StZ-Campusserie "Clever studieren" (9) Nicht nur die Noten zählen
Viola Volland, veröffentlicht am 28.10.2009
Stuttgart - Wird die eigene Bewerbung die Stiftung überzeugen? Ist sie vielleicht zu steif oder im Gegenteil zu locker formuliert? Sind Lebenslauf und Anschreiben fehlerfrei? Solche Gedanken musste sich Jan Gukelberger nicht machen. Der Physikstudent an der Universität Stuttgart zählt zu den Auserwählten, die von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert werden. Und dort bewirbt man sich nicht, sondern wird in der Regel vorgeschlagen. Im Fall Jan Gukelbergers lief es noch etwas anders: Er hat als Schüler den Bundeswettbewerb Informatik gewonnen, damit war er automatisch Stipendiat der hochangesehenen Studienstiftung. Der 25-jährige Student darf sich damit zur Bildungselite Deutschlands zählen. Er kann auf Sommerakademien fahren, wird von einem Vertrauensdozenten betreut, ihm steht ein hochrangiges Kontaktnetzwerk offen.
Letzteres hat sich schon ausgezahlt: So lernte der Physikstudent über die Kontaktbörse einen Mitarbeiter des Forschungsinstituts Station Q in Santa Barbara kennen, konnte dort 2008 ein Semester als Praktikant arbeiten und wurde dabei von dem Exstipendiaten betreut. "Besonders für meinen Auslandsaufenthalt hat mir das Stipendium wirklich sehr geholfen", sagt er jetzt, am Ende seines Studiums. Ebenfalls praktisch: die Studienstiftung hatte ihm 2007 zur Vorbereitung einen Sprachkurs in England finanziert.
Doch was machen eigentlich diejenigen, die zwar ordentliche Leistungen erbringen, aber nicht genial sind wie Jan Gukelberger in Informatik? Die sich zwar engagieren, aber weder einen Preis noch einen Abiturschnitt von 1,0 vorweisen können? Sollen sie es mit einem Stipendium gar nicht erst versuchen? Doch, auf jeden Fall, das meint nicht nur Anke Pätsch vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. "Viele glauben nur, sie erfüllen nicht die Voraussetzungen für ein Stipendium, dabei hätten sie eine Chance", sagt auch der Experte Uwe Dieter Steppuhn, Abteilungsleiter Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Er kann im Jahr aus rund 1400 Bewerbungen 240 auswählen.
"Natürlich blenden wir Noten nicht aus, aber Herkunft und Engagement sind für uns gewichtige Förderkriterien", betont Steppuhn. Und das gilt nicht nur für die gewerkschaftsnahe Böcklerstiftung. Die meisten Stipendien richten sich zwar laut Anke Pätsch "tatsächlich an besonders begabte" Studierende. "Aber manchmal zählt das gesellschaftliche Engagement sogar mehr - auch wenn viele das nicht öffentlich schreiben", sagt die Sprecherin. Immer wieder komme es vor, dass kleinere Stiftungen ihre Stipendien gar nicht vergeben, weil der passende Kandidat nicht dabei ist.
Das Stipendienangebot in Deutschland ist groß und unübersichtlich, auch wenn Internetseiten wie das neue Portal des Bundesforschungsministeriums http://www.stipendienlotse.de oder http://www.stiftungsindex.de/ helfen, Angebote zu finden. Neben den elf bundesweit tätigen Begabtenförderwerken, zu denen die Studienstiftung des deutschen Volkes, die Böcklerstiftung und die parteinahen Stiftungen zählen, gibt es in Deutschland 2220 private Stiftungen mit Programmen zur Studentenförderung. Da ist es eigentlich verwunderlich, dass nur zwei Prozent der rund zwei Millionen Studierenden laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ein Stipendium beziehen - im Schnitt liegt die Förderung bei 328 Euro.
Die neue Bundesregierung will den Stipendiatenanteil auf zehn Prozent heben. In den Koalitionsverhandlungen hat sich Schwarz-Gelb auf eine monatliche Förderung von 300 Euro für begabte Studierende geeinigt. Details sind noch nicht bekannt - erste Kritik wird schon laut, weil zum Beispiel "keine Komponente der Bedürftigkeit" geplant ist, wie Uwe Dieter Steppuhn anmerkt. Für die Begabtenförderwerke zählt Bedürftigkeit. Jan Gukelberger bekommt beispielsweise "nur" 80 Euro Büchergeld im Monat, weil beide Eltern berufstätig sind. Die angekündigten 300 Euro würden davon unabhängig gezahlt.
