StZ-Campusserie "Clever studieren" (8) Elite ist für viele ein Reizwort
Renate Allgöwer und Inge Jacobs, veröffentlicht am 27.10.2009
Stuttgart - Alle Welt spricht vom Exzellenzwettbewerb der Hochschulen, der jetzt in eine neue Runde startet. Alle Welt? Nein. An Tausenden von Studenten scheinen die Forschungsanstrengungen ihrer Unis spurlos und völlig unbemerkt vorbeizugehen. Zum Beispiel an der Uni Stuttgart. Dort laufen bereits zwei Exzellenzprojekte: ein Forschungsverbund zur Simulationstechnologie und eine Graduiertenschule zur Entwicklung "intelligenter Fabriken". Und hinter verschlossenen Türen wird mächtig an weiteren Anträgen gefeilt. "Wir wollen auf jeden Fall in allen drei Säulen antreten", kündigt der Stuttgarter Unirektor Wolfram Ressel an. Themen mag er aus Konkurrenzgründen jetzt noch nicht nennen. Vielleicht reicht es Stuttgart ja dieses Mal zum Elitetitel.
In der Studentenschaft hat man jedoch andere Sorgen, von aktuellen Exzellenzprojekten sei dort praktisch nichts zu spüren. "Die sind für uns sehr abstrakt", erklärt Sannah König von der Stuttgarter Fachschaftsvertreterversammlung (FaVeVe). "Unser Hauptanliegen ist: wir hätten gern mehr Exzellenz in der Lehre - dann könnten wir stärker vom exzellenten Wissen profitieren." Die Studentin der Umweltschutztechnik räumt allerdings ein: "Wir glauben, dass das nicht ohne exzellente Forschung geht."
Das Wort Elite ist in Studentenkreisen nach wie vor ein Reizwort. "Bei der Betonung auf Elite fühlen sich alle Studierenden benachteiligt, die eben keine Elite sind", sagt die 25-Jährige. Aber auch um sie sollten sich Dozenten kümmern. "Doch wer in der Forschung gut ist, ist nicht automatisch in der Lehre gut", meint die Studentin. So heiße es bei Mathevorlesungen unter den Professoren immer: "Wer muss denn dieses Jahr wieder?" Sannah König und ihre Kommilitonen wünschen sich, "dass die Dozenten eine exzellente Lehrqualifikation haben - das wäre auch etwas, das sich die Uni auf die Fahnen schreiben könnte; und es ist ein Grund, sich für eine Uni zu entscheiden." An den Voraussetzungen dafür fehle es in Stuttgart nicht: Das didaktische Zentrum biete "ein tolles Fortbildungsprogramm". Die Studenten wünschen sich, "dass es nicht als Schwäche angesehen wird, wenn jemand sich da fortbildet".
Ein Schlüsselerlebnis wird Sannah König jedoch nicht vergessen. Als die Tsunamiwelle ganze Landstriche zerstörte, hatte die Diplomstudentin gerade Hydromechanik im Grundstudium: "Da haben wir sofort die Simulation dazu bekommen - superaktuell. Das war cool, da haben wir gemerkt: an der Uni passiert wirklich Spitzenforschung." Doch die Bachelorstudenten hätten wegen ihres gedrängten Stundenplans wohl kaum Zeit für solche Einblicke, bedauert sie. Die meisten seien damit beschäftigt, die eigene Haut zu retten. "Man kriegt als Student nur dann viel mit, wenn man sich auch darum bemüht." Auch bei der Studentenbetreuung würden sich die Studenten mehr Exzellenz wünschen: "Mit einer zentralen Anlaufstelle für alle studentischen Angelegenheiten könnte eine so große Uni wie Stuttgart wirklich punkten."
