Zukunftsfragen einer digitalen Welt Möglichkeiten und Macht für viele

Peter Glaser, veröffentlicht am 30.09.2009
Blogger melden sich aus dem Iran. Von den Protesten dort erfährt die Welt auch via Internet - solange Oppositionsführer Mussawi im Visier der Handykameras ist und Mobiltelefone in aller Leute Hände sind.  Foto: dpa

In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Von dem irischen Schriftsteller George Bernard Shaw gibt es zu der Frage ein Bild: "Wenn du einen Apfel hast und ich habe einen Apfel und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast und ich habe eine Idee und wir tauschen diese Ideen aus, dann wird jeder von uns zwei Ideen haben."


Zu den neuen
Regeln gehört, dass wir mehrere Positionen zulassen müssen.
Peter Glaser über das Dauerprojekt Deomkratie

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Wer möchte nicht in einer solchen Gesellschaft leben, in der sich die Ressourcen so wunderbar vermehren? Das Teilen mit technologischer Hilfe führt aber nicht nur zur Vermehrung von Ideen, sondern auch zur Vermehrung von Problemen. Computer helfen uns dabei, Dinge schneller zu erledigen, die wir ohne Computer gar nicht hätten erledigen müssen, das wusste der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon in den sechziger Jahren.

Immer neue Informationskanäle öffnen sich, über Mobilfunk, über das Netz. Videohandys ersetzen TV-Teams, Blogger werden zu Korrespondenten vor Ort. Die neuen Kommunikationstechniken legen die Kontrolle über die Informationen in die Hände der Bürger.

Der Humus der Privatsphäre


Als im Juni im Iran die Proteste gegen die manipulierte Präsidentschaftswahl aufgeflammt sind, haben die Machthaber vergebens versucht, den Nachrichtenfluss zu unterbinden. "Wir lesen und lesen", schreibt ein iranischer Blogger, "damit wir verstehen, was morgen zu tun ist und wie es zu tun ist, weil wir keine Führung haben und selber Führer sind."

Die Vermehrung von Problemen ist nicht unbedingt ein Manko. Von dem Philosophen Egon Friedell stammt der Satz "Kultur ist Reichtum an Problemen". Die Wände, die uns umgeben, werden nun durchlässiger und poröser. Unsere Kultur wurzelt in dem hohen Wert, den wir dem Individuum beimessen. Privatsphäre ist der Humus, auf dem dieser Wert gedeiht. Angriffe auf diese Grundlage folgen inzwischen derselben Strategie, nach der auch moderne Kriege geführt werden: Nicht mehr die großen Heere gewinnen die Schlacht, sondern kleine Einheiten.

Dieser Salamitaktik hin zu staatlicher Kontrolle begegnen die Menschen zunehmend affirmativ. Unsere Gesellschaft scheint von einer unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit erfasst zu sein. Vor ein paar Jahren noch galt Big Brother als Synonym für totalitäre Kontrolle; mit den gleichnamigen Containershows im Fernsehen hat sich das Ganze in unterhaltsame Sozialpornografie verwandelt. Die Leistung der Teilnehmer besteht darin, alles zu zeigen.

Wir erleben gerade, wie Massenmedien sich in Medienmassen verwandeln. In den neunziger Jahren verlief die Front noch entlang der klassischen Aufteilung von Botschaften - Journalismus war für die schlechten Nachrichten aus der Realität zuständig, die Werbung für die guten Nachrichten aus den Konsumparadiesen. 1994, als das Netz gerade erst ein paar Monate durch die Öffentlichkeit geisterte, beklagte das US-Fachblatt "Advertising Age" in einem Editorial den Einfluss, den Werbetreibende auf Redakteure erlangt haben.

Die Blogosphäre als Refugium


Eine Umfrage bei 150 amerikanischen Tageszeitungen ergab, dass 89 Prozent der Redakteure davon berichteten, Werbekunden hätten Anzeigen zurückgezogen oder versucht, die Berichterstattung zu beeinflussen. 37 Prozent sagten, die Werbekunden hätten obsiegt. Könnte sich die Blogosphäre nicht als Refugium erweisen, das die Berichterstattung vor solchen Formen von Korruption bewahrt?

