Psychologische Beratung Gute Noten, doch der Druck steigt
Sylvia Rizvi, veröffentlicht am 20.07.2007
Studierende leiden zunehmend unter dem Burn-out-Syndrom. Waren früher vor allem Lehrer oder Manager von der chronischen Erschöpfung betroffen, klagen heute Nachwuchsakademiker über Depressionen, Versagensängste, Schlafstörungen oder Magenkrämpfe. Der Präsident des Deutschen Studentenwerks in Berlin, Rolf Dobischat, spricht von einer "Besorgnis erregenden Entwicklung". Sein Warnruf geht zurück auf Beobachtungen unter den Psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke. Zu ihnen kommen immer öfter Nachwuchsakademiker, die bis zum Umfallen studieren, aber trotzdem das Gefühl haben, nicht voranzukommen. "Der Berg wird immer größer, meine Angst vor den Prüfungen ist kaum auszuhalten, und ich habe einfach keine Kraft mehr", lautet eine typische Klage.
Auch bei Rainer Sturm von der Psychologischen Beratungsstelle in Stuttgart suchen mehr "Ausgebrannte" Rat. "Oft sind Studierende mit guten Noten betroffen", sagt der Diplompsychologe. Auch wenn die Anforderungen im Studium steigen, erwarteten sie gleich bleibende Leistungen von sich. Misserfolge nagten an ihrem Selbstbewusstsein. Je höher die Belastung durch Nebenjob, Seminararbeiten und Prüfungen, desto wahrscheinlicher ist es laut Sturm, an dem medizinisch nicht exakt definierten, aber unter dem gängigen Begriff "Burn-out" gefassten Beschwerdebild zu erkranken. Er sieht daher die Universitäten in der Pflicht, systematische Überforderungen von Lernenden abzuschaffen: "Es gibt ja Prüfungen, da fallen 70 bis 80 Prozent durch." Das belaste die einen weniger, die anderen mehr. Letztere sitzen dann blass und verzweifelt vor ihm.
Keine Aussage über das Burn-out-Syndrom mag Adalbert Ruhnau treffen. Für den ärztlichen Leiter der Beratungsstelle Tübingen ist der Begriff wissenschaftlich nicht präzise genug. Allerdings sei die Zahl aller Hilfesuchenden in den letzten zehn Jahren von 450 auf 550 im Jahr gestiegen. Das entspricht dem deutschlandweiten Trend: Die 43 Psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke führten im Jahr 2005 nach eigenen Angaben mit 17.600 Studierenden Einzelgespräche, das sind 1500 mehr als im Vorjahr. Nach ihren neuen Sozialerhebung hat ungefähr jeder siebte Student Beratungs- und Informationsbedarf zu depressiven Verstimmungen, zu Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie zu Prüfungsangst. Etwa jeder neunte leidet unter Lern- oder Leistungsproblemen.
"Keine Frage, das Burn-out-Syndrom nimmt zu", sagt Reinhard Mack von der Beratungsstelle in Konstanz. Der psychologische Psychotherapeut führt das auch auf die Leistungsverdichtung in den neuen Bachelorstudiengängen zurück. "Die Naturwissenschaftler hatten schon immer einen zehn- bis zwölf-Stunden-Tag. Das kommt jetzt auch bei den Geisteswissenschaftlern", sagt er. Bachelorstudierende fürchteten etwa, den Notendurchschnitt für das Masterstudium nicht zu erreichen. Und weil jede Prüfung vom ersten Semester an zähle, was in vielen Fächern bisher nicht der Fall war, gerieten sie unter hohen Druck. Nicht selten sind im sechssemestrigen Studium 40 Leistungsnachweise zu erbringen. "Manche kommen mit dunklen Ringen unter den Augen zu uns, weil sie von Montag bis Sonntag durchschaffen", sagt Mack. Auch Geldnöte zerren an studentischen Nerven. "Vergangene Woche waren vier Studierende da, die ihren Nebenjob nicht mehr mit ihren Hausarbeiten unter einen Hut bringen", berichtet er.
Der Studentenwerkpräsident Dobischat appelliert an die Hochschulen, insbesondere die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge nicht zu überfrachten: "Die vielen laufenden Reformen dürfen nicht dazu führen, dass ein Studium krank macht."
"Keine Frage, das Burn-out-Syndrom nimmt zu"
Reinhard Mack von der psychologischen Beratungsstelle in Konstanz
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Die Zahl der Hilfesuchenden ist stark gestiegen
Keine Aussage über das Burn-out-Syndrom mag Adalbert Ruhnau treffen. Für den ärztlichen Leiter der Beratungsstelle Tübingen ist der Begriff wissenschaftlich nicht präzise genug. Allerdings sei die Zahl aller Hilfesuchenden in den letzten zehn Jahren von 450 auf 550 im Jahr gestiegen. Das entspricht dem deutschlandweiten Trend: Die 43 Psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke führten im Jahr 2005 nach eigenen Angaben mit 17.600 Studierenden Einzelgespräche, das sind 1500 mehr als im Vorjahr. Nach ihren neuen Sozialerhebung hat ungefähr jeder siebte Student Beratungs- und Informationsbedarf zu depressiven Verstimmungen, zu Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie zu Prüfungsangst. Etwa jeder neunte leidet unter Lern- oder Leistungsproblemen.
"Keine Frage, das Burn-out-Syndrom nimmt zu", sagt Reinhard Mack von der Beratungsstelle in Konstanz. Der psychologische Psychotherapeut führt das auch auf die Leistungsverdichtung in den neuen Bachelorstudiengängen zurück. "Die Naturwissenschaftler hatten schon immer einen zehn- bis zwölf-Stunden-Tag. Das kommt jetzt auch bei den Geisteswissenschaftlern", sagt er. Bachelorstudierende fürchteten etwa, den Notendurchschnitt für das Masterstudium nicht zu erreichen. Und weil jede Prüfung vom ersten Semester an zähle, was in vielen Fächern bisher nicht der Fall war, gerieten sie unter hohen Druck. Nicht selten sind im sechssemestrigen Studium 40 Leistungsnachweise zu erbringen. "Manche kommen mit dunklen Ringen unter den Augen zu uns, weil sie von Montag bis Sonntag durchschaffen", sagt Mack. Auch Geldnöte zerren an studentischen Nerven. "Vergangene Woche waren vier Studierende da, die ihren Nebenjob nicht mehr mit ihren Hausarbeiten unter einen Hut bringen", berichtet er.
Der Studentenwerkpräsident Dobischat appelliert an die Hochschulen, insbesondere die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge nicht zu überfrachten: "Die vielen laufenden Reformen dürfen nicht dazu führen, dass ein Studium krank macht."
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