Wer jetzt auf der Suche nach einem Stipendium ist, dem rät Anke Pätsch, sich gezielt nach kleinen Stiftungen umzusehen - an den Universitäten, in der Stadt, das eigene Fachgebiet betreffend. Die Hofbräu-Stiftung unterstützt beispielsweise Hohenheimer Studierende(Auswahlkriterien "Studienfortschritt bzw. -erfolg und gesellschaftliches beziehungsweise universitäres Engagement außerhalb des Studiums"). Eine Reihe von Programmen fördere zudem gezielt Auslandssemester, wie das Baden-Württemberg-Stipendium der Landesstiftung. Die Stuttgarterin Hyunn-Ju Baek konnte damit zum Beispiel ein Jahr nach Hongkong, erhielt 600 Euro pro Monat: "Das war meine Rettung." Und die Maschinenbaustudentin Marielle Friedrich wiederum kann in Maryland studieren, weil ein Amerikaner Maschinenbaustudenten aus seinem hessischen Heimatort fördert. Zufällig habe sie darüber aus der Zeitung erfahren, erzählt die 22-Jährige.
"Das Türklinkenputzen lohnt sich", ist die Erfahrung von Alexander Mack, der in "Water Resources Engineering and Management" seinen Master macht und Stipendiat der Dr.-Eugen-Ebert-Stiftung ist. Diese fördert nur Studenten mit deutschem Pass der Unis Stuttgart und Hohenheim, die ein Württemberger Abiturzeugnis haben. Alexander Mack ging in Filderstadt zur Schule, er bekommt 250 Euro im Monat von der Stiftung. Er habe seinen Antrag selbst so hoch gestellt, erzählt der 27-Jährige, der schon ein Bauingenieurstudium an der Fachhochschule abgeschlossen hat und deshalb keinen Bafög-Anspruch mehr hat. Bei der Dr.-Eugen-Ebert-Stiftung ist Letzteres wegen der Bedürftigkeit ein Plus. Mack hatte sich mit seinem Semesterzeugnis (Note 1,7) beworben, punkten konnte er mit seinem Engagement und familiären Hintergrund: Er leitet christliche Jugendgruppen, ist Semestersprecher an der Uni und hat drei Geschwister. Auf solche Aspekte achtet die Stiftung. "Es kommt auf die Lebensumstände an, das ist immer eine Einzelfallentscheidung", sagt Wilfried Roth, der zuständige Ansprechpartner in der Univerwaltung.
Auch der frischgebackene Ingenieur Martin Ott hätte mit seiner Vordiplomnote von 2,5 bei Stiftungen, die nur nach Noten entscheiden, keine Chance gehabt. Ott war sein Hauptstudium über (bis zum Diplom Ende September) Stipendiat der Bosch-Jugendhilfe. Diese unterstützt bundesweit Kinder von Mitarbeitern, derzeit 113 Stipendiaten. Martin Ott bekam 100 Euro monatlich (50 Euro Stipendium, 50 Euro zinsloses Darlehen). "Wir gucken uns die ganze Person an", sagt Marion Oertel-Nau, die die Geschäftsstelle der Bosch-Jugendhilfe führt. Der 26-Jährige glaubt selbst, dass sein Engagement ausschlaggebend war: wie Alexander Mack ist er kirchlicher Jugendbetreuer, in einer Hochschulgruppe aktiv, hat drei Geschwister. Und noch in einem weiteren Punkt sind sich die beiden einig: darin, jeden zu ermutigen, sich um ein Stipendium zu bemühen.
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Doch was machen eigentlich diejenigen, die zwar ordentliche Leistungen erbringen, aber nicht genial sind wie Jan Gukelberger in Informatik? Die sich zwar engagieren, aber weder einen Preis noch einen Abiturschnitt von 1,0 vorweisen können? Sollen sie es mit einem Stipendium gar nicht erst versuchen? Doch, auf jeden Fall, das meint nicht nur Anke Pätsch vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. "Viele glauben nur, sie erfüllen nicht die Voraussetzungen für ein Stipendium, dabei hätten sie eine Chance", sagt auch der Experte Uwe Dieter Steppuhn, Abteilungsleiter Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Er kann im Jahr aus rund 1400 Bewerbungen 240 auswählen.
Engagement wird geschätzt
"Natürlich blenden wir Noten nicht aus, aber Herkunft und Engagement sind für uns gewichtige Förderkriterien", betont Steppuhn. Und das gilt nicht nur für die gewerkschaftsnahe Böcklerstiftung. Die meisten Stipendien richten sich zwar laut Anke Pätsch "tatsächlich an besonders begabte" Studierende. "Aber manchmal zählt das gesellschaftliche Engagement sogar mehr - auch wenn viele das nicht öffentlich schreiben", sagt die Sprecherin. Immer wieder komme es vor, dass kleinere Stiftungen ihre Stipendien gar nicht vergeben, weil der passende Kandidat nicht dabei ist.
