Usability Professionals
Lästige Fahrscheinautomaten
StZ/StN, veröffentlicht am 02.10.2009
Stuttgart - Usability Professionals sind die gute Seele der Anwender, denn sie sorgen für bedienbare Systeme. Dafür müssen sie wissen, wohin Menschen schauen, was sie sich merken können und welche Technologien ihnen helfen können, ihr Ziel zu erreichen. Das kann die Bestellung einer E-Mail-Adresse sein oder einer Fahrkarte nach München.
Die meisten Menschen meiden Formulare. Wenn die Formblätter dennoch ausgefüllt werden müssen, soll das möglichst reibungslos geschehen, sei es auf dem Papier oder am Bildschirm. "Allein durch den Aufbau einer Website können die Augen des Lesers so geführt werden, dass der nächste Schritt eindeutig ist", sagt Julian Siehl. Der 36-Jährige weiß, was Menschen wie am besten wahrnehmen können, wie umfangreich die Informationen sein dürfen, um nicht am nächsten Schritt zu scheitern. Das hat er im Psychologie-Studium gelernt. Seine Schwerpunktfächer Mensch-Maschine-Interaktion und Informationswissenschaften runden sein Profil zum Usability Professional idealtypisch ab.
Wohin das Auge wandert
Die German Usability Professionals' Association (UPA) hat in einem Arbeitspapier Aufgaben von Usability Professionals beschrieben (www.germanupa.de) und die rund 600 Mitglieder der Vereinigung im ersten Halbjahr 2009 nach Aus- und Weiterbildung, Zufriedenheit und Gehalt befragt. Nach Verbandsangaben gibt es rund 2000 bis 3000 Spezialisten in Deutschland, die sich mit der Benutzerfreundlichkeit unterschiedlicher Produkte beschäftigen. Seien es Internet-Anwendungen, Fahrkartenautomaten oder Handys. "Wettbewerbsvorteile werden vor allem über die Art und Weise der Benutzung von Systemen erzielt. Das haben die Unternehmen erkannt, deshalb steigen die Ansprüche und damit die Nachfrage nach Usability Professionals", sagt Clemens Lutsch. Er ist Leiter des Arbeitskreises Berufsfeld Usability in der German UPA.
Arbeitgeber sind hauptsächlich Softwarehäuser oder Agenturen, die sich auf das Thema Bedienbarkeit spezialisiert haben - wie SirValUse der User Interface Design. Durchschnittlich liegt das Anfangsgehalt bei etwa 41.000 Euro jährlich und steigt signifikant mit zunehmender Berufserfahrung. Die Berufsgruppe schätzt an ihrem Job vor allem das positive Arbeitsklima und die Vielfalt der Aufgaben. Fast 90 Prozent haben ein Studium in den Bereichen Design, Psychologie, Medien, Informatik oder BWL.
Siehl ist bei der 1&1 Internet AG für die Nutzungsqualität der Seiten Web.de, GMX sowie 1&1 verantwortlich. Im Labor des Unternehmens arbeitet er mit der Eye-Tracking-Methode. "Damit erheben wir Daten von Versuchspersonen, um festzustellen, ob der Vorgang problemlos ablaufen kann." Lautes Denken ist dabei eine übliche Vorgehensweise. Der Proband sagt, was er denkt, und eine im Bildschirm integrierte Technologie zeichnet seine Blickrichtungen auf. "Das hilft uns zu erkennen, welche Elemente übersehen werden, welchen viel oder gar zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie der Blickverlauf ist bei dem Versuch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und ob die Struktur und der Aufbau der Seite dieses Ziele unterstützen oder eher stören." Erst nach diesem Check und eventuellen Korrekturen wird die Anwendung programmiert.
Psychologisches und technisches Wissen
Das Web ist der moderne Marktplatz und eine E-Mail-Adresse unerlässlich, um einzukaufen. Siehl kümmert sich bei 1&1 darum, dass Neukunden nicht schon am Antrag dafür scheitern. Für seine Aufgabe sind Kenntnisse der kognitiven Psychologie und der Psychomotorik notwendig. "Schließlich müssen unterschiedliche Zielgruppen größere oder kleinere Felder auf dem Bildschirm exakt treffen." Daneben sind vor allem kommunikative Fähigkeiten gefragt. "Usability ist ein Überzeugungsjob, bei dem man Argumente braucht."
Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) forscht an einem weiteren ungeliebten Objekt, ähnlich dem Formular. "Wir beschäftigen uns mit der Frage, ob ein multimodaler Fahrscheinautomat sinnvoll wäre", sagt Cornelia Hipp. Durch den medientechnischen Mix aus Grafik und Sprache wäre ein solcher leichter bedienbar. Der Vorteil der Kombination: "Sprache wird dann genutzt, wenn Sprache die bessere Variante ist, dasselbe gilt für das grafische Interface", so Hipp.
Der Vorteil der Sprache: Mit einem Satz kann man alles sagen, was man machen möchte, etwa: "Ich will heute um 11 Uhr von Stuttgart nach München mit dem ICE fahren." Eindeutiger geht es nicht. Sollte das Wort "Stuttgart" nicht richtig verstanden worden sein, ist eine grafische Auswahlvariante die bessere Alternative für eine Korrektur als die Aufforderung zur nochmaligen Spracheingabe. "Usability Professionals müssen wissen, welche Interaktionsmöglichkeiten es gibt, um beide Modalitäten sinnvoll miteinander zu verknüpfen, und ihnen muss klar sein, welche im speziellen Fall die richtige ist", so Hipp. Die 29-Jährige hat an der Universität Ulm Medieninformatik studiert und arbeitet als Usability Engineer am Stuttgarter Fraunhofer IAO. Ihr Grundstudium war an generellen Fragen ausgerichtet. Im Hauptstudium hat sich Hipp mit Usability Engineering und dessen Frage beschäftigt: Wie überträgt man Kognitives auf Ergonomie?
"Am besten durch die Kombination des Wissens um Informatik, Psychologie und Design", weiß Dieter Wallach, Professor für Medieninformatik an der Fachhochschule Kaiserslautern. In diesem Studiengang gibt es die Vertiefungsrichtung Human-Computer-Interaction, und die Absolventen arbeiten häufig als Usability Professionals. "Unser Ziel ist es, Menschen an der Stelle mit passender Technologie zu unterstützen, wo der Denkapparat Hilfe braucht. Es geht uns darum, Systeme einfacher und sicherer bedienbar zu machen", beschreibt er das Ziel von Usability Professionals. Obwohl das selbstverständlich erscheint, muss Benutzerfreundlichkeit von Leuten wie Siehl und Hipp durchgesetzt werden.
Die meisten Menschen meiden Formulare. Wenn die Formblätter dennoch ausgefüllt werden müssen, soll das möglichst reibungslos geschehen, sei es auf dem Papier oder am Bildschirm. "Allein durch den Aufbau einer Website können die Augen des Lesers so geführt werden, dass der nächste Schritt eindeutig ist", sagt Julian Siehl. Der 36-Jährige weiß, was Menschen wie am besten wahrnehmen können, wie umfangreich die Informationen sein dürfen, um nicht am nächsten Schritt zu scheitern. Das hat er im Psychologie-Studium gelernt. Seine Schwerpunktfächer Mensch-Maschine-Interaktion und Informationswissenschaften runden sein Profil zum Usability Professional idealtypisch ab.
Wohin das Auge wandert
Die German Usability Professionals' Association (UPA) hat in einem Arbeitspapier Aufgaben von Usability Professionals beschrieben (www.germanupa.de) und die rund 600 Mitglieder der Vereinigung im ersten Halbjahr 2009 nach Aus- und Weiterbildung, Zufriedenheit und Gehalt befragt. Nach Verbandsangaben gibt es rund 2000 bis 3000 Spezialisten in Deutschland, die sich mit der Benutzerfreundlichkeit unterschiedlicher Produkte beschäftigen. Seien es Internet-Anwendungen, Fahrkartenautomaten oder Handys. "Wettbewerbsvorteile werden vor allem über die Art und Weise der Benutzung von Systemen erzielt. Das haben die Unternehmen erkannt, deshalb steigen die Ansprüche und damit die Nachfrage nach Usability Professionals", sagt Clemens Lutsch. Er ist Leiter des Arbeitskreises Berufsfeld Usability in der German UPA.
