Managerinnen-Netzwerk

Die gläserne Decke gibt es immer noch

StZ/StN, veröffentlicht am 18.10.2009
Foto: dpa

Stuttgart - "Frauen haben einen viel höheren Anspruch an sich selbst als ihr berufliches Umfeld an sie. Oft nehmen sie zu früh den Fuß vom Gas und mäandern auf das Ziel zu, Männer gehen direkt drauflos." Martina Merz spricht von ihren Erfahrungen als Frau im Top-Management. Sie leitet den weltweit agierenden Bereich Vertrieb Chassis Systems Brakes bei der Robert Bosch GmbH. Sie saß mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Ute Kumpf und Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von Unicef Deutschland, auf der Bühne des Wilhelma Theaters Stuttgart. Der Anlass: Das Europäische Managerinnen-Netzwerk (EWMD) Baden-Württemberg feiert seinen 20. Geburtstag. EWMD steht für European Women's Management Development International Network. Es ist in 25 Ländern weltweit tätig und hat heute mehr als 700 Mitglieder, individuelle und Firmen wie die Daimler AG, Deutsche Telekom, Ernst & Young AG oder die Fraunhofer Gesellschaft.

Das Netzwerk ging 1984 aus einer Initiative des EFMD (Vereinigung Europäischer Business Schools) in Brüssel hervor, der EWMD-Ableger in Stuttgart wurde dann 1989 von gerade mal 20 Frauen gegründet. Das Ziel: die Qualität des Managements durch die Weiterentwicklung und Förderung des Potenzials weiblicher Führungskräfte zu erhöhen, dabei sich branchenübergreifend sowie international über Erfahrungen und Entwicklungen im Management auszutauschen. Und was dieses Netzwerken bisher gebracht hat, ist freilich auch an diesem Abend ein Thema.

Denn es gibt sie noch, die berühmte gläserne Decke, die Frauen hindert, in die absoluten Top-Positionen vorzustoßen. "Das hat auch mit Rollenvorbildern zu tun", so Regine Stachelhaus, die einst in der Geschäftsführung bei Hewlett Packard saß. "Mentoren sind wichtig, das können Männer sein. Aber es ist schwerer, mit Männern zu sprechen, die im traditionellen Familienmodell mit Frau zu Hause leben." Männer stellten oft gerne eher Männer ein.
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Potenzial nicht ausreichend erkannt

Ein Phänomen, das in einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung als "homosoziale Reproduktion" beschrieben wird: Neben der nach wie vor schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie tendierten Entscheider unterbewusst dazu, Personen zu befördern, die Ähnlichkeiten mit ihnen selbst hätten. Je weniger Frauen oben seien, desto schlechter stünden die Chancen für andere Frauen, nach oben zu kommen. Auch der Soziologe Carlos Wippermann, der die gläserne Decke untersucht hat, hat erfahren, dass es unter Männern "latente Mentalitätsmuster" gibt, die schwer auszuhebeln sind. Während der konservative Mann Frauen als Irritation im "inner circle" sehe, gehe der mit emanzipierter Grundhaltung davon aus, dass Frauen chancenlos gegen Machtrituale seien. Sie glaubten, Frauen hätten nicht die Härte für einen Vorstandsposten. Der "radikal individualistische Typus" wiederum glaube, es gebe nicht genügend Frauen, die authentisch und flexibel genug für den Job seien. "Die gläserne Decke ist dreifach gesichert", so Wippermann im "Zeit"-Interview.

Dass es anders geht, zeigen 27 Beispiele in dem Buch "Erfolgsfaktor Frau in Management und Führung", das das EWMD zum Jubiläum publiziert hat. Damit wolle man Entscheidern in Unternehmen Anhaltspunkte geben, wie sie Frauen unterstützen könnten, so Mechthild Kreikle, Vorstandssprecherin von EWMD Baden-Württemberg: "Das Potenzial von Frauen wird oft noch nicht ausreichend erkannt." Dabei würden weibliche Führungskräfte angesichts des demografischen Wandels, der Wirtschaftskrise und des drohenden Fachkräftemangels stärker in den Fokus rücken. "Unsere Chancen sind gut wie nie." Deutlich wird auch, dass Frauen mitunter erst lernen müssen, sich selbst etwas zuzutrauen, hinzustehen und ihren Wert zu kommunizieren. Sie planten genauer, bevor sie etwas "unternehmen", verließen Firmen erst, wenn der Leidensdruck hoch sei. "Ihnen ist das Miteinander und das menschliche Klima wichtig", so Stachelhaus.

Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland selten. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Unternehmensführung (IBU) über Frauen in der obersten Managementebene der 600 wichtigsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands hat sich dieser zwar in zehn Jahren verdoppelt, liegt aber noch auf extrem niedrigem Niveau und ist seit 2005 leicht rückläufig. Nur 2,4 Prozent Frauen sind unter den Vorständen. In den Aufsichtsräten der Unternehmen saßen im Jahr 2008 immerhin 8,2 Prozent Frauen. Die meisten davon, 63 Prozent, waren Vertreterinnen der Arbeitnehmerseite. Besser, aber noch schlecht im europäischen Vergleich, sehen die allgemeinen Daten aus: Laut Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg übten im Jahr 2007 annähernd 189.000 Männer, jedoch nur rund 52.000 Frauen eine Führungsposition aus. Im Vergleich mit anderen Bundesländern liegt dabei Baden-Württemberg mit einem Frauen-Anteil unter den Führungskräften von 22 Prozent knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 23 Prozent. Nach Eurostat rangiert damit Deutschland hinter Griechenland und Zypern.

