Engagement neben dem Studium Der unpolitische Hochleistungsstudent
Irene Berres, veröffentlicht am 13.03.2009
Konstanz - Manchmal trauen sich Studenten noch etwas - zumindest, wenn es an ihren Geldbeutel geht: Im Dezember demonstrierten in Paris Kunststudenten bei eisigen Temperaturen nackt vor dem Kultusministerium. Auf die Straße getrieben hatte sie der Beschluss, dass Nacktmodelle von Künstlern kein Trinkgeld mehr annehmen dürfen. Der kleine Aufstand war jedoch eine Ausnahme, denn generell sinkt das studentische Interesse an Politik.
Während sich 1983 in den alten Bundesländern noch 54 Prozent der Studenten als stark politisch interessiert bezeichneten, waren es 2007 nur noch 37 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Konstanz im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, bei der seit 1983 die politische Einstellung von Studenten untersucht wird. In den betrachteten 25 Jahren interviewten die Mitarbeiter um den Soziologen Tino Bargel fast 88 000 Studenten von 25 Hochschulen. "Die stark interessierten Studierenden sind von einer knappen Mehrheit zu einer Minderheit geschrumpft", schreibt Bargel. "In naher Zukunft ist eine erneute, stärkere Zunahme des politischen Interesses bei den Studierenden nicht zu erwarten - vielmehr hat sich ihr politisches Interesse offenbar auf einem niedrigen Niveau eingependelt."
Mit dem geringen Interesse geht auch ein geringes Engagement in den Studentenvertretungen einher. Während die Hochschulpolitik die Studenten noch nie sehr reizte - nicht einmal jeder fünfte kann sich dafür begeistern -, hat die Beteiligung an Gremien, Fachschaften und der Allgemeinen Studentenvertretung abgenommen. 1983 besetzten noch 16 Prozent ein Amt in der Fachschaft, 2007 waren es nur 11 Prozent. Zusätzlich interessieren sich die Studenten nur wenig für die Arbeit ihrer Vertreter. "Bei einer Gremienwahl liegt die Wahlbeteiligung bei etwa zehn, elf oder zwölf Prozent", erzählt Stefan Haffke, der Mitglied im Senat und Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität Hohenheim ist. Und das, obwohl die Wahl mit Plakaten und Flyern angekündigt wird und ein Freigetränk auf die Wähler wartet.
Was ist passiert mit der Menge, die für ihre Aufsässigkeit bekannt war? 1977 nahm Baden-Württembergs Regierung den Studentenvertretern einen Großteil ihrer Macht, kappte ihre Finanzhoheit und senkte ihren Einfluss an den Universitäten. "Das Argument war damals, den linksextremistischen Sumpf trockenzulegen", sagt Haffke. Heute sind die extremen politischen Strömungen versickert, und Bargel plädiert dafür, den Studenten ihre Macht zurückzugeben, um sie wieder zur Mitarbeit zu motivieren. Zu diesem Zweck sollten bereits Schüler lernen, bei verschiedenen Themen das Für und Wider abzuwägen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden und Positionen zu beziehen. "Das ist eine Aufgabe der politischen Bildungsarbeit an den Schulen, die heute eher vernachlässigt wird als früher", sagt Bargel.
Ein weiteres Problem sind die gestiegenen Erwartungen an die Studenten. Während junge Studierende sich früher gefahrlos treiben lassen konnten, werden sie heute zu Hochleistungsabsolventen ausgebildet. Ihr Ziel: das Studium möglichst schnell abzuschließen, Auslandserfahrungen zu sammeln und in den Semesterferien möglichst viel Zeit in Unternehmen zu verbringen. "Die Hochschule stellt für viele nicht mehr den Lebensmittelpunkt dar", schreibt Bargel in seiner Studie. "Das Zeitbudget lässt dadurch oft wenig Spielraum für außerfachliche, politische oder kulturelle Aktivitäten."
Diese Situation spitzt sich mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge weiter zu. Die neuen Studiengänge sind verschulter und meistens von Anfang bis Ende durchgeplant. Alle Prüfungen zählen für die Endnote; fällt jemand durch, droht schnell die Exmatrikulation. Dann muss der Student zwischen Erfolg in der Ausbildung und Idealismus abwägen: Lieber demonstrieren und die Vorlesung verpassen oder im Hörsaal sitzen, während sich die Kommilitonen auf der Straße gegen Studiengebühren zur Wehr setzen? "Die Studenten haben das Gefühl, sie müssten dauernd etwas bringen", sagt Bargel. "Dabei könnten die sich viel stärker an der Konzeption ihres Studiums beteiligen und Module, Punktevergabe und den Forschungsbezug mitgestalten." Dadurch könnten die Studenten auch mehr lernen.
