Wissenschaftliche Tugenden (4) Genauigkeit
Marcus Sander, veröffentlicht am 01.08.2008
Stuttgart - Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Auf die Universität zu gehen und dort eifrig zu lernen ist zwar wichtig, aber das allein genügt nicht. Zur Wissenschaft gehört mehr. In unserer Serie über wissenschaftliche Tugenden geht es heute um die Genauigkeit.
Wenn man es genau nimmt, gibt es ohne die Genauigkeit überhaupt keine Wissenschaft. Gallwespen katalogisieren (Alfred Kinsey), Bibelverse studieren (Faust), Kriegstote in Fußnotengräbern beerdigen (Golo Mann) - der wissenschaftliche Fortschritt nimmt es exakt und braucht das Heer der Akribischen. Hätte jemals Freud seine Psychoanalyse ohne eine genaueste Arbeit an den menschlichen Träumen entwickeln können? Kaum.
Akribie ist also Pflicht. Und selbst Pedanten sind ein notwendiges Übel - das wusste schon Freud. Laut seiner Phasentheorie der psychosexuellen Entwicklung ist der Pedant ein Charaktertyp der analen Phase. Der Übergenaue gilt in psychoanalytischen Kreisen zwar als Zwangscharakter, aber dass die Genauigkeit gute Werke hervorbringt, bezweifeln selbst moderne Psychogurus nicht.
Eine Mustertugend ist sie dennoch nicht, die Genauigkeit. Sie hat, wie alle Tugenden, auch ihre Schattenseiten. Denn wo der Mensch allzu genau arbeitet, lauert schon die große Langeweile. Das ist wohl die furchtbarste Kehrseite wissenschaftlichen Arbeitens: dass sie diese unlesbaren, kraftlosen dicken Wälzer mit dem unendlichen Anmerkungsapparat produziert - angeblich große Wunder der Wissenschaftsliteratur, geschrieben aber nur für die Bibliotheksregale, in furchtbar sprödem Packpapierdeutsch. Hinzu kommen die tragischen Fälle: wir hörten von Doktoranden, die so genau arbeiteten, dass sie nie fertig wurden. Und Thomas Nipperdey, der kluge Geschichtsprofessor, ist vor der Drucklegung seines letzten Bandes der "Deutschen Geschichte" verstorben.
Einer der großen Historienerzähler, Sebastian Haffner, hat gefordert, der deutsche Wissenschaftler solle endlich so schreiben, dass man die Bücher da lesen könne, wo sie der Mensch am liebsten lese: im Bett. Er hat sich daran gehalten - und trotzdem genau gearbeitet. Fußnoten hatte er nicht nötig.
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Akribie ist also Pflicht. Und selbst Pedanten sind ein notwendiges Übel - das wusste schon Freud. Laut seiner Phasentheorie der psychosexuellen Entwicklung ist der Pedant ein Charaktertyp der analen Phase. Der Übergenaue gilt in psychoanalytischen Kreisen zwar als Zwangscharakter, aber dass die Genauigkeit gute Werke hervorbringt, bezweifeln selbst moderne Psychogurus nicht.
Eine Mustertugend ist sie dennoch nicht, die Genauigkeit. Sie hat, wie alle Tugenden, auch ihre Schattenseiten. Denn wo der Mensch allzu genau arbeitet, lauert schon die große Langeweile. Das ist wohl die furchtbarste Kehrseite wissenschaftlichen Arbeitens: dass sie diese unlesbaren, kraftlosen dicken Wälzer mit dem unendlichen Anmerkungsapparat produziert - angeblich große Wunder der Wissenschaftsliteratur, geschrieben aber nur für die Bibliotheksregale, in furchtbar sprödem Packpapierdeutsch. Hinzu kommen die tragischen Fälle: wir hörten von Doktoranden, die so genau arbeiteten, dass sie nie fertig wurden. Und Thomas Nipperdey, der kluge Geschichtsprofessor, ist vor der Drucklegung seines letzten Bandes der "Deutschen Geschichte" verstorben.
Einer der großen Historienerzähler, Sebastian Haffner, hat gefordert, der deutsche Wissenschaftler solle endlich so schreiben, dass man die Bücher da lesen könne, wo sie der Mensch am liebsten lese: im Bett. Er hat sich daran gehalten - und trotzdem genau gearbeitet. Fußnoten hatte er nicht nötig.
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