Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen
Furchtlos in der Männerwelt
Ina Hochreuther, veröffentlicht am 24.09.2009
Filmbeschreibung
Sie zählt zu den berühmtesten Frauengestalten des Mittelalters: Hildegard von Bingen (circa 1098-1179), Äbtissin, Naturheilkundlerin, Wanderpredigerin und Komponistin. Sie muss eine kluge, mutige, dem Leben zugewandte Frau gewesen sein. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzten sich katholische Frauenverbände für ihre Heiligsprechung ein. Erfolglos. Bis heute sinnt der Vatikan darüber nach, sie wenigstens als "Kirchenlehrerin" anzuerkennen.
Jetzt hat Margarethe von Trotta ("Rosa Luxemburg"), die sich immer wieder mit starken Frauen auseinandersetzt, einen Spielfilm über die Klosterfrau gemacht. Sie steigt mit einem gelungenen, auf die Atmosphäre der Zeit einstimmenden Vorspann ein. Beim ersten Millenniumwechsel fürchten Menschen den Weltuntergang und suchen Schutz in einer Kirche. Am nächsten Tag öffnet ein Mädchen die Pforte: die Sonne blendet, ein neuer Morgen ist erwacht. Es ist nicht die Heldin, die wird erst hundert Jahre später geboren. Aber die Sequenz deutet an, wie ein klarer, unbefangener Blick tradierte Zwänge und falsche Vorstellungen aufzulösen vermag.
Danach sehen wir, wie Hildegard, zehntes Kind einer Adelsfamilie, als Achtjährige im Kloster abgeliefert wird, als eine Art von "lebendem Zehnten", eine Gabe an die Kirche. Schlaglichtartig zeigt der Film, wie Hildegard von ihrer Ziehmutter, der Nonne Jutta von Sponheim (Mareile Blendl), bis zu deren Tod geprägt wird. Als sie die Tote auskleidet und wäscht, sieht sie einen ins Fleisch gewachsenen Dornengürtel der Selbstkasteiung. Bald darauf wird sie einen Mönch, der aus ähnlichem Grund schwer erkrankt ist, ermahnen: "Gott will keine Opfer, sondern Barmherzigkeit."
Hildegard gilt als Wegbereiterin alternativer Therapien. Ihre Rezepturen sind inzwischen als "Hildegard-Medizin" populär, einer Kräuterheilkunde und Ernährungslehre. Der Film biedert sich dem Esoterikboom aber nicht an. Hildegards Ruf als "Kräuterhexe" wird nur gestreift, wenn sie erklärt, dass nicht Beten gegen Wundbrand helfe, sondern Schafgarbe. Die Regisseurin entwirft das Porträt einer wissensdurstigen, tatkräftigen Frau, die sich - bescheiden, aber unbeugsam - in einer männerdominierten Welt behauptet. Trotzdem wird man nicht warm mit dieser disziplinierten Frau. Das liegt am spröden Spiel von Barbara Sukowa, aber auch an der manchmal bemüht wirkenden Inszenierung.
Als die Nonnen auf Hildegards Initiative hin ausziehen und ein eigenes Kloster gründen, sieht man sie zu Spielmannsmusik durch den herbstbunten Wald reiten, während die zurückgebliebenen Mönche stumm im düsteren Speisesaal hocken. Später studieren sie, in dem trotz Konflikten untereinander flink erbauten eigenen Bau auf dem Rupertsberg, ein Singspiel ein. Ausnahmsweise nicht im strengen Habit, sondern in schwingenden Kleidern und mit offenen Haaren. Solche Szenen brechen aus dem sonst eher streng gehaltenen Kammerspiel aus, aber sie scheinen vorwiegend um ihrer abwechslungsreichen Bilder willen in dieser Geschichte aufzutauchen, in der Hildegard sich das Recht erkämpft, ihre Ideen zu Papier zu bringen.
Menschlich erscheint Hildegard, wenn sie mit dem Mönch Volmar zusammen ist, sehr sympathisch von Heino Ferch verkörpert, und bei dem einzigen Ausbruch, den sie sich leisten darf. Als ihre Ziehtochter Richardis (Hannah Herzsprung) durch die Ränke ihrer leiblichen Mutter weggelobt wird, kämpft sie verzweifelt und durchaus egoistisch dagegen an. Sorgsam ist die mittelalterliche Zeit in "Vision" eingefangen - zu den Drehorten gehört übrigens das Kloster Maulbronn. Wohltuenderweise endet der Film nicht an der Bahre, sondern im Aufbruch der Nonne zu Wanderpredigen.