Der Hohenheimer Rektor Hans-Peter Liebig sieht Studenten klar im Vorteil, wenn es ihrer Uni gelingt, mehr Geld für bessere Forschung zu akquirieren: "Das bedeutet, man kann auch bei Berufungen bessere Professoren kriegen." Im Unterschied zu Sannah König sagt Liebig: "Eine bessere Forschungsleistung zieht immer eine gute Lehre nach sich." Womit die Uni Hohenheim sich bei der Exzellenzinitiative profilieren will, kann er derzeit nur ansatzweise sagen. Geplant seien Anträge zu zwei Graduiertenschulen, eine davon beschäftige sich mit der Sicherheit von Nahrungsmitteln, die andere komme aus den Agrarwissenschaften. Bei den Exzellenz-Forschungsverbünden versuche Hohenheim, gemeinsam mit Stuttgart und Tübingen sowie dem Helmholtz-Institut in den Geowissenschaften einen Antrag zum Thema Wasser auf den Weg zu bringen. Und bei den Zukunftskonzepten? "Dafür sind wir eindeutig zu klein - allein", sagt Liebig.
Groß genug wäre die Universität Tübingen. Deren Rektor Bernd Engler will jedoch Überraschungseffekte in der Hinterhand behalten und hält sich hinreichend bedeckt, wenn es um die Zukunftskonzepte geht. Denn noch ist Engler zuversichtlich, "dass wir uns gut aufstellen". Bis jetzt hat die württembergische Traditionsuniversität nur ein Exzellenzcluster in den integrativen Neurowissenschaften erhalten. Das gelte es 2010 zu verteidigen, gleichzeitig geht der Rektor von drei "sehr starken Anträgen" aus den Lebens-, den Natur- und den Geisteswissenschaften aus.
Die Konkurrenz ist groß, besonders auch in der sogenannten dritten Säule, die zum Titel Eliteuniversität führt. In Baden-Württemberg ist die Lage für Neueinsteiger in den Kreis der Eliteuniversitäten besonders prekär. Vier der neun Landesuniversitäten im Südwesten haben den Titel schon errungen, allein der bundesweite Proporz lässt kaum erwarten, dass eine fünfte Hochschule aus dem Südwesten hinzukommen könnte.
Dennoch wird Tübingen unverdrossen in der dritten Säule im Rennen um die besten Zukunftskonzepte antreten. Für den Rektor ist klar: "Die Universität braucht die Neuaufstellung, ob mit Elitesiegel oder nicht." Lieber wäre ihm natürlich mit Siegel. Details verrät Bernd Engler aus Wettbewerbsgründen natürlich nicht. Aber dass sich die Eberhard-Karls-Universität in Richtung angewandte Wissenschaften öffnen will, ist kein Geheimnis. Eine Aufgabe ist es, die Anwendungsbezüge in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu stärken. Ansätze hat die Eberhard-Karls-Universität zum Beispiel mit der Einrichtung eines neuen Instituts für Bildungsforschung bereits gemacht. Zum größeren Konzept der Exzellenzinitiative gehören außerdem stärkere Anwendungsbezüge in den Geo- und in den Umweltwissenschaften. Betätigungsfelder sind auch die Medizintechnik und die Lebenswissenschaften. Der Trend geht auch in Tübingen zur Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie den Max-Planck-Instituten oder der Helmholtz-Gemeinschaft.
Das Problem derer, die wie Tübingen nicht gleich zum Zuge gekommen sind, ist, dass vieles, womit die Pioniere punkten konnten, inzwischen Standard ist, konstatiert Engler. Natürlich müssen auch Universitäten, die sich in Zukunft mit dem Prädikat Eliteuniversität schmücken wollen, Frauen besonders fördern, ausländische Studierende und Lehrende integrieren und Gründerzentren etablieren, zählt Engler auf. "Wir müssen aber auch etwas bieten, was diese Standards übererfüllt." Der Rektor ist zuversichtlich, dass die alte württembergische Universität sich sehr gut aufstellen wird, er ist überzeugt davon, dass die Studenten auch davon profitieren werden.
