RFID-Einsatz für die Arbeitswelt Chips, die die Welt verändern
Christiane Schulzki-Haddouti, veröffentlicht am 06.09.2009
Düsseldorf - Mit RFID-Funkchips können jeder Ware, jedem Teilchen Daten zugeordnet werden. Somit macht es diese Technik zur Identifzierung von Waren mit Hilfe von Radiowellen (RFID - für Radio Frequency Identification) möglich, den Transport von Waren zu verfolgen. Auch die Sicherheitsschleusen am Ausgang von Warenhäusern erkennen die kleinen Funketiketten.
Welche Folgen diese Technologie aber für Arbeitnehmer haben kann, hat nun erstmals die Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie untersucht. Unterstützt wurde sie vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der IG Metall und Verdi - aus gutem Grund: Die Gewerkschaften sehen in den Funkchips eine "Rationalisierungstechnologie", die in den Unternehmen meist "schleichend" und am Betriebsrat vorbei eingeführt werde.
Im öffentlichen Dienst etwa sind die Bibliotheken betroffen, wenn Barcode- durch RFID-Ausweise ersetzt werden. Leihen die Leser Bücher aus, fallen Hilfsarbeiten wie das Einscannen der Barcodes weg. Das Buch meldet sich per Funkchip automatisch ab, wenn der Leser mit dem Buch den Saal verlässt. Hilfsbibliothekare sind für die vormals aufwendige Arbeit nicht mehr nötig. Für die Verdi-Gewerkschafterin Cornelia Brandt steht fest: "Arbeitsplätze können hier nur durch Weiterqualifizierung gerettet werden."
Veränderungen sind der neuen Studie zufolge mittelfristig auch im Gesundheitswesen zu erwarten. Telemedizinische Anwendungen werden die häusliche Pflege stärken. Patienten können über internetverbundene Geräte fernüberwacht werden und die Geräte ferngewartet werden. Allerdings kann dies dazu führen, dass vom medizinischen Personal eine 24-Stunden-Einsatzbereitschaft erwartet wird und dass damit ganz neue Beschäftigungsverhältnisse entstehen.
Marc Bovenschulte, der die Studie verfasst hat, befürchtet, dass "formal selbstständige Dienstleister in ungesicherten Arbeitsverhältnissen diese Aufgaben übernehmen" werden. Damit nähmen aber nicht nur die sozialen Kontakte der Arbeitnehmer untereinander ab, auch die gewerkschaftliche Arbeit würde schwieriger.
Bereits heute ist RFID in der Logistik allgegenwärtig: Sind in einem Warenlager alle Teile mit Funkchips versehen, lässt sich ihr Standort und Status automatisch verfolgen. Dem Arbeiter am Förderband kann der Computer über Kopfhörer und eine Einblendung in seiner Brille mitteilen, was er mit der vorliegenden Ware zu tun hat.
Der Mensch werde hier, so Bovenschulte, zum "Befehlsempfänger, um prozessoptimierte Handgriffe zu tun, die heute noch zu kompliziert für eine Automatisierung sind". Er arbeite vereinzelt unter einem Kommunikationshelm, seine Tätigkeiten würden immer einfacher und seine Qualifikation zunehmend unwichtiger. Im Gegenzug benötigten RFID-Prozesse aber auch hochqualifizierte Arbeiter, welche die neuen Technologien beherrschen.
Die wesentliche Bedeutung der RFID-Technologie besteht nach Ansicht von Bovenschulte allerdings darin, Prozesse kontrollieren zu können. So wie in der Logistik die Transporte vom Computer optimiert werden können, lässt sich im Prinzip auch die Leistung von Mitarbeitern über die mit einem Funkchip codierten Waren ermitteln. Das eröffnet die Möglichkeit, das Personal besser zu überwachen. So lässt sich beispielsweise berechnen, wie lange ein Mitarbeiter im Durchschnitt für einen bestimmten Arbeitsschritt benötigt. Bisher sei nicht vorgesehen, die RFID-Daten zu anonymisieren oder zusammenzurechnen, ohne dass eine individuelle Auswertung möglich wäre, kritisiert Bovenschulte in seiner Studie. Nach einem Workshop, an dem zahlreiche Gewerkschaftler teilnahmen, weiß Bovenschulte: "Unklar ist heute, wer überhaupt Zugriff auf die Daten hat - und wer sie löschen darf."
