Wissenschaftliche Tugenden (2) Der Zweifel

Alexander Mäder, veröffentlicht am 04.07.2008
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Stuttgart - Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Auf die Universität zu gehen und dort eifrig zu lernen ist zwar wichtig, aber das allein genügt nicht. Zur Wissenschaft gehört mehr. In unserer Serie über wissenschaftliche Tugenden geht es heute um das Zweifeln an allem und jedem.


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Der Philosoph René Descartes ist 45 Jahre alt, als er schreibt, er habe nun die nötige Reife "zur Erwerbung der Wissenschaften" erreicht. Und da er sich bei diesem Vorhaben auf keine vorgefertigten Meinungen verlassen will, erhebt er den Zweifel zur Methode. "So will ich denn endlich ernsten und freien Sinnes zu diesem allgemeinen Umsturz meiner bisherigen Meinungen schreiten", kündigt er zu Beginn seiner berühmten "Meditationen" vollmundig an. Fortan ist ihm nichts mehr heilig. Die Farben und Formen, die er sieht, die Klänge und Geräusche, die er hört - in allem könne man sich täuschen, also weg damit. Nicht einmal, dass zwei plus drei fünf sei, will er als gesichert gelten lassen.

Doch 100 Seiten später, am Ende des Buchs, gesteht Descartes ein: "So darf ich denn alle übertriebenen Zweifel dieser Tage als lächerlich zurückweisen." Er hat sein Ziel erreicht: Ausgehend von der berühmten Einsicht, dass er ja denke und daher existieren müsse, hat er nach eigener Auskunft ein verlässliches Fundament für die Erkenntnis geschaffen. Dreihundert Jahre später ist es der Philosoph Karl Popper, der wieder auf den Zweifel setzt: Wenn sich Wissenschaftler darum bemühen, ihre Theorien zu widerlegen (Popper nennt es falsifizieren), dienen sie ihrem Fach mehr als durch das Bestätigen. Ihm schwebte das Ideal einer Forschergemeinde vor, die sich nie in Sicherheit wiegt und alles laufend hinterfragt.

Mit der Wirklichkeit in der Wissenschaft hat das freilich nichts zu tun. Als Student lernt man bald, dass Verifizieren seliger ist als Falsifizieren. Schon bei den ersten Experimenten im Anfängerpraktikum müssen die Werte herauskommen, die im Lehrbuch stehen - sonst verweigert der Dozent seine Unterschrift. Schließlich sind diese Experimente tausendfach erprobt. Aus dem richtigen Messwert wird gefolgert, dass die Messung fehlerfrei war. Einige Jahre später, beim Schreiben der Abschlussarbeit, erfährt der Student dann, dass es schöner ist, ein positives Ergebnis zu präsentieren, als in der Zusammenfassung schreiben zu müssen: "Die eingangs aufgestellte Arbeitshypothese konnte erfolgreich ausgeschlossen werden."

Nur in den Vorlesungen und Seminaren ist eine gute Portion Skepsis gefragt. Denn die Lehre ist live und Professoren machen Fehler. Wer aber in den steil ansteigenden Bänken des Hörsaals sitzt und im Mäppchen nach dem roten Stift kramt, weil der Professor einen Satz an der Tafel rot unterstrichen hat, der sollte sich fragen, ob er schon reif ist für die "Erwerbung der Wissenschaften".


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