Florida

Geheimsache Anna Maria

Dorothee Fauth, veröffentlicht am 29.10.2009
Foto: Fauth

Anna Maria Island, 20.01 Uhr. Da war er! Nur ein Wimpernschlag lang und überirdisch grün. Manche sagen, man sieht ihn nur, wenn man zu viel getrunken hat. Das ist nicht wahr. Es gibt ihn wirklich, den grünen Strahl. Theoretisch kann man das Phänomen der atmosphärischen Lichtbrechung überall dort sehen, wo die Luft ganz klar und der Himmel weit ist, in der Sekunde, in der die Sonnenscheibe am Horizont verschwindet. Die meisten Menschen bekommen ihn jedoch niemals zu Gesicht.

Piratenlegenden erzählen, dass dann eine tote Seele zurückkehrt. Auf Anna Maria Island, eingereiht in die Inselkette vor Floridas Westküste, die von Tampa bis Naples reicht, müssten demnach schon viele Seelen zurückgekehrt sein. Aus dem einfachen Grund, weil der perfekte Sonnenuntergang über dem Golf von Mexiko fast der Normalfall ist und 365 Tage im Jahr gefeiert wird.

In diesen magischen Minuten gehört die ungeteilte Aufmerksamkeit dem Horizont. Auch der Himmel, der ohnehin den ganzen Tag über Wolkengeschichten erzählt von Alligatoren, Schildkröten und Windfrauen (und manchmal auch nur von einem Haufen Blumenkohl) zieht dann noch einmal alle Register und bietet großes Kino in feuerrot, 1001- Nacht-blau, violett und gold, bevor die Dunkelheit alle Farben löscht: das Puderzuckerweiß der endlosen Strände, an die das Meer badewannenwarm schwappt, das glänzende Blattgrün der Seetrauben, die karibisch-fröhlichen Farben der Häuserfassaden.

In Reiseführern ist Anna Maria Island, wenn überhaupt, nur in einem Nebensatz erwähnt. Zu klein ist das Inselchen, zu unberührt von der Bespaßungsindustrie und sowohl vom Jetset- als auch vom seelenlosen Massentourismus noch unentdeckt. Wie auch? XXL sind hier nur die Strände. Es gibt keine Partymeile, nicht eine Bar oder Diskothek – und folglich auch kein Nachtleben. Oder sagen wir so: Es definiert sich anders. Abends trifft man sich auf den Piers am Nordzipfel der Insel, wo die Insulaner das tun, was die meisten Amerikaner in ihrer Freizeit gerne tun: angeln. Und wo Männer, die Zigarette im Mundwinkel, das Bier in der Hand, noch echte Männer sein dürfen.

Auf diesem geheimen Fleckchen Florida hat das Leben einen Gang zurückgeschaltet. Kein Wunder also, dass der Notruf von Suzi Fox am nächsten Morgen großen Aufruhr verursacht. Drei Minuten später, schnell wie die Feuerwehr, sind die Männer von der Kanalreinigung am Einsatzort. Schließlich geht es um Leben und Tod. Suzi Fox hat Spuren entdeckt, die in die verkehrte Richtung führen. Zierliche, kaum sichtbare Spuren von aufgeregt paddelnden Baby-Schildkröten, die in der Nacht geschlüpft waren. Statt Richtung Meer sind sie über die Straße gewuselt und in den Gully gefallen. Sechs Stück haben die Männer an diesem Morgen aus der Kanalisation gefischt.

"Das Problem sind die Lichter", seufzt die Frau von Island Turtle Watch, die die Nester am Strand einzäunen und überwachen. Was für Lichter, um Himmels Willen? Von Mai bis Oktober ist den Stränden von Anna Maria Island doch totale Finsternis verordnet, damit die Meeresschildkröten nicht durcheinander kommen. Es ist die Straßenbeleuchtung, sagt Suzi Fox, die die Babys vom rechten Weg abbringt. Jetzt will sie die erschöpften Kleinen aufpäppeln und mit dem Boot hinaus fahren aufs Meer. Was für eine Aufregung am frühen Morgen! Dabei hatte ich doch nur spazieren gehen wollen am Strand. Ein Tag auf Anna Maris Island beginnt immer mit einem Morgenspaziergang am Meer. Gucken, was der Ozean über Nacht so alles an Land gespült hat: Muscheln, Schneckenhäuser, Seeglas, über die die Wellen mit hellem Klickern hinwegrollen. Kurz nach Sonnenaufgang ist das Wasser noch wärmer als die Luft. Eine kostbare Stunde.

Die Einheimischen der drei Inselorte Anna Maria, Holmes Beach und Bradenton Beach wissen wohl um das Privileg, auf diesem Muschelhaufen zu leben. "Warum sollen wir in Urlaub fahren?", fragen sie und meinen das auch so. "Wir leben doch schon im Paradies." Allerdings hat sich in letzter Zeit ein Schatten über das scheinbar makellose Idyll gelegt. Auffallend viele der schmucken bunten Häuschen aus hartem Zedernholz stehen zum Verkauf. Die Finanzkrise ist herzlos und gefräßig. A propos gefräßig. Zeit fürs Frühstück! Weil – speziell in Anna Maria – kein Zutritt hat, was man als typisch amerikanisch kennt, gibt es dort auch keine Fastfood-Ketten. Das schafft Raum für so wunderbare Cafés wie Ginny’s & Jane E’s, einem der schönsten Treffpunkte der Insel. Man sitzt inmitten von Strandgut und Nippes, Tomaten, Zwiebeln, T-Shirts und Edeltrödel auf bunten Stühlen und plüschigen Sofas. Hier findet man alles, was man nicht braucht: bemalte Holzplanken, Pinsel für sandige Füße, Meerjungfrauen, Moasikspiegel und Lichterketten. Die einen kommen wegen des Crème Brulée French Toasts, andere, weil sie sich nicht satt sehen können an diesem unwiderstehlichen Sammelsurium.