Die eigentliche Macht der Vernetzung liegt in der Kraft, die sie jedem von uns an die Hand gibt - nämlich die Kraft, Informationen zu gestalten. Journalisten brauchen nichts von ihrer Expertise aufzugeben, aber sie müssen ihre Ansprüche verstärkt und offensiver mit den Nutzern und neuen Mitgestaltern ihrer Arbeit teilen. Es wird weiterhin erstklassige Reporter und Autoren geben, die uns mit klarem Blick auf die Welt versorgen. Aber in der Internetära sind wir alle dazu verdammt, Journalisten zu sein.

Die Frage, wohin die Reise geht - oder wohin ich mir wünschen würde, dass sie geht -, möchte ich mit einem Schlenker 5000 Jahre in die Vergangenheit beantworten. Darauf hat mich das Gebäude gebracht, in dem die "Chicago Tribune" sitzt, ein wunderbarer alter Wolkenkratzer im Gothic Style. Als der Turm 1925 gebaut wurde, haben Korrespondenten aus aller Welt Steinstücke aus berühmten Bauwerken geschickt, aus dem Tadsch Mahal, dem griechischen Parthenon, der Chinesischen Mauer und anderen. Wenn man auf der Straße an dem Tribune Tower vorbeigeht, dann sieht man die in die Außenfassade eingelassen Steine. Einer davon ist von der Cheopspyramide.

Vor 5000 Jahren, zu der Zeit, als die Pyramiden gebaut worden sind, haben die Ägypter zwei Dinge erfunden, die wir heute noch haben: den Staat und die Maschine. Der Staat ist als ein erstes Vernetzungsprojekt entstanden. Kleine Dorfgemeinschaften wurden dadurch in die Lage versetzt, Bewässerungsnetze zu betreiben, die sie alleine nicht zustande gebracht hätten. Durch diese neuen Netze ließ sich nicht mehr nur ein Überschuss an Getreide erwirtschaften, sondern auch ein Überschuss an Zeit. Also begannen die Ägypter, Silos zu bauen, in denen man Zeit speichern kann - nämlich die Pyramiden.

Diese Bauwerke wurden aus einer Maschine errichtet, die aus Tausenden von Menschen bestand. Über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 150 Jahren produzierte diese erste Maschine 80 monumentale Pyramiden, fast wie am Fließband. Jede Pyramide war nur für einen einzigen Menschen gebaut, den Pharao, aber nach 150 Jahren hatten die Ägypter genug davon. Es folgten ein paar Jahrzehnte der Rebellion und Anarchie, dann begann eine neue Zeit, und etwas sehr Erstaunliches war passiert. Nun hatte jeder das Recht, unsterblich werden zu dürfen, nicht mehr nur der Pharao.

Die Ermächtigung der Massen


Die Unsterblichkeit war demokratisiert worden. Dieses Muster, das wir heute Demokratisierung nennen, hat sich in immer neuen Abwandlungen entfaltet - sei es, dass die Bibel gegen den Willen des Klerus für alle verständlich ins Deutsche übersetzt wurde, sei es, dass die Aristokratie abgeschafft wurde. Immer hatten - und haben - diese Übergänge damit zu tun, dass Macht und Möglichkeiten und Wissen von ein paar wenigen auf möglichst viele verteilt werden und dass die Gesellschaft sich dabei zugleich öffnet.

Von diesem Muster wünsche ich mir, dass es sich weiter entfaltet. Zu den neuen Regeln gehört, dass wir mehr Positionen zulassen müssen als bisher. Der Schiedsrichter bei einem Fußballspiel ist ein Sinnbild der alten Zeit. Er ist mit seiner singulären Sicht auf dem Spielfeld in einer wesentlich schlechteren Position als jeder Zuschauer vor dem Bildschirm.

