Wissenschaftliche Tugenden (5) Nachvollziehbarkeit

Alexander Mäder, veröffentlicht am 15.08.2008
Foto: ESA/NASA/JPL/Caltech/dpa

Stuttgart - Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Auf die Universität zu gehen und dort eifrig zu lernen ist wichtig, aber das allein genügt nicht. Zur Wissenschaft gehört mehr. In unserer Serie über wissenschaftliche Tugenden geht es heute um die Nachvollziehbarkeit von Forschung.


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Wilhelm Conrad Röntgen überließ nichts dem Zufall. Als er am 8. November 1895 ein merkwürdiges Leuchten in seinem abgedunkelten Labor beobachtete, schloss er sich ein und untersuchte das Phänomen wochenlang aus allen erdenklichen Perspektiven. Die Natur führt einen leicht in die Irre, da muss man vorsichtig sein und die alternativen Erklärungen durch Experimente ausschließen. Als sich seine Frau Anna Bertha beschwerte, nahm Röntgen sie zu sich in sein Arbeitszimmer und durchleuchtete ihre Hand. Später ist er einmal gefragt worden, was er gedacht habe, als er zum ersten Mal das Leuchten gesehen habe. Seine Antwort: "Ich dachte nicht, sondern ich untersuchte."

Zwei Monate später berichtet Röntgen in einem überfüllten Hörsaal von seiner Entdeckung der X-Strahlen, wie sie damals hießen. Die Nachricht verbreitete sich schnell. Nicht nur war das Phänomen leicht zu verstehen und die medizinische Anwendung offensichtlich. Ein weiterer Vorzug von Röntgens Experimenten war, dass sie leicht zu wiederholen waren. Jeder Kollege, der zweifelte, konnte sich von der Existenz der X-Strahlen im eigenen Labor schnell überzeugen. Dieses Kriterium wird in Fachkreisen Intersubjektivität genannt. Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen nicht subjektiv gefärbt sein, sie sollen nicht von der Person des Forschers abhängen, sondern müssen für jedermann nachvollziehbar sein - sofern er die Grundregeln des Fachs beherrscht. Und auch die Anforderungen an die Fachkompetenz der Kollegen dürfen nicht übertrieben hoch sein. Wenn ein Wissenschaftler behauptet, er allein und sonst niemand habe den geschulten Blick, um das neue Phänomen zu erkennen, sollte selbst der Laie aufhorchen.

Doch die Zeiten ändern sich. Auf Fachkongressen haben selbst Professoren Mühe, alle Vorträge zu verstehen - so sehr hat man sich inzwischen spezialisiert. Und welcher professionelle ungläubige Thomas hat heute noch Zeit, die Aussagen der Kollegen nicht nur zu bezweifeln, sondern auch zu überprüfen? Nimmt nicht der Druck zu, in rascher Folge eigene Ergebnisse zu veröffentlichen? Der Herausgeber der renommierten Fachzeitschrift "Nature" beklagte sich kürzlich auf einer Tagung darüber, dass die Nachlässigkeiten im Labor zunähmen. Dabei gelte dort doch eine Abwandlung von Murphys Gesetz: Wenn die Möglichkeit zu einem Messfehler besteht, dann wird sie auch genutzt. Röntgen hat das Gesetz noch gekannt. Doch der Fairness halber muss man auch sagen, dass das Phänomen, das er am Wickel hatte, vergleichsweise leicht zu durchschauen war.


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