Die Päpstin
Die Heilige Johanna mit Zeigestock
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 22.10.2009
Filmbeschreibung
Was für ein heidnisches Treiben in seinem frommen, weltelendsdüsteren Hause! Der Dorfpriester (Iain Glen), der im Frankenland des 9. Jahrhunderts auch ein mächtiger Dorftyrann ist, hat seine Frau dabei ertappt, wie sie seiner Tochter Johanna eine Gutenachtgeschichte erzählt, in der vom alten Gott Wotan die Rede ist. Der Erzürnte wird seiner Frau das Messer an die Kehle setzen, wird sie mit Fausthieben verprügeln und dann vergewaltigen. Eigentlich müsste diese Szene ziemlich am Anfang von Sönke Wortmanns Bestsellerverfilmung "Die Päpstin" erschütternd wirken. Aber sie befremdet bestenfalls. Schlimmstenfalls wirkt sie unfreiwillig komisch. Denn Wortmann ("Der bewegte Mann"), der zusammen mit Heinrich Hadding auch das Drehbuch geschrieben hat, rückt uns beständig mit einer holzklotzgroben Einfach-wirkt-am-schnellsten-Didaktik zu Leibe.
Die Amerikanerin Donna Cross erzählt in ihrem 1996 erschienenen Roman "Die Päpstin", wie im Mittelalter ein besonders kluges Mädchen gegen die Reduktion aufs Gebärmaschinendasein aufbegehrt. Wie Johanna sich in männlicher Verkleidung Zugang zur Bildung verschafft, die von der Kirche behütet und zensiert wird. Wie sie dann nicht nur der Klosterbruder Johannes wird, sondern sogar Papst in Rom. Damit uns das Ungeheuerliche dieser Leistung deutlich wird, wollen die Filmemacher uns früh konzentriert das absolute Patriarchat erleben lassen.
Leider gerät die Umsetzung dieser Strategie zunächst haarsträubend. Das liegt auch daran, dass Wortmann und Hadding keine Lösung für das Problem der Sprache finden. Historische Treue verringert die Identifikationsmöglichkeiten im Kino, Anpassungen fälschen und verwässern Charaktere und Denkmuster von einst. Zwischen diesen beiden Polen müsste er sich geschickt bewegen, aber Wortmann legt den Figuren nur eine Mischung aus aseptisch modernem Hochdeutsch und geschraubter Kinderbibelbetulichkeit von vorgestern in die Münder, ein Kostümierungskauderwelsch, das die Personen mit ihren ersten Sätzen zu dürftigen Handpuppen schrumpfen lässt.
Nichts leichter also, als dieser internationalen Koproduktion unter deutscher Führung spöttische Verrisse zu schreiben. Haben nicht Volker Schlöndorff und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière lange im Dienste derselben Produzenten an einer "Päpstin"-Verfilmung gearbeitet? Wurde die Zusammenarbeit nicht abgebrochen, weil Schlöndorff öffentlich kritisiert hatte, dass solche Kinoproduktionen nun regelmäßig auch noch Fernsehmehrteiler abwerfen müssen? Erscheint uns nicht die Schauspielerin Johanna Wokalek in der Verkleidung als Mann beständig so weiblich, dass der Film uns nie von der Möglichkeit des Versteckspiels überzeugen kann? Spitzt nicht Wortmann Szene um Szene so zu, dass sich alle Natürlichkeit verflüchtigt?
Doch, das alles stimmt. Wenn etwa der gute Geistliche Aesculapius (Edward Petherbridge) ins Dorf kommt, um Johanna zu unterrichten, steht der schneeweiße lange Haare Tragende in blütenreinem weißem Leinen aufrecht da. Und neben ihm verkrümmt sich in verdrecktem Schwarz der fiese Priester mit fettigen roten Haaren, die auf sein böses Temperament weisen.
Aber diese Plumpheit und Naivität der Inszenierung wird so konsequent durchgehalten, dass sie eine eigene Qualität erlangt. Man gewöhnt sich an die falsche Sprache. Man findet sich ein in den mechanischen Rhythmus, dass einem Szene um Szenen fibelhaft einfach eine Neuigkeit erklärt wird, Johannas Liebe zum Grafen Gerold (David Wenham) etwa, die Krankheit des Papstes (John Goodman), die mörderische Intriganz in Rom, die Charaktere einzelner Bischöfe. Zügig wird klar, dass dieser Film in den althergebrachten Zeigestockmodus einer Heiligenlegende für Kinder und die Schlichtesten der Gläubigen verfällt. Man kann ihn als einen Stoß Sammelbildchen sehen, als Folge von Laiengemälden an der Dorfkapellenwand oder als Bilderrolle eines christlichen Moritatensängers. Zu dieser Perspektive passt dann auch, dass Wokalek immer als Frau erkennbar bleibt: das Vorbildliche der Heiligen soll und darf ja stets aus dem gewöhnlichen Leben wie aus dem Martyrium hervorstrahlen.