Der Schiedsrichter ist sozusagen aussichtslos. Er betrachtete die Welt immer noch von seinem vereinzelten Standpunkt aus, der einen heute angesichts der elektronischen Multiperspektive hoffnungslos ins Hintertreffen geraten lässt. In kritischen Situationen auf dem Spielfeld muss der Schiedsrichter aus seiner subjektiven Position heraus entscheiden, obwohl ihn eine beunruhigende Medienobjektivität umgibt: Der träge Zuschauer auf dem Sofa sieht im Lauf der nächsten Sekunden die Situation aus unterschiedlichen Kamerapositionen, in Zeitlupe wiederholt, vielleicht noch grafisch verstärkt, und kann sich ein - dem Fußball angemessenes - rundes, ganzheitliches Bild machen.

Nun geht es um Fragen wie die, was eigentlich freie Meinungsäußerung bedeutet, wenn sie plötzlich tatsächlich stattfindet - nicht mehr nur handverlesen auf Leserbriefseiten oder in repräsentativen Debatten, sondern wenn plötzlich haufenweise und ungebremst drauflosgemeint wird. Das Meinen ist wilder, vitaler und unkontrollierter geworden. Durch das Netz haben sich die Medien in etwas verwandelt, dem man nicht mehr einfach nur Informationen oder Unterhaltung entnimmt. Unsere Medien sind heute Lebensräume, in denen wir uns aufhalten, arbeiten, spielen und sozialisieren. Auch das wünsche ich mir: in einer digitalen Welt zu leben, die komplex ist. Kultur bedeutet immer eine Zunahme an Unterschieden, eine Zunahme an Vielfalt und Optionen. „Small is beautiful“ – dieser Begriff stammt von dem 1994 verstorbenen österreichischen Philosophen Leopold Kohr. Im September 1941 hat Kohr in der amerikanischen Zeitschrift „The Commonweal“ einen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel: „Einigung durch Teilung. Gegen nationalen Wahn, für ein Europa der Kantone“. Darin kommt er zu dem Schluss, dass Demokratie sich nur in kleinen Einheiten entfalten kann.

Eine solche Gesellschaftsform, genauer gesagt: solche Gesellschaftsformen, die wegen ihrer beabsichtigten Kleinteiligkeit naturgemäß etwas mühevoller zu betreiben sind, könnten auch einModell für ein anderes großes System abgeben, dessen Demokratisierung allerdings rst noch bevorsteht, nämlich für Google. Allein die schiere Größe und Dominanz, die diese Firma in der digitalen Welt erreicht hat, lässt einen unwillkürlich nach Alternativen Ausschau halten. Ich möchte in einer digitalen Gesellschaft leben, in der nicht eine einzige Firmanach undurchsichtigen Kriterien darüber bestimmen kann, ob und wo etwas in einer Trefferliste auftaucht und sich das zum Beispiel auf Wohl und Wehe einer Biografie oder einer wirtschaftlichen Existenz auswirkt.

Google und der Kampf der Titanen


Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, wie man beispielsweise die vielen kleinen Alternativen zu Google in einen offenen Verbund bekommen kann oder neue, bessere – das heißt: transparente und unabhängige – Möglichkeiten der Suche erproben kann. Das suchen im Netz hat inzwischen weltweit eine Dimension erreicht, die es sowohl bedenklich erscheinen lässt, die technische Infrastruktur dazu in den Händen eines börsennotierten Unternehmens zu belassen, als auch sie als ein potenzielles Kontrollinstrument von noch nie dagewesenen Ausmaßen in staatliche Hände zu legen. Der Titanenkampf zwischen den Suchmaschinen von Google und Microsoft wird, wie immer er endet, keine grundlegenden Veränderungen nach sich ziehen, sondern nurMarktanteile verschieben. Interessant sind Ansätze wie etwa die von Michael Christen initiierte Open-Source-Suchmaschine YaCy („Yet another Cyberspace“), die nach dem Peer-to-Peer-Prinzip in der Art von Tauschbörsen arbeitet. Dabei gibt es keinen zentralen Server, sondern alle Teilnehmer daran sind gleichwertig. Wie die Zukunft des Suchens aussehen wird, ist schwer zu prognostizieren –ein großes technologisches Konzept hat sich bisher so entwickelt, wie sich das seine Urheber vorgestellt haben.