Dies wird jedoch durch immer kürzere Studiengänge erschwert. Für einen Bachelorabschluss sind in der Regel drei Jahre vorgesehen, für einen Master zwei. "Im ersten Semester engagieren sich die Studenten oft noch nicht", sagt Haffke. "Man kann ja nicht erwarten, dass sie ihren Studentenausweis abholen, das erste Skript kaufen und gleich in Arbeitskreise eintreten." Bis sie sich in die Hochschulpolitik eingefunden haben, sei das Studium dann fast schon wieder vorbei. Noch haben die Hohenheimer allerdings kein Problem, ihre Ämter zu besetzen und ihre Arbeit zu erledigen. "Doch wer weiß, wie das ist, wenn nur noch Bachelor- und Masterstudenten an der Uni sind", sagt Haffke.
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Auch Studentenvertretungen sind weniger beliebt
Mit dem geringen Interesse geht auch ein geringes Engagement in den Studentenvertretungen einher. Während die Hochschulpolitik die Studenten noch nie sehr reizte - nicht einmal jeder fünfte kann sich dafür begeistern -, hat die Beteiligung an Gremien, Fachschaften und der Allgemeinen Studentenvertretung abgenommen. 1983 besetzten noch 16 Prozent ein Amt in der Fachschaft, 2007 waren es nur 11 Prozent. Zusätzlich interessieren sich die Studenten nur wenig für die Arbeit ihrer Vertreter. "Bei einer Gremienwahl liegt die Wahlbeteiligung bei etwa zehn, elf oder zwölf Prozent", erzählt Stefan Haffke, der Mitglied im Senat und Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität Hohenheim ist. Und das, obwohl die Wahl mit Plakaten und Flyern angekündigt wird und ein Freigetränk auf die Wähler wartet.
Was ist passiert mit der Menge, die für ihre Aufsässigkeit bekannt war? 1977 nahm Baden-Württembergs Regierung den Studentenvertretern einen Großteil ihrer Macht, kappte ihre Finanzhoheit und senkte ihren Einfluss an den Universitäten. "Das Argument war damals, den linksextremistischen Sumpf trockenzulegen", sagt Haffke. Heute sind die extremen politischen Strömungen versickert, und Bargel plädiert dafür, den Studenten ihre Macht zurückzugeben, um sie wieder zur Mitarbeit zu motivieren. Zu diesem Zweck sollten bereits Schüler lernen, bei verschiedenen Themen das Für und Wider abzuwägen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden und Positionen zu beziehen. "Das ist eine Aufgabe der politischen Bildungsarbeit an den Schulen, die heute eher vernachlässigt wird als früher", sagt Bargel.
Ein weiteres Problem sind die gestiegenen Erwartungen an die Studenten. Während junge Studierende sich früher gefahrlos treiben lassen konnten, werden sie heute zu Hochleistungsabsolventen ausgebildet. Ihr Ziel: das Studium möglichst schnell abzuschließen, Auslandserfahrungen zu sammeln und in den Semesterferien möglichst viel Zeit in Unternehmen zu verbringen. "Die Hochschule stellt für viele nicht mehr den Lebensmittelpunkt dar", schreibt Bargel in seiner Studie. "Das Zeitbudget lässt dadurch oft wenig Spielraum für außerfachliche, politische oder kulturelle Aktivitäten."
Neue Studiengänge spitzen die Situation zu
Diese Situation spitzt sich mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge weiter zu. Die neuen Studiengänge sind verschulter und meistens von Anfang bis Ende durchgeplant. Alle Prüfungen zählen für die Endnote; fällt jemand durch, droht schnell die Exmatrikulation. Dann muss der Student zwischen Erfolg in der Ausbildung und Idealismus abwägen: Lieber demonstrieren und die Vorlesung verpassen oder im Hörsaal sitzen, während sich die Kommilitonen auf der Straße gegen Studiengebühren zur Wehr setzen? "Die Studenten haben das Gefühl, sie müssten dauernd etwas bringen", sagt Bargel. "Dabei könnten die sich viel stärker an der Konzeption ihres Studiums beteiligen und Module, Punktevergabe und den Forschungsbezug mitgestalten." Dadurch könnten die Studenten auch mehr lernen.
Dies wird jedoch durch immer kürzere Studiengänge erschwert. Für einen Bachelorabschluss sind in der Regel drei Jahre vorgesehen, für einen Master zwei. "Im ersten Semester engagieren sich die Studenten oft noch nicht", sagt Haffke. "Man kann ja nicht erwarten, dass sie ihren Studentenausweis abholen, das erste Skript kaufen und gleich in Arbeitskreise eintreten." Bis sie sich in die Hochschulpolitik eingefunden haben, sei das Studium dann fast schon wieder vorbei. Noch haben die Hohenheimer allerdings kein Problem, ihre Ämter zu besetzen und ihre Arbeit zu erledigen. "Doch wer weiß, wie das ist, wenn nur noch Bachelor- und Masterstudenten an der Uni sind", sagt Haffke.
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