Nun könnte man an den Strand gehen, wo immer so viel Platz ist wie am Mittelmeer im Oktober. Den ganzen Tag lesen, baden, nach Sanddollars tauchen. Relaxen. Hervorragende Idee! Allerdings, so ohne Nachtleben muss man sich weder den ganzen Tag darauf vorbereiten, noch tagsüber davon erholen. Also habe ich mich mit Karen Fraley verabredet. Die Naturführerin von Around the Bend Nature Tours hat die Klimaanlage ausgeschaltet und das Fenster herunter gekurbelt, als wir zum Emerson Point Preserve hinüber fahren auf dem Festland am Manatee River – benannt nach den Manatees, den Seekühen, die in den Gewässern leben.

Florida ist ja ein rechter Sumpf – ökologisch, versteht sich. Ein Glücksfall für die Flora und Fauna. Mit Karen gewinnt das wirre Grün aus Palmen, Spanischem Moos, Würgefeigen und wilden Trauben Kontur. Man lernt den Gumbo Limbo Baum kennen, der auch Touristenbaum genannt wird, weil sich seine helle Rinde schält wie die Haut nach einem Sonnenbrand, und rote, weiße und schwarze Mangroven zu unterscheiden: die Blätter der schwarzen Mangrove schwitzen – die Kostprobe bestätigt es – Salz aus.

Das engmaschige Geflecht der Mangroven ist die Lebensversicherung der Küsten. Sie bremsen Hurrikane ab, und im Gewirr ihren stelzbeinigen Wurzeln finden viele Kleintiere Lebens- und Rückzugsraum. Am nächsten Tag fahren wir mit den Kajaks durch das Mangrovendickicht, in dessen schmalen Wasserstraßen die Sonne ein flirrendes Licht- und Schatten-Theater veranstaltet. Karen entdeckt Seeadler, Ibisse und Löffelreiher. Baumkrabben huschen im Halbdunkel umher, ganze Armeen von Fiddler Crabs am Ufer drohen mit ihren riesigen Scheren. Man möchte dieses stille Labyrinth nie wieder verlassen.

Doch Karen hat Kescher dabei. Im flachen Wasser, wo Seegras auf schlammigem Grund regelrechte Unterwasserweiden bildet, schöpfen wir Shrimps und Krabben ab, kleine Schnecken und Fischchen. Dort habe ich das erste Seepferdchen meines Lebens gefangen! Nur vier Zentimeter groß ist es, struppig-flauschig behaart und ein wenig erstaunt, dass es nun in einem Beobachtungsglas gelandet ist.

Wir entlassen es bald wieder in die Freiheit, denn die Zeit mahnt. Es gibt einen Termin, den man hier unter keinen Umständen verpassen möchte. 20.01 Uhr, im einem Strandrestaurant oder mit den Zehen im weichen Sand am Saum des Ozeans. Rot, Orange und Gelb sind gesetzt, Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Info Anreise: Mit United Airlines (www.unitedairlines.de) über Philadelphia nach Tampa. Auch US Airways (www.usairways.de) fliegt mit einem Zwischenstopp.

Anna Maria Island zeigt ökologisches Bewusstsein: Es gibt einen Insel-Trolley, den kostenlosen Bus.

Aktivitäten: Exkursionen mit Karen Fraley (2,5 Stunden, 80 Euro Gruppenpauschale), zum Beispiel ins Emerson Point Preserve, wo sich auch die Tempelberge der indianischen Ureinwohner befinden, Around the Bend Nature Tours, Telefon 001 / 941 / 7 94 87 73, www.aroundbend.com. Kajaks kann man mieten bei Native Rentals, Telefon 001 / 941 / 778 77 57, www.mysitontopkayak.com, vier Stunden kosten rund 19 Euro. Geführte Kajaktouren bietet Almost Heaven Kayak Adventures an, Telefon 001 / 941 / 5 04 62 96, www.kayakfl.com, 36,50 Euro Person. Wer Suzi Fox auf ihren Kontrollgängen der Schildkrötennester begleiten möchte, wendet sich an Island Turtle Watch, Telefon 001 / 941 / 7 78 56 38, www.islandturtles.com.

Museum: Im Aquarium des South Florida Museums in Bradenton lebt Snooty, mit 61 Jahren die älteste in Gefangenschaft lebende Seekuh; laufend Fütterungen. Eintritt 10,50 Euro, ermäßigt acht Euro, montags geschlossen, www.southfloridamuseum.org. Allgemeine Auskunft: The Holiday and Sun Agency, Tel. 030 / 315040 45 www.floridasgulfislands.de.
 

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