Gigante

Wenn der Detektiv sich in die Diebin vergafft

Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 01.10.2009
Filmbeschreibung
Ob ein Supermarkt in Seattle, Melbourne oder Kornwestheim steht, ist eigentlich wurst - das Grundprinzip der Regalaufbauten, Förderbänder, Einkaufswagen bleibt überall auf der globalisierten Welt dasselbe, und das Kontrollpersonal starrt allerenden auf ähnliche Monitore. Insofern fühlt man sich in Adrian Biniez' Debütfilm "Gigante", der wieder an einem anderen Ende der Welt, nämlich im uruguayischen Montevideo spielt, sofort heimisch. Und irgendwie animiert.

Denn der bullige Supermarktdetektiv, der da gelassen, schnauzbärtig Kuchen mampfend vor der Supervisionskamera hockt (Horacio Camandule), wirkt auf Anhieb sympathisch. Jara heißt dieser Gigant von einem Wachmann - dass er ein Freund von Heavy-Metal-Musik ist, verrät bereits sein Getrommel im Bus zur Arbeit, außerdem lässt es sich unschwer dem Logo entnehmen, das blutrot auf seinem T-Shirt prangt: "Biohazard". Aber solche Shirts trägt Jara nur, wenn er frei hat. Und seine Freizeit ist knapp bemessen, tagsüber pennt er entweder oder sieht fern oder juxt mit dem Neffen, falls ihm sein Nebenjob bei einer Disco - als Rausschmeißer, klar - dafür noch Zeit lässt. Sein Privatleben überhaupt, wen interessiert das schon? Auch der Film macht davon wenig Aufhebens.

Nachtschicht für Nachtschicht

Umso konzentrierter beobachtet ihn die Regie in seiner Arbeitswelt. Was treibt der Kerl, kaum dass er in der gebügelten Uniform eines Security-Mannes durch den Korridor seiner Firma geschlappt ist, wo hinter vielen Eisentüren triste Überwachungsräume liegen? Nachtschicht für Nachtschicht sitzt er in der Sicherheitszentrale des Supermarkts und beobachtet, wie die Putzkolonnen, die Angestellten, die Bäcker vorausarbeiten für den nächsten Tag. Viel zu sehen bekommt er da nicht - außer gelegentlich Zoff und Gekabbel zwischen den Lagerarbeitern. Jaras Job ist erkennbar einer der fadesten der Welt. Dagegen hilft nur Kreuzworträtsellösen.

Aber eines Nachts passiert etwas. Da leistet sich die schmucke Putzfrau Julia (Leonor Svarcas) einen stiebizenden Griff ins Kosmetikregal. Und noch bevor der Kontrolldienst ihr auf die Fersen rückt, rafft Jara, der trotz seinem Riesenwuchs selber ein Underdog ist, sich mal wieder zu einem Akt der Solidarität auf. In seiner Gutmütigkeit hat er schon etliche Angestellte davor bewahrt, dass ihnen Missgeschicke oder Klaugelüste zum Verhängnis werden - erst recht wird er der hübschen Putzfrau, deren fahles, aber adrettes Wedelwesen er längst mit Wohlgefallen auf dem Monitor verfolgt, nun aus der Patsche helfen. Doch die Verehrte merkt das nicht einmal.

Der Einzige, der was gemerkt hat, ist Jara: nämlich dass diese Julia ihm nicht gleichgültig ist. Hinfort will er ihr Beschützer sein. Also pliert er ihr nach, auf dem flimmernden Schirm, sooft er kann. Dann fängt er an, ihr auch außerhalb der Firma hinterherzustapfen, ins Internetcafé, ins Kino, in die Kneipe. So kommt's zu einer Vielzahl absurder Situationen, denen Biniez' minimalistische Regie ebenso viele kleine komödiantische Surprisen entlockt.

Lakonie und Beobachtungsgabe

Fast sieht's so aus, als hätte der Wachmann das Zeug zum exemplarischen Stalker. Aber diese Thematik interessiert den Regisseur nicht. Und die sozialpolitische Brisanz, die jäh und himmelschreiend sichtbar wird in der Kündigung von Teilen der Belegschaft (Jara, Julia inklusive), interessiert ihn ebenfalls kaum. Sein Film besticht durch Lakonie, präzise Einstellungen, Beobachtungsgabe und Gespür für Situationskomik, mithin, nicht politisch, sondern anrührend witzig will dieser Film sein. Zuletzt biegt Biniez den Stalkstoff um zur romantischen Komödie, die einen scheuen Dildap in Erklärungsnöten zeigt, bis sie - am Strand von Montevideo - aufs Wortkargste dem Happy End entgegensteuert.

Zum Stuttgarter Filmstart hat das uruguayische Konsulat dem Argentinier Biniez (der in Uruguay lebt) einen feinen Empfang ausgerichtet, und der Kinobetreiber Peter Erasmus sorgte für lebhafte Publikumsdiskussion. Auch auf der jüngsten Berlinale war "Gigante" rasch zum Publikumsliebling avanciert - und die Jury verlieh ihm neben dem Großen Preis gar noch zwei weitere Bärchen, für Innovation und Erstlingsregie. Gleichwohl, ein lateinamerikanischer Kaurismäki ist Biniez nicht. Dafür inszeniert er, bei aller schwarzen Lakonie, denn doch ein Ideechen zu herzig.
 
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