Das ist ein ziemlich irrwitziger Aneignungsprozess, weil "Die Päpstin" sich als Film gegen das Kirchenestablishment und Wunderfrömmigkeit begreift, als Attacke auf die starren Traditionen und als Loblied auf das kritische Denken. Diese Oppositionsregung gegen eine autoritäre Kirchenvätergeschichte fällt erzählerisch auf die Indoktrinationstechniken der unbeirrbarsten Kirchendiener zurück. Das kann man als Bankrott oder als freche Subversion deuten. Aber es lässt einen zweieinhalb Stunden lang interessiert eine unzeitgemäße Stilübung verfolgen, die zunächst nur ein Kuttenspektakel zu werden drohte.
Die Amerikanerin Donna Cross erzählt in ihrem 1996 erschienenen Roman "Die Päpstin", wie im Mittelalter ein besonders kluges Mädchen gegen die Reduktion aufs Gebärmaschinendasein aufbegehrt. Wie Johanna sich in männlicher Verkleidung Zugang zur Bildung verschafft, die von der Kirche behütet und zensiert wird. Wie sie dann nicht nur der Klosterbruder Johannes wird, sondern sogar Papst in Rom. Damit uns das Ungeheuerliche dieser Leistung deutlich wird, wollen die Filmemacher uns früh konzentriert das absolute Patriarchat erleben lassen.
Leider gerät die Umsetzung dieser Strategie zunächst haarsträubend. Das liegt auch daran, dass Wortmann und Hadding keine Lösung für das Problem der Sprache finden. Historische Treue verringert die Identifikationsmöglichkeiten im Kino, Anpassungen fälschen und verwässern Charaktere und Denkmuster von einst. Zwischen diesen beiden Polen müsste er sich geschickt bewegen, aber Wortmann legt den Figuren nur eine Mischung aus aseptisch modernem Hochdeutsch und geschraubter Kinderbibelbetulichkeit von vorgestern in die Münder, ein Kostümierungskauderwelsch, das die Personen mit ihren ersten Sätzen zu dürftigen Handpuppen schrumpfen lässt.
Nichts leichter also, als dieser internationalen Koproduktion unter deutscher Führung spöttische Verrisse zu schreiben. Haben nicht Volker Schlöndorff und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière lange im Dienste derselben Produzenten an einer "Päpstin"-Verfilmung gearbeitet? Wurde die Zusammenarbeit nicht abgebrochen, weil Schlöndorff öffentlich kritisiert hatte, dass solche Kinoproduktionen nun regelmäßig auch noch Fernsehmehrteiler abwerfen müssen? Erscheint uns nicht die Schauspielerin Johanna Wokalek in der Verkleidung als Mann beständig so weiblich, dass der Film uns nie von der Möglichkeit des Versteckspiels überzeugen kann? Spitzt nicht Wortmann Szene um Szene so zu, dass sich alle Natürlichkeit verflüchtigt?
Doch, das alles stimmt. Wenn etwa der gute Geistliche Aesculapius (Edward Petherbridge) ins Dorf kommt, um Johanna zu unterrichten, steht der schneeweiße lange Haare Tragende in blütenreinem weißem Leinen aufrecht da. Und neben ihm verkrümmt sich in verdrecktem Schwarz der fiese Priester mit fettigen roten Haaren, die auf sein böses Temperament weisen.
Aber diese Plumpheit und Naivität der Inszenierung wird so konsequent durchgehalten, dass sie eine eigene Qualität erlangt. Man gewöhnt sich an die falsche Sprache. Man findet sich ein in den mechanischen Rhythmus, dass einem Szene um Szenen fibelhaft einfach eine Neuigkeit erklärt wird, Johannas Liebe zum Grafen Gerold (David Wenham) etwa, die Krankheit des Papstes (John Goodman), die mörderische Intriganz in Rom, die Charaktere einzelner Bischöfe. Zügig wird klar, dass dieser Film in den althergebrachten Zeigestockmodus einer Heiligenlegende für Kinder und die Schlichtesten der Gläubigen verfällt. Man kann ihn als einen Stoß Sammelbildchen sehen, als Folge von Laiengemälden an der Dorfkapellenwand oder als Bilderrolle eines christlichen Moritatensängers. Zu dieser Perspektive passt dann auch, dass Wokalek immer als Frau erkennbar bleibt: das Vorbildliche der Heiligen soll und darf ja stets aus dem gewöhnlichen Leben wie aus dem Martyrium hervorstrahlen.
Das ist ein ziemlich irrwitziger Aneignungsprozess, weil "Die Päpstin" sich als Film gegen das Kirchenestablishment und Wunderfrömmigkeit begreift, als Attacke auf die starren Traditionen und als Loblied auf das kritische Denken. Diese Oppositionsregung gegen eine autoritäre Kirchenvätergeschichte fällt erzählerisch auf die Indoktrinationstechniken der unbeirrbarsten Kirchendiener zurück. Das kann man als Bankrott oder als freche Subversion deuten. Aber es lässt einen zweieinhalb Stunden lang interessiert eine unzeitgemäße Stilübung verfolgen, die zunächst nur ein Kuttenspektakel zu werden drohte.
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