Wissenschaftliche Tugenden (9) Die Eleganz
Rainer Klüting, veröffentlicht am 10.10.2008
Stuttgart - Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Auf die Universität zu gehen und dort eifrig zu lernen ist wichtig, aber das allein genügt nicht. Zur Wissenschaft gehört mehr. In unserer Serie über wissenschaftliche Tugenden geht es heute um die Eleganz des Argumentierens.
Man kennt sie, die Lehrer und auch die Hochschulprofessoren, die in ihrem Fach Karriere gemacht, sich sogar Verdienste erworben haben und dann, wenn sie beispielsweise erklären sollen, was eine Dampfmaschine ist, so loslegen: "Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später." So Lehrer Bömmel in dem Film "Die Feuerzangenbowle".
Irgendetwas haben solche Menschen nicht gelernt, als sie studiert haben. Sie verstehen es nicht, den Aha-Effekt zu erzielen. Ihre Rede ist ein Labyrinth aus toten Gängen, und der Zuhörer fragt sich, ob es in ihrem Denken wesentlich anders zugeht. Sie verstehen es nicht, in einer eleganten Linie zum Kern zu kommen.
Eleganz - sie hat etwas mit Klarheit und Schönheit zugleich zu tun. Mathematiker und Physiker lieben die Eleganz besonders. Ob eine Formel oder ein mathematischer Beweis elegant ist, darüber sind sich Fachleute schnell und intuitiv einig. Auf die Frage, wie ein Mathematiker sich einem Problem elegant nähere, hat einmal der Berliner Mathematikprofessor Martin Aigner geantwortet: "Eher wie ein Künstler. Einen Satz zu beweisen, ist ein intellektuelles Erlebnis, das nur noch in der Kunst ein Gegenstück hat, wie das Erlebnis des Künstlers, dem der richtige Pinselstrich gelungen ist."
Die Onlineenzyklopädie Wikipedia hilft weiter: "Eleganz ist gekennzeichnet von herausragender Gestaltung, manchmal Schlichtheit, zurückgenommenem künstlerischem Ausdruck." In Schlichtheit und Zurückhaltung kleidet sich die Klarheit, das Gegenteil von schnörkeliger Umständlichkeit. Sie findet sich in Albert Einsteins Formel E = mc2, die auf denkbar schlichte Weise etwas sehr Komplexes ausdrückt, und sie findet sich in mathematischen Beweisen, die in klaren logischen Gedankenketten zu ihrem Ergebnis kommen. Ein eleganter Beweis hat in der Wissenschaft stets bessere Chancen, akzeptiert zu werden, als ein uneleganter.
Mangel an Eleganz findet Aigner in der stumpfsinnigen Methode, mit der Computer mathematische Beweise führen: "Ein Computerbeweis ist nicht transparent, er ist auch nicht von Leichtigkeit beseelt. Vor allem aber: er lehrt uns nichts. Er zerhackt das Problem in endlich viele Einzelfälle und schließt dann einen Fall nach dem anderen aus. Das heißt: er erschlägt den Satz, statt ihn zu erklären."
Das ist es: im Eleganten werden tiefere Zusammenhänge deutlich. Elegante Wissenschaft tut mehr, als Probleme zu erschlagen.
"Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später."
Lehrer Bömmel im Film "Die Feuerzangenbowle"
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Irgendetwas haben solche Menschen nicht gelernt, als sie studiert haben. Sie verstehen es nicht, den Aha-Effekt zu erzielen. Ihre Rede ist ein Labyrinth aus toten Gängen, und der Zuhörer fragt sich, ob es in ihrem Denken wesentlich anders zugeht. Sie verstehen es nicht, in einer eleganten Linie zum Kern zu kommen.
Eleganz - sie hat etwas mit Klarheit und Schönheit zugleich zu tun. Mathematiker und Physiker lieben die Eleganz besonders. Ob eine Formel oder ein mathematischer Beweis elegant ist, darüber sind sich Fachleute schnell und intuitiv einig. Auf die Frage, wie ein Mathematiker sich einem Problem elegant nähere, hat einmal der Berliner Mathematikprofessor Martin Aigner geantwortet: "Eher wie ein Künstler. Einen Satz zu beweisen, ist ein intellektuelles Erlebnis, das nur noch in der Kunst ein Gegenstück hat, wie das Erlebnis des Künstlers, dem der richtige Pinselstrich gelungen ist."
Die Onlineenzyklopädie Wikipedia hilft weiter: "Eleganz ist gekennzeichnet von herausragender Gestaltung, manchmal Schlichtheit, zurückgenommenem künstlerischem Ausdruck." In Schlichtheit und Zurückhaltung kleidet sich die Klarheit, das Gegenteil von schnörkeliger Umständlichkeit. Sie findet sich in Albert Einsteins Formel E = mc2, die auf denkbar schlichte Weise etwas sehr Komplexes ausdrückt, und sie findet sich in mathematischen Beweisen, die in klaren logischen Gedankenketten zu ihrem Ergebnis kommen. Ein eleganter Beweis hat in der Wissenschaft stets bessere Chancen, akzeptiert zu werden, als ein uneleganter.
Mangel an Eleganz findet Aigner in der stumpfsinnigen Methode, mit der Computer mathematische Beweise führen: "Ein Computerbeweis ist nicht transparent, er ist auch nicht von Leichtigkeit beseelt. Vor allem aber: er lehrt uns nichts. Er zerhackt das Problem in endlich viele Einzelfälle und schließt dann einen Fall nach dem anderen aus. Das heißt: er erschlägt den Satz, statt ihn zu erklären."
Das ist es: im Eleganten werden tiefere Zusammenhänge deutlich. Elegante Wissenschaft tut mehr, als Probleme zu erschlagen.
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