Cornelia Brandt bestätigt diesen Eindruck. Aus zahlreichen Gesprächen schließt sie: "Die Betriebsräte werden oft über eine Systemeinführung gar nicht richtig informiert." Und selbst wenn dies geschehe, meldet sie Kritik an: werde ein System eingeführt, fehle oft ein geeigneter Mitarbeitervertreter, der darauf Einfluss nehmen könnte.
Daher sei es wichtig, mit Datenschutzorganisationen zusammenzuarbeiten, um das hierfür notwendige Wissen einzubringen. Genauso wichtig ist es ihrer Ansicht nach aber auch, Mitarbeiter weiter entsprechend ihrer Qualifikation einzusetzen oder sie weiterzubilden. Das sei aber nur mit einer guten Prozess- und Organisationsplanung möglich.
Die Studie warnt in diesem Zusammenhang davor, dass aus einer Prozessrationalisierung schnell auch eine Personalrationalisierung werden könne. Insbesondere in der Logistik werde künftig das Sortieren von Hand häufig wegfallen. Die wegrationalisierten einfachen Arbeitsplätze werden sich aber innerhalb der Branche kaum durch anspruchsvollere Arbeitsplätze kompensieren lassen. Die Maschinenbaubranche und den Bereich der Medizintechnik sieht die Studie hingegen als Gewinner der Entwicklung. Sie könnten ihre Marktposition durch innovative Produkte ausbauen - und neue Arbeitsplätze schaffen.
Positiv wird sich aus Sicht der Hans-Böckler-Stiftung auch der Schutz vor Plagiaten auswirken, da hochwertige Waren, in deren Entwicklung viel Arbeit und Knowhow steckt, mit RFID-Chips wirksamer vor Fälschungen geschützt werden können. Für eine Bilanz von Arbeitsplatzverlusten und -gewinnen sei es aber, so die Studie, noch zu früh. Marc Bovenschulte betont deshalb: "Die Herausforderung an alle Beteiligten besteht darin, einen technologischen Wandel zu erzeugen, der qualitativ bessere Arbeitsplätze schafft und Menschen in Lohn und Brot bringt."
Die Studie "Die Informatisierung der Arbeitswelt und des Alltags" im Internet »
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Arbeitsplätze könnten wegfallen
Im öffentlichen Dienst etwa sind die Bibliotheken betroffen, wenn Barcode- durch RFID-Ausweise ersetzt werden. Leihen die Leser Bücher aus, fallen Hilfsarbeiten wie das Einscannen der Barcodes weg. Das Buch meldet sich per Funkchip automatisch ab, wenn der Leser mit dem Buch den Saal verlässt. Hilfsbibliothekare sind für die vormals aufwendige Arbeit nicht mehr nötig. Für die Verdi-Gewerkschafterin Cornelia Brandt steht fest: "Arbeitsplätze können hier nur durch Weiterqualifizierung gerettet werden."
Veränderungen sind der neuen Studie zufolge mittelfristig auch im Gesundheitswesen zu erwarten. Telemedizinische Anwendungen werden die häusliche Pflege stärken. Patienten können über internetverbundene Geräte fernüberwacht werden und die Geräte ferngewartet werden. Allerdings kann dies dazu führen, dass vom medizinischen Personal eine 24-Stunden-Einsatzbereitschaft erwartet wird und dass damit ganz neue Beschäftigungsverhältnisse entstehen.
RFID ist bereits allgegenwärtig
Marc Bovenschulte, der die Studie verfasst hat, befürchtet, dass "formal selbstständige Dienstleister in ungesicherten Arbeitsverhältnissen diese Aufgaben übernehmen" werden. Damit nähmen aber nicht nur die sozialen Kontakte der Arbeitnehmer untereinander ab, auch die gewerkschaftliche Arbeit würde schwieriger.