Viele hoch qualifizierte Frauen

Dabei hat es laut Wirtschaftsminister Ernst Pfister noch nie so viele gut ausgebildete und hoch qualifizierte Frauen in Baden-Württemberg gegeben wie heute. "Doch noch immer sind sie in allen naturwissenschaftlichen und technischen Berufen ebenso wie in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert, und noch immer sind sie es, die Familie und Beruf vereinbaren müssen", sagt er. Und er betont zudem, dass Frauen immer noch weniger verdienen. Im Jahr 2008 hätten nur knapp 28 Prozent aller vollzeitbeschäftigten Akademikerinnen, aber rund 62 Prozent der männlichen vollzeitbeschäftigten Akademiker ein monatliches Nettoeinkommen von 2600 Euro und mehr, so der Minister. "Frauen- und Familienförderung ist für mich deshalb ein strategisch ökonomisches Thema."

Um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, engagiere sich daher das Land bei Aktivitäten wie Girls' Days oder Frauenwirtschaftstagen. Letztere gingen just zum fünften Mal durchs Land: Mit Mitstreitern wie den Kontaktstellen Frau und Beruf, den Agenturen für Arbeit, den Industrie- und Handelskammern und den Handwerkskammern wurden an 57 Orten über 90 Seminare, Vorträge, Workshops oder Kongresse angeboten, um "Frauen, Männer und Betriebe" zu informieren, was Frauen der Wirtschaft bringen.

Längst gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass weibliche Führungskräfte den Firmenwert steigern. Wer keine Frauen nach oben lässt, verspielt demnach Milliarden. Die Unternehmensberatung McKinsey hat in ihrer Studie "Women Matter" nachgewiesen, dass Unternehmen, in denen mehr als zwei Frauen in der Führungsebene sind, stärker wachsen als die Konkurrenz, sie zudem höhere Gewinne und Aktienkurssteigerungen erzielen. Der Grund: geschlechtliche Vielfalt nutzt, Einfalt schadet. So sinken die Motivation der Mitarbeiter und die Produktivität bei reiner Männerwirtschaft. Es sind die Unterschiedlichkeit und sich ergänzende Verhaltensweisen, die eine Firma stark machen. Gemäß der Untersuchung würden Frauen häufiger dazu beitragen, Dimensionen wie Arbeitsumgebung und Werte, Verlässlichkeit oder Führungsteam voranzutreiben, während Männer mit "Kontroll- und Korrekturverhalten" und individualistischen Entscheidungen bei Koordination und Kontrolle zugange sind.

Hemmnisse beseitigen

Nach den Forschern verzichtet, wer nicht Frauen und Männer in den Chefetagen hat, auf eine Hälfte des Genpools und dessen Kreativität. Übrigens wird auch von Analysen der London School of Economics bestätigt, dass eine Firma umso innovativer ist, je ausgewogener das Verhältnis von Frauen und Männern in der Führungsebene ist. Ein Chief Executive Officer einer Mediengruppe bestätigt: "Nur wenn es eine kritische Masse an Frauen gibt, deren Verhaltensmuster das der Männer ergänzt, wächst die Leistung signifikant." Konzerne arbeiten bereits an sogenannten "Diversity-Programmen". So will Daimler seinen Frauenanteil in den Führungsebenen - derzeit um zehn Prozent - um einen Prozentpunkt pro Jahr steigern. Bei IBM Deutschland gibt es gar in der Frauenförderung eine Zielvereinbarung für Manager. Wenn die Quote nicht stimmt, schrumpft auch der Bonus.

Eine gesetzliche Quote fordern auch manche Experten, statt der bisher freiwilligen Verpflichtung. Seit 2008 müssen in Norwegen börsennotierte Unternehmen in ihren Aufsichtsräten 40 Prozent Frauen haben - dort sitzen nun 44,2 Prozent Frauen.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA will Chancengleichheit von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt, aber keine Quote oder geschlechtsspezifische Privilegien. Frauen brauchten bessere Chancen zur Verwirklichung ihrer Berufskarriere, so der BDA-Pressesprecher Heinz Schmitz. "Es gilt, die Hemmnisse zu beseitigen, die Frauen bei ihrer beruflichen Entwicklung hindern. Dazu zählen insbesondere eine nach wie vor unzureichende Kinderbetreuungsinfrastruktur, ein gesellschaftlich tradiertes Rollen- und Berufswahlverhalten von Frauen wie auch Fehlanreize im Steuer- und Sozialversicherungsrecht."

EWMD Baden-Württemberg e. V., Dr. Mechthild Kreikle, Gabi Mailer-Güttler, Heike Tyrtania (Herausgeberinnen): Erfolgsfaktor Frau in Management und Führung, 128 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-00-027719-1.

Silke Becker: Die unternehmen was! Von der Gründung zum Erfolg. Unternehmerinnen berichten, wie sie es geschafft haben, Gabal Verlag, 203 Seiten, 24,90 Euro.

 

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