Promotion in Krisenzeiten Lieber Doktorand als arbeitslos
Ann-Victoria Mangold, veröffentlicht am 27.03.2009
Stuttgart - In der jetzigen Krisenzeit ist es für Absolventen schwer, einen Einstiegsjob zu finden. So auch für Florian Richter (Name geändert). Er hat in Stuttgart Elektrotechnik studiert und möchte in der Automobilindustrie arbeiten, wo er seine Diplomarbeit über die Elektronik von Brennstoffzellen geschrieben hat. Alternative Antriebe interessieren ihn sehr, und vor der Krise war klar, dass er in diese Richtung gehen werde. "Wegen der Krise wurde ich aber nicht übernommen. Jetzt halte ich schon die fünfzehnte Absage in der Hand", erzählt er. Florian denkt darüber nach, zu promovieren und so die Krise zu überbrücken. Ist das eine gute Idee?
Florian hat selbst einige Vorbehalte: "An der Uni möchte ich nicht promovieren. Meiner Meinung nach bleibt da aufgrund von Lehrstuhltätigkeiten und Verwaltung zu wenig Zeit für die eigentliche Promotionsarbeit." Er würde es vorziehen, seine Doktorarbeit in einem Unternehmen zu schreiben. Ihm wurde auch schon eine Promotionsstelle bei einem Automobilzulieferer angeboten, sogar mit alternativen Antrieben hätte er zu tun. Florian zweifelt aber noch, ob es der richtige Weg ist. Schließlich wäre der Verdienst geringer als bei einem richtigen Einstiegsjob. Und er hat auch schon oft gehört, dass promovierte Absolventen beim Berufseinstieg als zu alt und zu spezialisiert angesehen würden. Andererseits möchte er keine Lücke im Lebenslauf riskieren.
Florian ist nicht der Einzige mit diesen Gedanken. Einer neuen Studie von Verdi zufolge promovieren ungefähr 20 Prozent der Absolventen mit dem Motiv, keine andere Stelle gefunden zu haben. "Absolventen haben eine deutlich längere Sucharbeitslosigkeit als vor der Krise", bestätigt Thomas Wittwer, Experte für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur. Normalerweise seien sie ein bis vier Monate auf Jobsuche, aber zurzeit betreue er Absolventen, die seit Oktober nichts finden. "Die Firmen halten sich deutlich mit Stellenausschreibungen zurück, während die Angebote an Praktika steigen", sagt Wittwer. Auch Promotionsstellen würden vermehrt angeboten, vor allem in der Forschung und Entwicklung.
Also eignet sich Promotion zum Überwintern in der Krise? "Nein", antwortet Alexander Dilger, Volkswirt an der Universität Münster. "Eine Promotion ohne starkes wissenschaftliches Interesse halte ich nicht für sinnvoll." Auch er bemerke aber einen deutlich höheren Andrang auf Promotionsstellen seit der Krise. "Noch im vergangenen Jahr schien kein Bewerber die Ausdehnung der Krise auf den Arbeitsmarkt sehen zu wollen", berichtet er. Die Entscheidung für eine Promotion dürfe aber nicht auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung beruhen, meint Alexandro Kleine, Vorsitzender des Doktorandennetzwerks DNW. "Die Promotion ist auch immer eine persönliche Aufgabe und Entwicklung, die einige Zeit in Anspruch nimmt." Auch der Spaß an der Sache sei wichtig. Den Absolventen rät er, eine Promotion als Lückenfüller nur in Beratungs- oder Drittmittelprojekten in Betracht zu ziehen, da diese dann als Sprungbrett dienen könnten, um später in der Industrie Fuß zu fassen.
Wer eine Promotion indes nur halbherzig beginnt, weil er nichts anderes findet, könnte im Laufe der Zeit Schwierigkeiten bekommen. "Motivationsprobleme gehören zu den wichtigsten Gründen, aus denen eine Doktorarbeit abgebrochen wird", sagt Marcus Müller, Vorsitzender des Doktorandennetzwerks Thesis. Auch er findet, dass man ein solches Projekt nur angehen sollte, wenn man ernsthaft am Thema interessiert ist.