Arbeitgeber sind hauptsächlich Softwarehäuser oder Agenturen, die sich auf das Thema Bedienbarkeit spezialisiert haben - wie SirValUse der User Interface Design. Durchschnittlich liegt das Anfangsgehalt bei etwa 41.000 Euro jährlich und steigt signifikant mit zunehmender Berufserfahrung. Die Berufsgruppe schätzt an ihrem Job vor allem das positive Arbeitsklima und die Vielfalt der Aufgaben. Fast 90 Prozent haben ein Studium in den Bereichen Design, Psychologie, Medien, Informatik oder BWL.
Siehl ist bei der 1&1 Internet AG für die Nutzungsqualität der Seiten Web.de, GMX sowie 1&1 verantwortlich. Im Labor des Unternehmens arbeitet er mit der Eye-Tracking-Methode. "Damit erheben wir Daten von Versuchspersonen, um festzustellen, ob der Vorgang problemlos ablaufen kann." Lautes Denken ist dabei eine übliche Vorgehensweise. Der Proband sagt, was er denkt, und eine im Bildschirm integrierte Technologie zeichnet seine Blickrichtungen auf. "Das hilft uns zu erkennen, welche Elemente übersehen werden, welchen viel oder gar zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie der Blickverlauf ist bei dem Versuch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und ob die Struktur und der Aufbau der Seite dieses Ziele unterstützen oder eher stören." Erst nach diesem Check und eventuellen Korrekturen wird die Anwendung programmiert.
Psychologisches und technisches Wissen
Das Web ist der moderne Marktplatz und eine E-Mail-Adresse unerlässlich, um einzukaufen. Siehl kümmert sich bei 1&1 darum, dass Neukunden nicht schon am Antrag dafür scheitern. Für seine Aufgabe sind Kenntnisse der kognitiven Psychologie und der Psychomotorik notwendig. "Schließlich müssen unterschiedliche Zielgruppen größere oder kleinere Felder auf dem Bildschirm exakt treffen." Daneben sind vor allem kommunikative Fähigkeiten gefragt. "Usability ist ein Überzeugungsjob, bei dem man Argumente braucht."
Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) forscht an einem weiteren ungeliebten Objekt, ähnlich dem Formular. "Wir beschäftigen uns mit der Frage, ob ein multimodaler Fahrscheinautomat sinnvoll wäre", sagt Cornelia Hipp. Durch den medientechnischen Mix aus Grafik und Sprache wäre ein solcher leichter bedienbar. Der Vorteil der Kombination: "Sprache wird dann genutzt, wenn Sprache die bessere Variante ist, dasselbe gilt für das grafische Interface", so Hipp.
Der Vorteil der Sprache: Mit einem Satz kann man alles sagen, was man machen möchte, etwa: "Ich will heute um 11 Uhr von Stuttgart nach München mit dem ICE fahren." Eindeutiger geht es nicht. Sollte das Wort "Stuttgart" nicht richtig verstanden worden sein, ist eine grafische Auswahlvariante die bessere Alternative für eine Korrektur als die Aufforderung zur nochmaligen Spracheingabe. "Usability Professionals müssen wissen, welche Interaktionsmöglichkeiten es gibt, um beide Modalitäten sinnvoll miteinander zu verknüpfen, und ihnen muss klar sein, welche im speziellen Fall die richtige ist", so Hipp. Die 29-Jährige hat an der Universität Ulm Medieninformatik studiert und arbeitet als Usability Engineer am Stuttgarter Fraunhofer IAO. Ihr Grundstudium war an generellen Fragen ausgerichtet. Im Hauptstudium hat sich Hipp mit Usability Engineering und dessen Frage beschäftigt: Wie überträgt man Kognitives auf Ergonomie?
"Am besten durch die Kombination des Wissens um Informatik, Psychologie und Design", weiß Dieter Wallach, Professor für Medieninformatik an der Fachhochschule Kaiserslautern. In diesem Studiengang gibt es die Vertiefungsrichtung Human-Computer-Interaction, und die Absolventen arbeiten häufig als Usability Professionals. "Unser Ziel ist es, Menschen an der Stelle mit passender Technologie zu unterstützen, wo der Denkapparat Hilfe braucht. Es geht uns darum, Systeme einfacher und sicherer bedienbar zu machen", beschreibt er das Ziel von Usability Professionals. Obwohl das selbstverständlich erscheint, muss Benutzerfreundlichkeit von Leuten wie Siehl und Hipp durchgesetzt werden.
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