Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Freitag, 10. Februar 2012

Stuttgart, Region & Land


Contra: Funktioniert nicht Fachübergreifende Kooperation

Alexander Mäder, veröffentlicht am 22.10.2009
Wissenschaftsphilosophen untersuchen zum Beispiel, warum sich die Relativitätstheorie Albert Einsteins so rasch durchsetzte. Foto: AP

Stuttgart - In keinem Antrag auf Fördermittel darf er fehlen: der Verweis auf die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. Besonders deutlich wird das bei der Exzellenzinitiative, dem Wettbewerb der Hochschulen um den Titel der Eliteuniversität. Die geförderten Einrichtungen sollten "dem Gedanken der interdisziplinären Integration Rechnung tragen", heißt es in einem Merkblatt für Antragsteller. Aber bedeutet das auch, dass sich die Vertreter verschiedener Fachrichtungen später in den Kolloquien und Tagungen etwas zu sagen haben? Ein Beispiel aus dem Studienalltag: in der Philosophie gibt es die Fachrichtung Wissenschaftsphilosophie, die sich mit der Entwicklung der Wissenschaften befasst.



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Wissenschaftsphilosophen untersuchen zum Beispiel, warum sich die Relativitätstheorie Albert Einsteins so rasch durchsetzte. Sie entstand schließlich am Schreibtisch, ohne ein einziges Experiment, und viele ihrer Aussagen ließen sich damals noch nicht bestätigen. Nach welchen Kriterien gehen Physiker vor, wenn sie neue Theorien prüfen?

Bei solchen Themen einen Physiker zu befragen ist so hilfreich, wie einen Künstler sein Kunstwerk erläutern zu lassen: Manche sind durchaus reflektiert und können scharfe Analysen beisteuern, aber bei vielen wünscht man sich, sie würden bei ihren Leisten bleiben. Es gibt nicht viele Physiker, die begreifen, dass ihnen Wissenschaftsphilosophen womöglich etwas voraus haben: die gründliche Beschäftigung mit dem Theorienwandel der Physik. In Diskussionen sehen sie die Interpretationshoheit bei sich.

Eine ähnliche Spannung ist auch in den Feuilletons der vergangenen Jahre zu spüren, die sich mit der Frage des freien Willens auseinandersetzen. Da gibt es zum Beispiel Experimente, die im Gehirn bei einer Entscheidung große Aktivität anzeigen, bevor der Proband seine Entscheidung getroffen hat. Klarer Fall, sagen die Hirnforscher. Im Gehirn kommt nach den Gesetzen der Biologie eine Entscheidung zustande, die dem Menschen erst nachträglich bewusst wird. Wir glauben nur, dass wir frei entscheiden. Unsinn, sagen die Philosophen, die sich schon viele hundert Jahre länger mit solchen Fragen beschäftigen. Wenn wir von einer Entscheidung reden, meinen wir nicht die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn, sondern unser bewusstes Bekenntnis zu einer Handlungsoption. Und zu der so verstandenen Entscheidung trägt das Experiment nichts bei.

Es gibt viele weitere einschlägige Experimente zur Willensfreiheit, aber schon diese kurze Darstellung zeigt einen zentralen Punkt, an dem die Debatte seit Jahren nicht weiterkommt. Kann man von einer gegenseitigen Befruchtung sprechen, wenn sich eine fachübergreifende Diskussion im Kreis dreht?

Die Ursache liegt, fachlich gesprochen, in den Anreizstrukturen des Wissenschaftssystems. In der Forschung zählen nur aufsehenerregende Artikel in angesehenen Fachmagazinen. Die allermeisten Journale sind sehr spezialisiert und fördern damit die Vertiefung in spezielle Probleme. Allgemeine fachübergreifende Artikel werden nur selten publiziert. Warum sollte sich ein Wissenschaftler, der Vorlesungen hält, Prüfungen abnimmt und Seminararbeiten korrigiert, in der übrigen Zeit noch in ein fremdes Fachgebiet einarbeiten? Die Zeit wird für Experimente, Fachlektüre und das Schreiben eines neuen Artikels für ein Spezialmagazin benötigt. Nur wenn er einem Kollegen im Kolloquium eines interdisziplinären Exzellenzprojekts zuhört, denkt er über das andere Fach nach - und kommt meist über ein Kopfschütteln nicht hinaus.

In der Öffentlichkeit ist es noch schlimmer: die Ablehnung aller Disziplinen, die Formeln enthalten, ist heute so groß wie zu Zeiten von Charles Percy Snow. Die Abgründe der Allgemeinbildung sind weiterhin zu bestaunen.


Kommentare (1)
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Ingo-Wolf Kittel, Augsburg,
22.10.2009
Hinweis
Einen "allgemeinen" Artikel zur Diskussion über Art und Grundlage unserer Willensfreiheit hat soeben der Oldenburger Psychologe Christoph Herrmann in der November-Ausgabe des populärwissenschaftlichen Magazins Gehirn&Geist veröffentlicht. Dort beschreibt er ein Experiment, dessen Daten die Deutung widerlegt, nach der diejenigen Daten interpretiert wurden, die man bei den Experimenten erhalten hat, von denen im Artikel die Rede ist!

Willenspsychologisch war diese Deutung sowieso noch nie plausibel und entsprechend umstritten. Nur kennen oder berücksichtigen Hirnforscher, aber auch andere Wissenschaftler leider kaum die Kenntnisse, die in der akademischen Psychologie über Willensbildung und die Umsetzung von Entscheidungen in gewollten Handlungen erarbeitet worden sind. Zu ihrer Weiterentwicklung haben neurophysiologische Untersuchungen seit längerem nichts weiter beigetragen. Dabei waren es gerade Experimente von Neurophysiologen zur Willkürmotorik, die zur Entwicklung der modernen Volitionspsychologie Anlass gegeben haben. Das haben ihre Initiatoren in ihrem Buch "Wille und Gehirn" berichtet!


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