Alexandro Kleine erwartet jedoch, dass trotz allem viele Uniabsolventen auf die Idee kommen werden, in der Krise eine Promotion in Angriff zu nehmen. Daher dürfte der Wettbewerb um Promotionsstellen und -stipendien zunehmen. Wer schon lange guten Kontakt zu einem Lehrstuhlinhaber halte, sei klar im Vorteil, sagt Kleine. Immerhin dieses Problem hat Florian Richter nicht: Er wird die Promotionsstelle beim Automobilzulieferer annehmen. Er freut sich, dass damit die ungewissen Zeiten - zumindest für ihn - vorerst vorbei sind.
"Absolventen haben eine deutlich längere Sucharbeitslosigkeit als vor der Krise"
Thomas Wittwer von der Arbeitsagentur
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Viele promovieren aus der Not heraus
Florian ist nicht der Einzige mit diesen Gedanken. Einer neuen Studie von Verdi zufolge promovieren ungefähr 20 Prozent der Absolventen mit dem Motiv, keine andere Stelle gefunden zu haben. "Absolventen haben eine deutlich längere Sucharbeitslosigkeit als vor der Krise", bestätigt Thomas Wittwer, Experte für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur. Normalerweise seien sie ein bis vier Monate auf Jobsuche, aber zurzeit betreue er Absolventen, die seit Oktober nichts finden. "Die Firmen halten sich deutlich mit Stellenausschreibungen zurück, während die Angebote an Praktika steigen", sagt Wittwer. Auch Promotionsstellen würden vermehrt angeboten, vor allem in der Forschung und Entwicklung.
Also eignet sich Promotion zum Überwintern in der Krise? "Nein", antwortet Alexander Dilger, Volkswirt an der Universität Münster. "Eine Promotion ohne starkes wissenschaftliches Interesse halte ich nicht für sinnvoll." Auch er bemerke aber einen deutlich höheren Andrang auf Promotionsstellen seit der Krise. "Noch im vergangenen Jahr schien kein Bewerber die Ausdehnung der Krise auf den Arbeitsmarkt sehen zu wollen", berichtet er. Die Entscheidung für eine Promotion dürfe aber nicht auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung beruhen, meint Alexandro Kleine, Vorsitzender des Doktorandennetzwerks DNW. "Die Promotion ist auch immer eine persönliche Aufgabe und Entwicklung, die einige Zeit in Anspruch nimmt." Auch der Spaß an der Sache sei wichtig. Den Absolventen rät er, eine Promotion als Lückenfüller nur in Beratungs- oder Drittmittelprojekten in Betracht zu ziehen, da diese dann als Sprungbrett dienen könnten, um später in der Industrie Fuß zu fassen.
Doktorarbeiten werden wegen Motivationsmangel abgebrochen
Wer eine Promotion indes nur halbherzig beginnt, weil er nichts anderes findet, könnte im Laufe der Zeit Schwierigkeiten bekommen. "Motivationsprobleme gehören zu den wichtigsten Gründen, aus denen eine Doktorarbeit abgebrochen wird", sagt Marcus Müller, Vorsitzender des Doktorandennetzwerks Thesis. Auch er findet, dass man ein solches Projekt nur angehen sollte, wenn man ernsthaft am Thema interessiert ist.
Alexandro Kleine erwartet jedoch, dass trotz allem viele Uniabsolventen auf die Idee kommen werden, in der Krise eine Promotion in Angriff zu nehmen. Daher dürfte der Wettbewerb um Promotionsstellen und -stipendien zunehmen. Wer schon lange guten Kontakt zu einem Lehrstuhlinhaber halte, sei klar im Vorteil, sagt Kleine. Immerhin dieses Problem hat Florian Richter nicht: Er wird die Promotionsstelle beim Automobilzulieferer annehmen. Er freut sich, dass damit die ungewissen Zeiten - zumindest für ihn - vorerst vorbei sind.
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