Kambodscha

Das Erbe der Khmer

Beate Köhne, veröffentlicht am 18.10.2009
Foto: Beate Köhne

Abtauchen in ein Land, das im Rhythmus des Regens lebt.

Natürlich träumt auch Sitha Sam oft von einem Leben an Land. Wenn er seine müden Knochen abends in der Hängematte ausstreckt und eine Welle sein Haus zum Tanzen bringt. Wenn die Fische nicht anbeißen. Oder wenn er einfach mal wieder feststellen muss, dass es Wochen her ist, seit er festen Boden unter den Füßen gehabt hat. Dann wünscht sich der 42-jährige Fischer einen Ort, an dem alles unverrückbar an seinem Platz steht. Weit weg also von seinem Dorf Chong Khneas, in dem es weder Straßen noch Bürgersteige gibt, sondern nur Wasser soweit das Auge reicht.

Sitha Sams Vorgarten ist ein holzverkleideter Ponton, auf dem das Gemüse in Blechdosen gedeiht. Die Wäsche trocknet auf einer Leine, die entlang der hölzernen Fassade gespannt ist. Hühnerkäfige aus Schilfrohr sind auf leeren Plastikkanistern vertäut, und wenn er morgens mal nicht zum Fischfang ausfährt, dann grüßen ihn die Kinder, die in Booten zur Schule paddeln.

"Ohne Wasser könnte ich nicht leben", sagt Sitha Sam, und lässt den Blick über die glitzernde Oberfläche des Tonle Sap schweifen. Sitha hat nicht genug Geld, um sich Land zu kaufen. Tonle Sap, der größte Süßwassersee Südostasiens, ernährt ihn und ist sein Heim geworden. Rund drei Millionen Menschen leben am, aber auch mitten auf dem Wasser so wie Sitha Sam.

Ohne diesen gewaltigen See im Zentrum des Landes gäbe es in Kambodscha kaum Fisch, deutlich weniger Reis und längst nicht so viele Touristen. Alle kommen sie heute angereist, um Angkor zu sehen, die alte Königsstadt, die größte Tempelanlage der Welt. Hätten sich aber die Khmer einst nicht so intensiv mit dem Wasser beschäftigt, wäre sie wohl nie erbaut worden.

Sicher an der Erde angeleint, erhebt sich alle 15 Minuten ein Fesselballon nahe des Haupttempels Angkor Wat. Am späten Nachmittag stehen die Besucher Schlange, denn jetzt beginnt die Stunde, in der die berühmten Sandsteintürme leuchten. Goldgelb ragen sie aus einem Meer von grünen Baumwipfeln empor, breite Wassergräben umgeben die Anlage. Aus der Luft ist auch das riesige Westliche Baray im Nordwesten gut zu erkennen. In solchen Becken, in Kanälen und Reservoirs fingen und lenkten die Khmer das Wasser im großen Stil. Ihr Lohn: Drei Ernten statt einer pro Jahr. Endlich musste sich nicht mehr jeder um Nahrung kümmern – es konnte gebaut werden. Angkor bedeutet "die Stadt" in der Sprache der Khmer. Vom 9. bis zum 15. Jahrhundert lebten hier zeitweise bis zu einer Million Menschen, Angkor hatte ähnliche Ausmaße wie heute Los Angeles. Warum die Stadt zugrunde ging? Theorien gibt es viele: Überbevölkerung, Misswirtschaft, Kriege. Es könnte aber auch am Wasser gelegen haben. Ohne Wasser wird die Nahrung knapp, Feinde haben ein leichtes Spiel. Fast 150 Jahre, nachdem der Franzose Henri Mouhot die Anlage wiederentdeckte, sind noch immer viele Fragen ungeklärt.

Schon früher spielte sich das Leben am Wasser ab. Auf den Reliefs am Bayon-Tempel fahren Fischer zum Fang aus, Fische und manchmal auch Krokodile tauchen unter ihren Booten hinweg, Reusen liegen in der Sonne zum Trocknen aus. Am großen Tonle Sap See sah es damals genauso aus wie heute. Auf einem Stein hängen die Fische und allerlei sonstiges Seegetier allerdings hoch oben in den Baumwipfeln – eine rätselhafte Märchenwelt, die am Tonle Sap so jedes Jahr aufs Neue zu sehen ist.

Jagen die Monsunwolken übers Land und schütten ihre Last wie aus Kübeln übers Land, dann tritt der See über seine Ufer. Kilometerweit überschwemmt der Tonle Sap das Festland, so lange, bis er auf seine fünffache Größe angeschwollen ist und ein Drittel des gesamten Farmlandes bedeckt. Anderswo knicken Reispflanzen unter der Last des Regens. In Kambodscha aber versinken ganze Wälder. Erst im Oktober, wenn der See wieder auf Normalmaß schrumpft, tauchen ihre Wipfel wieder auf. Zurück bleiben nicht nur fruchtbare Ackerflächen, sondern auch mancher Mekongwels im Geäst.