Das Stipendienangebot in Deutschland ist groß und unübersichtlich, auch wenn Internetseiten wie das neue Portal des Bundesforschungsministeriums http://www.stipendienlotse.de oder http://www.stiftungsindex.de/ helfen, Angebote zu finden. Neben den elf bundesweit tätigen Begabtenförderwerken, zu denen die Studienstiftung des deutschen Volkes, die Böcklerstiftung und die parteinahen Stiftungen zählen, gibt es in Deutschland 2220 private Stiftungen mit Programmen zur Studentenförderung. Da ist es eigentlich verwunderlich, dass nur zwei Prozent der rund zwei Millionen Studierenden laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ein Stipendium beziehen - im Schnitt liegt die Förderung bei 328 Euro.
Die neue Bundesregierung will den Stipendiatenanteil auf zehn Prozent heben. In den Koalitionsverhandlungen hat sich Schwarz-Gelb auf eine monatliche Förderung von 300 Euro für begabte Studierende geeinigt. Details sind noch nicht bekannt - erste Kritik wird schon laut, weil zum Beispiel "keine Komponente der Bedürftigkeit" geplant ist, wie Uwe Dieter Steppuhn anmerkt. Für die Begabtenförderwerke zählt Bedürftigkeit. Jan Gukelberger bekommt beispielsweise "nur" 80 Euro Büchergeld im Monat, weil beide Eltern berufstätig sind. Die angekündigten 300 Euro würden davon unabhängig gezahlt.
Klinkenputzen lohnt sich
Wer jetzt auf der Suche nach einem Stipendium ist, dem rät Anke Pätsch, sich gezielt nach kleinen Stiftungen umzusehen - an den Universitäten, in der Stadt, das eigene Fachgebiet betreffend. Die Hofbräu-Stiftung unterstützt beispielsweise Hohenheimer Studierende(Auswahlkriterien "Studienfortschritt bzw. -erfolg und gesellschaftliches beziehungsweise universitäres Engagement außerhalb des Studiums"). Eine Reihe von Programmen fördere zudem gezielt Auslandssemester, wie das Baden-Württemberg-Stipendium der Landesstiftung. Die Stuttgarterin Hyunn-Ju Baek konnte damit zum Beispiel ein Jahr nach Hongkong, erhielt 600 Euro pro Monat: "Das war meine Rettung." Und die Maschinenbaustudentin Marielle Friedrich wiederum kann in Maryland studieren, weil ein Amerikaner Maschinenbaustudenten aus seinem hessischen Heimatort fördert. Zufällig habe sie darüber aus der Zeitung erfahren, erzählt die 22-Jährige.
"Das Türklinkenputzen lohnt sich", ist die Erfahrung von Alexander Mack, der in "Water Resources Engineering and Management" seinen Master macht und Stipendiat der Dr.-Eugen-Ebert-Stiftung ist. Diese fördert nur Studenten mit deutschem Pass der Unis Stuttgart und Hohenheim, die ein Württemberger Abiturzeugnis haben. Alexander Mack ging in Filderstadt zur Schule, er bekommt 250 Euro im Monat von der Stiftung. Er habe seinen Antrag selbst so hoch gestellt, erzählt der 27-Jährige, der schon ein Bauingenieurstudium an der Fachhochschule abgeschlossen hat und deshalb keinen Bafög-Anspruch mehr hat. Bei der Dr.-Eugen-Ebert-Stiftung ist Letzteres wegen der Bedürftigkeit ein Plus. Mack hatte sich mit seinem Semesterzeugnis (Note 1,7) beworben, punkten konnte er mit seinem Engagement und familiären Hintergrund: Er leitet christliche Jugendgruppen, ist Semestersprecher an der Uni und hat drei Geschwister. Auf solche Aspekte achtet die Stiftung. "Es kommt auf die Lebensumstände an, das ist immer eine Einzelfallentscheidung", sagt Wilfried Roth, der zuständige Ansprechpartner in der Univerwaltung.
Auch der frischgebackene Ingenieur Martin Ott hätte mit seiner Vordiplomnote von 2,5 bei Stiftungen, die nur nach Noten entscheiden, keine Chance gehabt. Ott war sein Hauptstudium über (bis zum Diplom Ende September) Stipendiat der Bosch-Jugendhilfe. Diese unterstützt bundesweit Kinder von Mitarbeitern, derzeit 113 Stipendiaten. Martin Ott bekam 100 Euro monatlich (50 Euro Stipendium, 50 Euro zinsloses Darlehen). "Wir gucken uns die ganze Person an", sagt Marion Oertel-Nau, die die Geschäftsstelle der Bosch-Jugendhilfe führt. Der 26-Jährige glaubt selbst, dass sein Engagement ausschlaggebend war: wie Alexander Mack ist er kirchlicher Jugendbetreuer, in einer Hochschulgruppe aktiv, hat drei Geschwister. Und noch in einem weiteren Punkt sind sich die beiden einig: darin, jeden zu ermutigen, sich um ein Stipendium zu bemühen.
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