Engler unterstreicht, dass die Universität die Anwendungsbezüge stärken will. "Jeder Anwendungsbezug schafft Nähe zu künftigen Berufsfeldern", betont der Rektor und biete damit praktischen Nutzen für die Studierenden. Kooperationen bringen laut Engler externen Sachverstand, der den Studierenden immer zugute kommt. Schon hat die Universität Tübingen Kooperationsverträge mit der regionalen Industrie- und Handelskammer unterzeichnet und sucht nun die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Region.
Man werde mehr Wert auf die Schlüsselqualifikationen legen und die Studierenden attraktiver für die Wirtschaft, die Industrie und den öffentlichen Sektor machen, verspricht Engler. Außerdem werde die Universität in Zukunft intensiv über die Weiterbildung ihrer Absolventen nachdenken, ob mit oder ohne Eliteprädikat.
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Das Wort Elite ist in Studentenkreisen nach wie vor ein Reizwort. "Bei der Betonung auf Elite fühlen sich alle Studierenden benachteiligt, die eben keine Elite sind", sagt die 25-Jährige. Aber auch um sie sollten sich Dozenten kümmern. "Doch wer in der Forschung gut ist, ist nicht automatisch in der Lehre gut", meint die Studentin. So heiße es bei Mathevorlesungen unter den Professoren immer: "Wer muss denn dieses Jahr wieder?" Sannah König und ihre Kommilitonen wünschen sich, "dass die Dozenten eine exzellente Lehrqualifikation haben - das wäre auch etwas, das sich die Uni auf die Fahnen schreiben könnte; und es ist ein Grund, sich für eine Uni zu entscheiden." An den Voraussetzungen dafür fehle es in Stuttgart nicht: Das didaktische Zentrum biete "ein tolles Fortbildungsprogramm". Die Studenten wünschen sich, "dass es nicht als Schwäche angesehen wird, wenn jemand sich da fortbildet".
Auch bei der Studentenbetreuung mehr Exzellenz gewünscht
Ein Schlüsselerlebnis wird Sannah König jedoch nicht vergessen. Als die Tsunamiwelle ganze Landstriche zerstörte, hatte die Diplomstudentin gerade Hydromechanik im Grundstudium: "Da haben wir sofort die Simulation dazu bekommen - superaktuell. Das war cool, da haben wir gemerkt: an der Uni passiert wirklich Spitzenforschung." Doch die Bachelorstudenten hätten wegen ihres gedrängten Stundenplans wohl kaum Zeit für solche Einblicke, bedauert sie. Die meisten seien damit beschäftigt, die eigene Haut zu retten. "Man kriegt als Student nur dann viel mit, wenn man sich auch darum bemüht." Auch bei der Studentenbetreuung würden sich die Studenten mehr Exzellenz wünschen: "Mit einer zentralen Anlaufstelle für alle studentischen Angelegenheiten könnte eine so große Uni wie Stuttgart wirklich punkten."
Der Hohenheimer Rektor Hans-Peter Liebig sieht Studenten klar im Vorteil, wenn es ihrer Uni gelingt, mehr Geld für bessere Forschung zu akquirieren: "Das bedeutet, man kann auch bei Berufungen bessere Professoren kriegen." Im Unterschied zu Sannah König sagt Liebig: "Eine bessere Forschungsleistung zieht immer eine gute Lehre nach sich." Womit die Uni Hohenheim sich bei der Exzellenzinitiative profilieren will, kann er derzeit nur ansatzweise sagen. Geplant seien Anträge zu zwei Graduiertenschulen, eine davon beschäftige sich mit der Sicherheit von Nahrungsmitteln, die andere komme aus den Agrarwissenschaften. Bei den Exzellenz-Forschungsverbünden versuche Hohenheim, gemeinsam mit Stuttgart und Tübingen sowie dem Helmholtz-Institut in den Geowissenschaften einen Antrag zum Thema Wasser auf den Weg zu bringen. Und bei den Zukunftskonzepten? "Dafür sind wir eindeutig zu klein - allein", sagt Liebig.
