Wissenschaftliche Tugenden (8) Die Ausdauer
Alexander Mäder, veröffentlicht am 26.09.2008
Stuttgart - Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Auf die Universität zu gehen und dort eifrig zu lernen ist wichtig, aber das allein genügt nicht. Zur Wissenschaft gehört mehr. In unserer Serie über wissenschaftliche Tugenden geht es heute um Ausdauer und Hartnäckigkeit.
Der Nobelpreisträger Eric Kandel verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte verstehen, was die Österreicher 1938 dazu trieb, jüdischen Familien wie seiner eigenen so viel Leid zuzufügen. Diese Frage will er nicht als Historiker, Schriftsteller oder Psychoanalytiker angehen, sondern mit den Mitteln der Hirnforschung beantworten. Für seine Experimente wählte er den kalifornischen Seehasen als Untersuchungsobjekt. Er traf diese Wahl, weil sich das Gehirn des wirbellosen Tieres besonders gut untersuchen lässt: Es besitzt große Nervenzellen, die sich leicht für Versuche präparieren lassen.
Natürlich ist es ein weiter Weg von den einfachen Reflexen eines Seehasen bis zur vollständigen Erklärung dafür, warum Menschen einander schikanieren und töten. Der Seehase kann vor allem eins: seine Kiemen zurückziehen, wenn ihn der Versuchsleiter mit einer Nadel piekst. Doch Kandel ist geduldig. Fragt man ihn, wie lange es noch dauern werde, antwortet er, die Frage sei irrelevant. Ob 50 oder 150 Jahre vergehen - wen interessiere das schon, solange es vorwärts gehe und die Arbeit Spaß mache.
Kandel hat seiner Forschungsarbeit regelmäßig Erfolgserlebnisse geboten. Er entschlüsselte, welche Signale unter Nervenzellen ausgetauscht werden, wenn ein Seehase sich an das Pieksen des Versuchsleiters langsam gewöhnt und sich dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen lässt. Das brachte ihm schließlich den Nobelpreis ein. Doch was machen die Kollegen, die weniger kreativ und intelligent sind - oder die sich einfach auf der falschen Fährte befinden? Für sie kann das Tüfteln und Theoretisieren ganz schön mühsam werden. Auch Studenten kennen das Gefühl: Wer vor einer großen Arbeit sitzt, starrt manchmal lange auf den noch leeren Bildschirm und blättert durch die Literaturliste, die es abzuarbeiten gilt. Werde ich das durchstehen? lautet die bange Frage am Anfang eines solchen Projekts.
Der Wissenschaftler weiß, wie man in solchen Fällen zu reagieren hat: Man analysiert das Problem - im wörtlichen Sinn, das heißt, man zerlegt es in möglichst viele kleine Einzelteile, die sich unabhängig voneinander lösen lassen. Das birgt natürlich die Gefahr, dass man sich in Details verliert, weil schon das erste Teilproblem bei näherer Betrachtung genug Stoff liefert für eine Doktorarbeit. Hier würde Eric Kandel wohl sagen: Herzlich willkommen in der Forschung! Es gibt keinen schnellen Weg zur Erkenntnis.
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Kandel hat seiner Forschungsarbeit regelmäßig Erfolgserlebnisse geboten. Er entschlüsselte, welche Signale unter Nervenzellen ausgetauscht werden, wenn ein Seehase sich an das Pieksen des Versuchsleiters langsam gewöhnt und sich dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen lässt. Das brachte ihm schließlich den Nobelpreis ein. Doch was machen die Kollegen, die weniger kreativ und intelligent sind - oder die sich einfach auf der falschen Fährte befinden? Für sie kann das Tüfteln und Theoretisieren ganz schön mühsam werden. Auch Studenten kennen das Gefühl: Wer vor einer großen Arbeit sitzt, starrt manchmal lange auf den noch leeren Bildschirm und blättert durch die Literaturliste, die es abzuarbeiten gilt. Werde ich das durchstehen? lautet die bange Frage am Anfang eines solchen Projekts.
Der Wissenschaftler weiß, wie man in solchen Fällen zu reagieren hat: Man analysiert das Problem - im wörtlichen Sinn, das heißt, man zerlegt es in möglichst viele kleine Einzelteile, die sich unabhängig voneinander lösen lassen. Das birgt natürlich die Gefahr, dass man sich in Details verliert, weil schon das erste Teilproblem bei näherer Betrachtung genug Stoff liefert für eine Doktorarbeit. Hier würde Eric Kandel wohl sagen: Herzlich willkommen in der Forschung! Es gibt keinen schnellen Weg zur Erkenntnis.
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