Jetzt hat Margarethe von Trotta ("Rosa Luxemburg"), die sich immer wieder mit starken Frauen auseinandersetzt, einen Spielfilm über die Klosterfrau gemacht. Sie steigt mit einem gelungenen, auf die Atmosphäre der Zeit einstimmenden Vorspann ein. Beim ersten Millenniumwechsel fürchten Menschen den Weltuntergang und suchen Schutz in einer Kirche. Am nächsten Tag öffnet ein Mädchen die Pforte: die Sonne blendet, ein neuer Morgen ist erwacht. Es ist nicht die Heldin, die wird erst hundert Jahre später geboren. Aber die Sequenz deutet an, wie ein klarer, unbefangener Blick tradierte Zwänge und falsche Vorstellungen aufzulösen vermag.
Danach sehen wir, wie Hildegard, zehntes Kind einer Adelsfamilie, als Achtjährige im Kloster abgeliefert wird, als eine Art von "lebendem Zehnten", eine Gabe an die Kirche. Schlaglichtartig zeigt der Film, wie Hildegard von ihrer Ziehmutter, der Nonne Jutta von Sponheim (Mareile Blendl), bis zu deren Tod geprägt wird. Als sie die Tote auskleidet und wäscht, sieht sie einen ins Fleisch gewachsenen Dornengürtel der Selbstkasteiung. Bald darauf wird sie einen Mönch, der aus ähnlichem Grund schwer erkrankt ist, ermahnen: "Gott will keine Opfer, sondern Barmherzigkeit."
Hildegard gilt als Wegbereiterin alternativer Therapien. Ihre Rezepturen sind inzwischen als "Hildegard-Medizin" populär, einer Kräuterheilkunde und Ernährungslehre. Der Film biedert sich dem Esoterikboom aber nicht an. Hildegards Ruf als "Kräuterhexe" wird nur gestreift, wenn sie erklärt, dass nicht Beten gegen Wundbrand helfe, sondern Schafgarbe. Die Regisseurin entwirft das Porträt einer wissensdurstigen, tatkräftigen Frau, die sich - bescheiden, aber unbeugsam - in einer männerdominierten Welt behauptet. Trotzdem wird man nicht warm mit dieser disziplinierten Frau. Das liegt am spröden Spiel von Barbara Sukowa, aber auch an der manchmal bemüht wirkenden Inszenierung.
Als die Nonnen auf Hildegards Initiative hin ausziehen und ein eigenes Kloster gründen, sieht man sie zu Spielmannsmusik durch den herbstbunten Wald reiten, während die zurückgebliebenen Mönche stumm im düsteren Speisesaal hocken. Später studieren sie, in dem trotz Konflikten untereinander flink erbauten eigenen Bau auf dem Rupertsberg, ein Singspiel ein. Ausnahmsweise nicht im strengen Habit, sondern in schwingenden Kleidern und mit offenen Haaren. Solche Szenen brechen aus dem sonst eher streng gehaltenen Kammerspiel aus, aber sie scheinen vorwiegend um ihrer abwechslungsreichen Bilder willen in dieser Geschichte aufzutauchen, in der Hildegard sich das Recht erkämpft, ihre Ideen zu Papier zu bringen.
Menschlich erscheint Hildegard, wenn sie mit dem Mönch Volmar zusammen ist, sehr sympathisch von Heino Ferch verkörpert, und bei dem einzigen Ausbruch, den sie sich leisten darf. Als ihre Ziehtochter Richardis (Hannah Herzsprung) durch die Ränke ihrer leiblichen Mutter weggelobt wird, kämpft sie verzweifelt und durchaus egoistisch dagegen an. Sorgsam ist die mittelalterliche Zeit in "Vision" eingefangen - zu den Drehorten gehört übrigens das Kloster Maulbronn. Wohltuenderweise endet der Film nicht an der Bahre, sondern im Aufbruch der Nonne zu Wanderpredigen.
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