StZ-Campusserie "Clever studieren" (4) Kampf der Kulturen

Alexander Mäder, veröffentlicht am 22.10.2009
Eine Kluft zieht sich seit jeher durch die Reihen der Geistes- und der Naturwissenschaftler. Foto: AP

Stuttgart - Von Charles Percy Snow sind vor allem zwei Bildungsfragen in Erinnerung geblieben: Haben Sie eines von Shakespeares Dramen gelesen, lautet die eine. Kenne Sie den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, die andere. Gebildete Menschen, so Snows These, würden oft eine der Fragen mit Ja und die andere mit Nein beantworten. Demzufolge teilte Snow die gebildeten Menschen in zwei Gruppen ein, die sich wenig zu sagen haben, weil sie nicht dieselbe Sprache sprechen und keine gemeinsame Wissensbasis teilen. Im Mai 1959 stellte er diese Beobachtungen in einem Vortrag an der Universität Cambridge vor, im Herbst des Jahres erschien sein einflussreiches Buch der "Zwei Kulturen".



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Snow sah das Verhältnis zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern nicht symmetrisch. Er störte sich vor allem daran, dass gebildete Geisteswissenschaftler sich der Physik und Mathematik verweigerten. Die Physik baue ein imposantes Gebäude – gemeint sind die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik – und viele intelligente Leute verstünden davon so viel wie ihre neolithischen Vorfahren, klagte Snow. Und die mangelnde Kommunikation zwischen den beiden Kulturen behindere die Lösung wichtiger Probleme der Menschheit. Um die Armut zu bekämpfen, müsse man kooperieren.

Die These und ihr Kampfbegriff der zwei Kulturen haben sich gehalten. Das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" präsentierte zum 50. Jubiläum von Snows Vortrag einen Schwerpunkt dazu. In einem Leitartikel hielt das Journal fest, dass die Grenzen zwischen den "Kulturen" heute "durchlässiger" seien als je zuvor. Doch in der anschließenden Diskussion traten durchaus bekannte Argumente auf: Einer der Kommentatoren schlug vor, die Frage nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik mit der Frage zu vergleichen, was der Begriff Dekonstruktion im Werk des französischen Philosophen Jacques Derrida bedeute. Dieser Vorschlag offenbare die Ignoranz im Lager der Geisteswissenschaften, lautete eine Erwiderung.

In den neunziger Jahren wurde aus dem Kampf der "Kulturen" eine Auseinandersetzung, die von manchen als "Wissenschaftskrieg" bezeichnet wurde. Der denkwürdigste Beitrag zu dieser Debatte war ein Artikel in einer sozialwissenschaftlichen Zeitschrift, der sich dem Titel nach mit einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation befasste. Dem Physiker Alan Sokal war es 1996 gelungen, den Herausgeber des Journals davon zu überzeugen, den vor unsinnigen physikalischen Metaphern strotzenden Artikel zu veröffentlichen. Er hielt ihn offenbar für brauchbar; Sokal hatte ihn aber als Scherz gemeint und dafür nach eigener Aussage die "unsinnigsten Zitate" über die Naturwissenschaften herangezogen, die er finden konnte.

Der Soziologe Bruno Latour wies damals darauf hin, dass man nicht viel aus der Tatsache lerne, dass sich ein Herausgeber einer Zeitschrift davon blenden lässt, dass ein Physiker mit geisteswissenschaftlichen Kenntnissen aufwarte. "Die Zeit des Von-oben-Herabblickens ist genauso vorbei wie die des Minderwertigkeitskomplexes", schrieb er damals. Heute ist es tatsächlich kein Problem mehr, täuschend echte Fachartikel zu formulieren – das tun Computer. Ein nach dem Zufallsprinzip generierter Artikel des Programms SCIgen wurde 2005 als Beitrag zu einer Informatiktagung akzeptiert.

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Das Programm SCIgen liefert für jeden Autorennamen einen individuellen Informatikartikel mit Schaubildern und Literaturverzeichnis »

Dieser Generator von postmodernistischen Texten hat schon fast vier Millionen Essays produziert »

Sätze, die vom Sprachwissenschaftler Noam Chomsky stammen könnten, aber frei erfunden sind »

Ein Generator für technische Projektanträge auf Englisch »

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