Die Aufklärung fortführen


Ich wünsche mir auch, in einer digitalen Gesellschaft zu leben, in der das Projekt der Aufklärung mit aller Kraft fortgeführt wird. Information wird die Welt retten, so lautete die Vision der Neunziger. Aber Begriffe wie das schöne Wort vom lebenslangen Lernen sagen uns, dass Wissen immer schneller von Entwertung bedroht ist. Wo also stehen wir heute? Noch sind nicht ganz so viele Menschen wie im Mittelalter davon überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber daran, dass sich solche Überzeugungen verbreiten, wird gearbeitet.

Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunlicheFortschritte. Vor zwei Jahren berichtete der britische „Guardian“ von einem Mann, der seit 40 Jahren seine Nachbarschaft unterminiert. William Lyttle, den die Nachbarn den Maulwurfmann nennen, gräbt von seinem Haus im Londoner Stadtteil Hackney aus seit denspäten sechziger Jahren Tunnel.Er vernetzt den Untergrund. Behördliche Messungen mit Ultraschallscannern gaben Hinweise auf bis zu acht Meter tiefe Tunnels, die von Lyttles Haus an die 20 Meter in alle Richtungen ausstrahlen. Lyttle behauptet, er habe sich ursprünglich einen Weinkeller graben wollen, der im Lauf der Zeit etwas größer geworden sei. Vor fünf Jahren war der Gehsteig vor dem Haus eingebrochen. Ein Nachbar bringt zum Ausdruck, was Briten für Individualisten empfinden: „Wir möchten nicht, dass diesem Mann etwas Böses geschieht. Er arbeitet hart. Bedauerlicher Weise setzt er seine Energien nicht in die richtige Richtung ein.“ Das ist Gemeinschaftsgeist. In einer solchen vernetzten Gesellschaft möchte ich leben."


Kommentare (1)
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Westfale,
14.10.2010
Macht weiterhin für wenige
Die Lenkung der öfentlichen Meinung in Sachen Stg 21 durch traditionelle Medien ist ein unschönes Beispiel dafür, dass die Macht nicht in der Blogosphäre liegt - sie liegt in den Bildern! Nach der Donnerstagsdemo war doch die Sucht der Medien nach einem Bild - wie es dann leider der augenverletzte Herr bot - spürbar. Die Wirkung der Bilder vom Tod des palestinensischen Jungen und des napalmversengten Kindes ist jedem Journalisten klar. Weder bei 'Beckmann', noch bei 'Illner', noch etwa bei Herrn Kümmel in der 'Zeit' - der im Schlosspark Augenzeuge war - ein Hinweis darauf, ob und wie seitens der Polizei gewarnt wurde.
Und in die Gesprächsrunde wurde nicht etwa jemand geladen, der an einer aktuellen Zulaufstrecke lebt und vom Verschwinden des Zuglärms profi-
tieren würde, sondern eine distinguierte ältere Dame 'am Hang über Stuttgart' wohnend, die ihre nostalgisch/diffusen Ängste über den Verlust 'ihres' Bahnhofs und vor 'gigantischen' Baustellen darlegen durfte. Dann kam es zum eigentlichen Grund der Einladung: 'Ich kann die CDU nicht mehr wählen'.
Das hat nämlich viele Medien elektrisiert, mit dem Hebel der Stg-Demonstrationen die Landes- und Bundeskoalition zu kippen!
In der ZEIT etwa ist von verschiedenen Autoren im Zusammenhang mit Hartz IV oder Studiengebühren beklagt worden, dass die Jugend und die betroffenen Bürger zu brav seien und nicht rebellierten.
Und dann liefern die mittelalten, 'g e i s c h t v o l l e n' Stuttgarter Bürger wunderbarerweise die sehnlich herbeigewünschten Aktionen.
Ob sie dabei ein wenig auch 'nützliche Idioten' spielen!?
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