Groß genug wäre die Universität Tübingen. Deren Rektor Bernd Engler will jedoch Überraschungseffekte in der Hinterhand behalten und hält sich hinreichend bedeckt, wenn es um die Zukunftskonzepte geht. Denn noch ist Engler zuversichtlich, "dass wir uns gut aufstellen". Bis jetzt hat die württembergische Traditionsuniversität nur ein Exzellenzcluster in den integrativen Neurowissenschaften erhalten. Das gelte es 2010 zu verteidigen, gleichzeitig geht der Rektor von drei "sehr starken Anträgen" aus den Lebens-, den Natur- und den Geisteswissenschaften aus.
Die Konkurrenz im Kampf um den Elite-Titel ist groß
Die Konkurrenz ist groß, besonders auch in der sogenannten dritten Säule, die zum Titel Eliteuniversität führt. In Baden-Württemberg ist die Lage für Neueinsteiger in den Kreis der Eliteuniversitäten besonders prekär. Vier der neun Landesuniversitäten im Südwesten haben den Titel schon errungen, allein der bundesweite Proporz lässt kaum erwarten, dass eine fünfte Hochschule aus dem Südwesten hinzukommen könnte.
Dennoch wird Tübingen unverdrossen in der dritten Säule im Rennen um die besten Zukunftskonzepte antreten. Für den Rektor ist klar: "Die Universität braucht die Neuaufstellung, ob mit Elitesiegel oder nicht." Lieber wäre ihm natürlich mit Siegel. Details verrät Bernd Engler aus Wettbewerbsgründen natürlich nicht. Aber dass sich die Eberhard-Karls-Universität in Richtung angewandte Wissenschaften öffnen will, ist kein Geheimnis. Eine Aufgabe ist es, die Anwendungsbezüge in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu stärken. Ansätze hat die Eberhard-Karls-Universität zum Beispiel mit der Einrichtung eines neuen Instituts für Bildungsforschung bereits gemacht. Zum größeren Konzept der Exzellenzinitiative gehören außerdem stärkere Anwendungsbezüge in den Geo- und in den Umweltwissenschaften. Betätigungsfelder sind auch die Medizintechnik und die Lebenswissenschaften. Der Trend geht auch in Tübingen zur Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie den Max-Planck-Instituten oder der Helmholtz-Gemeinschaft.
Das Problem derer, die wie Tübingen nicht gleich zum Zuge gekommen sind, ist, dass vieles, womit die Pioniere punkten konnten, inzwischen Standard ist, konstatiert Engler. Natürlich müssen auch Universitäten, die sich in Zukunft mit dem Prädikat Eliteuniversität schmücken wollen, Frauen besonders fördern, ausländische Studierende und Lehrende integrieren und Gründerzentren etablieren, zählt Engler auf. "Wir müssen aber auch etwas bieten, was diese Standards übererfüllt." Der Rektor ist zuversichtlich, dass die alte württembergische Universität sich sehr gut aufstellen wird, er ist überzeugt davon, dass die Studenten auch davon profitieren werden.
Engler unterstreicht, dass die Universität die Anwendungsbezüge stärken will. "Jeder Anwendungsbezug schafft Nähe zu künftigen Berufsfeldern", betont der Rektor und biete damit praktischen Nutzen für die Studierenden. Kooperationen bringen laut Engler externen Sachverstand, der den Studierenden immer zugute kommt. Schon hat die Universität Tübingen Kooperationsverträge mit der regionalen Industrie- und Handelskammer unterzeichnet und sucht nun die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Region.
Man werde mehr Wert auf die Schlüsselqualifikationen legen und die Studierenden attraktiver für die Wirtschaft, die Industrie und den öffentlichen Sektor machen, verspricht Engler. Außerdem werde die Universität in Zukunft intensiv über die Weiterbildung ihrer Absolventen nachdenken, ob mit oder ohne Eliteprädikat.
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