Die wundersame Vermehrung des Wassers ist zwar einzigartig, hat aber eine logische Erklärung. Wenn im Himalaya der Schnee schmilzt und dann auch noch der Monsun beginnt, strömen aus China die Wassermassen des Mekong herbei. Die drücken den Fluss Tonle Sap – entgegen seiner Fließrichtung – in den 300 Kilometer entfernten gleichnamigen See zurück. So geschieht es seit Jahrhunderten, und es ist gar nicht auszudenken, was geplante Staudämme in China für die arme Landbevölkerung Kambodschas bedeuten würden.

Die Menschen haben sich seit Jahrhunderten auf die lebensspendenden Fluten eingestellt. Sie ziehen mit der Uferlinie umher, ihre Behausungen auf schwimmenden Plattformen oder auf Pickups im Schlepptau. Sie bauen ihre Häuser am Seeufer auf Stelzen, wo sie für vier Monate zu wasserumspülten Inseln werden. Oder sie ziehen mehrmals täglich um, so wie Sitha Sam, auf der Suche nach einem windgeschützten Platz für das schwimmende Heim.

Noch sorgen in seinem Dorf nur die Langboote der Touristen für Wellengang. Seit das nahe Siem Reap innerhalb weniger Jahre seine Einwohnerzahl verdreifacht hat, ist Chong Khneas zu einem beliebten Ausflugsziel geworden. Tagsüber wirkt das Zentrum von Siem Reap wie ausgestorben. Erst abends füllen sich die Straßen und die Bars, denn dann kehren die Reisenden mit müden Füßen aus Angkor oder vom Tonle Sap zurück. Darum gibt es "Dr. Fish": Auf dem Nachtmarkt Phsar Chas bietet er eine halbstündige Massage der besonderen Art an. Seine Angestellten schwimmen in einem Becken von einem Quadratmeter Größe. Seine Kundinnen, zwei Australierinnen im Minirock, hocken auf dem Beckenrand und kriegen sich vor Lachen nicht mehr ein. Ein Schwarm winziger Fischlein knabbert eifrig an ihren Füßen. Die beiden kichern so ausgelassen, dass alle Passanten neugierig stehen bleiben. "Dr. Fish" verspricht jedem, der bei ihm nicht glücklich wird, seine drei Dollar zurück. Auch an diesem Abend darf er sein Geld behalten. "Mian dtoek, mian treu" heißt ein kambodschanisches Sprichwort: Wo es Wasser gibt, gibt es Fische. Das gilt sogar in der Hauptstadt. Im Vergleich zum beschaulichen Siam Reap ist Phnom Penh eine tosende Großstadt, aber eine mit viel Wasser. Vier Flüsse fließen hier zusammen: Der Obere Mekong, der Tonle Sap, der Untere Mekong und der Bassac. Am Sisowath Quay laden zwei Frauen Fische aus einem hölzernen Kahn, um sie auf dem nahen Psar Thmei Markt anzubieten. Straßenhändler schieben Handkarren durchs Gedränge, auf denen sie braune Flussmuscheln in Chilisoße anbieten, werden überholt von Fahrradtaxen mit überdachter Sitzbank, Mopeds, Bussen und überraschend vielen neuen Geländewagen, mal rechts, mal links, alles fließt. Geisterfahrer werden toleriert, jeder hat jederzeit alles im Auge. Nachmittags ab fünf dann kommt der Verkehr zum Erliegen. Jetzt ist es Zeit, die Stadt zu verlassen. Wer als Fußgänger die River Front erreichen möchte, wo die bunt bemalten Ausflugsschiffe ablegen, muss mit dem Strom schwimmen. Nur dann besteht eine Chance, breite Straßen oder große Plätze zu überqueren. Erst mal an Bord, verschwindet die Stadt schnell außer Sicht. Bald ist nur noch das Tuckern des Bootsmotors zu hören. Kaum am Mekong, tauchen schon wieder die ersten schwimmenden Häuser auf. Malerisch sehen sie von weitem aus, während warm der Fahrtwind schmeichelt. Ist aber erst mal die Sonne untergegangen, dann wird er auch hier geträumt, der Traum von einem Leben an Land.Beate Köhne

Info Anreise: Air Berlin fliegt von Berlin und Düsseldorf bis Bangkok, von dort geht es weiter mit Bangkok Airways nach Siem Reap oder nach Phnom Penh. Am Flughafen wird für 25 US-Dollar ein 30-Tages-Visum ausgestellt (zwei Passfotos mitnehmen). Von Phnom Penh aus ist Siem Reap auch per Boot für etwa 20 Euro zu erreichen.

Veranstalter: Eine 13-tägige Reise nach Angkor, Siem Reap und Phnom Penh bietet Geoplan Reisen ab 1.950 Euro an, www.geoplan-reisen.de oder Tel. 030 / 79742279. Reisen nach Thailand veranstaltet unter anderem auch Gebeco (Tel. 04 31 / 54 46 - 0, www.gebeco.de).

Reisezeit: Die Temperaturen sind ganzjährig hoch. Die Regenzeit bis Oktober halten einige für die beste Reisezeit, weil die Tempel von Angkor nicht so überlaufen sind. Zur Trockenzeit von November bis Februar sind die meisten Touristen dort.

Auskunft: Indochina Services, Telefon 0 81 51 / 770250, www.indochina-services.com.
 

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