominanten, geizigen, ewig nörgelnden Mutter (Imelda Staunton) lösen, müsste längst aus der verstockten Provinz raus und hinein ins brausende Leben - und dann kommt dieses Leben ganz unerwartet zu ihm. Der langhaarige Konzertmanager Michael Lang (Jonathan Groff), der sanft lächelnden Hippie-Glamour mit Geschäftssinn verbindet, errichtet nämlich im El Monaco seine Logistikzentrale. Und alles, was Elliot jetzt sieht und tut, wird bald historisch werden - bloß weiß er das eben noch nicht. Er steckt in den laufenden Ereignissen einfach drin und wird von ihnen mitgerissen. Erst viel später hat Elliot Tiber dann jenes Woodstock-Buch geschrieben, auf dem dieser Film basiert.

Wieder geht Ang Lee bei der Rekonstruktion einer Epoche mit bemerkenswerter Akribie vor, achtet auf jedes Detail bei den Klamotten und sogar darauf, dass seine Festivalbesucher keine unbehaarten Fitness-Studio-Körper vorführen, sondern muskulär so undefiniert aussehen wie auf zeitgenössischen Bildern. Lee hat in "Der Eissturm" (1997) schon einmal von dieser Zeit erzählt, aber was ihm da zum kühl-distanzierten, wenn auch nicht teilnahmslosen Porträt einer festgefahren-verzweifelten US-Mittelschicht gerann, das fließt nun jugendlich heiter über die Hügel von Woodstock dahin. "Der Eissturm" habe die "Katerstimmung nach 1969" aufgegriffen, so sagt der Regisseur, nun aber zeige er auch "die wunderbare Nacht davor".

"Taking Woodstock" ist tatsächlich weit entfernt von der Demontage eines Mythos, der als Pastorale beginnende Film liefert so etwas wie eine sympathiegeladene Nachfeier, er blickt mit milder Ironie zurück, zu der dann auch gehört, dass nicht die Bühne ins Zentrum rückt - die ist nur mal in einer Totalen und ganz weit entfernt zu sehen - und dass auch die Musik von damals eher beiläufig und wie herbeigeweht zu hören ist. Country Joe McDonalds Antivietnamsong etwa oder "Going up the Country" von Canned Heat. Aber den Konzertfilm "Woodstock", der viel zur Legende beitrug, den hat ja schon 1970 Michael Wadleigh gedreht.

So bleibt die Geschichte weiter bei Elliot, der sich erst mit der spießigen Gemeinde herumplagt, die dem Einfall der Gegenkultur skeptisch gegenübersteht ("Die werden nachts unsere Kühe vergewaltigen!"), der vor einer TV-Pressekonferenz die Nervosität mit seinem ersten Joint bekämpft, der in einer leicht wirren Love-and-Peace-and-Freedom-Rede freien Eintritt verspricht, der verblüfft sein Coming-out erlebt und einen gut gebauten Schreiner küsst, der schließlich durch die endlose und endlos fröhliche Menge gefahren wird von einem Motorradpolizisten, der eigentlich "ein paar Hippies auf den Kopf hauen" wollte, aber von den Ereignissen angesteckt wurde und nun versonnen lächelt.

Und immer spielt Demetri Martin diesen Elliot so, als wüsste der gar nicht recht, was mit ihm geschieht. Wie im Märchen wird er einmal von einem Pärchen angelockt und in einen bunten VW-Buss hineingezogen, und es folgt nun die Woodstock-Variante des Sommernachtstraums, eine psychedelische LSD-Trip-und-Orgien-Sequenz, es kann und darf auf beinahe magische Weise alles passieren, was Elliot sich vielleicht gewünscht hat, was er ohne diese Stimmung von Freiheit und Losgelöstsein aber nie verwirklicht hätte.

Aber es geschieht ja nicht nur etwas mit Elliot: Woodstock wird auch zur Familientherapie, Elliots resignativer Vater (Henri Goodman) lebt auf, sogar die Mutter tanzt in ihrem Kittelkleid euphorisch auf der Terrasse - allerdings nur wegen versehentlicher Einnahme von Haschkeksen. Nein, am Nachstellen alter Fronten ist Ang Lee nicht interessiert - in seinem Film, der Widersprüche zu- und dann stehenlässt, weicht vieles auf. Die Reaktionäre erheben zwar ab und an Haupt und Stimme, aber anders als in zeitgenössischen Gegenkulturfilmen wie "Easy Rider" oder "Alice's Restaurant" schaffen sie es nicht, Spielverderber zu werden. Außerdem hat Elliot ja einen Security-Guard (Liev Schreiber) angeheuert, einen Ex-Marine und jetzigen Transvestiten, dem auch die Rolle eines abgeklärten Weisen zukommt.

So gerät Ang Lee hier alles leicht und luftig, ja, seine Woodstock-Reminiszenz darf man durchaus als Komödie bezeichnen. Als Komödie, die von drei turbulenten Tagen im Leben eines jungen Mannes erzählt und gerade durch diese Beschränkung auf die individuelle Perspektive eben doch noch von viel mehr: von aufbruchsfrohen Zeiten und von einer Generation im Ausnahmezustand, die für einen kurzen Moment in der Geschichte glaubte, diesen auch in ihren Alltag retten zu können.
 
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