Bereits heute ist RFID in der Logistik allgegenwärtig: Sind in einem Warenlager alle Teile mit Funkchips versehen, lässt sich ihr Standort und Status automatisch verfolgen. Dem Arbeiter am Förderband kann der Computer über Kopfhörer und eine Einblendung in seiner Brille mitteilen, was er mit der vorliegenden Ware zu tun hat.
Der Mensch werde hier, so Bovenschulte, zum "Befehlsempfänger, um prozessoptimierte Handgriffe zu tun, die heute noch zu kompliziert für eine Automatisierung sind". Er arbeite vereinzelt unter einem Kommunikationshelm, seine Tätigkeiten würden immer einfacher und seine Qualifikation zunehmend unwichtiger. Im Gegenzug benötigten RFID-Prozesse aber auch hochqualifizierte Arbeiter, welche die neuen Technologien beherrschen.
Bessere Überwachung des Personals möglich
Die wesentliche Bedeutung der RFID-Technologie besteht nach Ansicht von Bovenschulte allerdings darin, Prozesse kontrollieren zu können. So wie in der Logistik die Transporte vom Computer optimiert werden können, lässt sich im Prinzip auch die Leistung von Mitarbeitern über die mit einem Funkchip codierten Waren ermitteln. Das eröffnet die Möglichkeit, das Personal besser zu überwachen. So lässt sich beispielsweise berechnen, wie lange ein Mitarbeiter im Durchschnitt für einen bestimmten Arbeitsschritt benötigt. Bisher sei nicht vorgesehen, die RFID-Daten zu anonymisieren oder zusammenzurechnen, ohne dass eine individuelle Auswertung möglich wäre, kritisiert Bovenschulte in seiner Studie. Nach einem Workshop, an dem zahlreiche Gewerkschaftler teilnahmen, weiß Bovenschulte: "Unklar ist heute, wer überhaupt Zugriff auf die Daten hat - und wer sie löschen darf."
Cornelia Brandt bestätigt diesen Eindruck. Aus zahlreichen Gesprächen schließt sie: "Die Betriebsräte werden oft über eine Systemeinführung gar nicht richtig informiert." Und selbst wenn dies geschehe, meldet sie Kritik an: werde ein System eingeführt, fehle oft ein geeigneter Mitarbeitervertreter, der darauf Einfluss nehmen könnte.
Daher sei es wichtig, mit Datenschutzorganisationen zusammenzuarbeiten, um das hierfür notwendige Wissen einzubringen. Genauso wichtig ist es ihrer Ansicht nach aber auch, Mitarbeiter weiter entsprechend ihrer Qualifikation einzusetzen oder sie weiterzubilden. Das sei aber nur mit einer guten Prozess- und Organisationsplanung möglich.
Das Sortieren von Hand könnte wegfallen
Die Studie warnt in diesem Zusammenhang davor, dass aus einer Prozessrationalisierung schnell auch eine Personalrationalisierung werden könne. Insbesondere in der Logistik werde künftig das Sortieren von Hand häufig wegfallen. Die wegrationalisierten einfachen Arbeitsplätze werden sich aber innerhalb der Branche kaum durch anspruchsvollere Arbeitsplätze kompensieren lassen. Die Maschinenbaubranche und den Bereich der Medizintechnik sieht die Studie hingegen als Gewinner der Entwicklung. Sie könnten ihre Marktposition durch innovative Produkte ausbauen - und neue Arbeitsplätze schaffen.
Positiv wird sich aus Sicht der Hans-Böckler-Stiftung auch der Schutz vor Plagiaten auswirken, da hochwertige Waren, in deren Entwicklung viel Arbeit und Knowhow steckt, mit RFID-Chips wirksamer vor Fälschungen geschützt werden können. Für eine Bilanz von Arbeitsplatzverlusten und -gewinnen sei es aber, so die Studie, noch zu früh. Marc Bovenschulte betont deshalb: "Die Herausforderung an alle Beteiligten besteht darin, einen technologischen Wandel zu erzeugen, der qualitativ bessere Arbeitsplätze schafft und Menschen in Lohn und Brot bringt."
Die Studie "Die Informatisierung der Arbeitswelt und des Alltags" im Internet »
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