StZ-Campusserie "Clever studieren" (10) Desinteressiert - und Student?
Alexander Günzler, veröffentlicht am 29.10.2009
Stuttgart - Paul ist gut rumgekommen: Auslandssemester in Frankreich, Spanien, Praktika in Tunesien und Vietnam. Er hat einen Bachelor in Politik- und Verwaltungswissenschaften, aktuell studiert er im Programm "European Master in Government" an der Universität Konstanz. Paul ist 26 Jahre alt und Teil einer studentischen Generation, der oft nachgesagt wird, sie sei angepasst, selbstbezogen, unpolitisch. Eine Generation der Lebenslaufoptimierer, auch als Folge eines neuen Studiensystems, das immer weniger Zeit für Dinge lässt, die keine Note abwerfen. "Ich glaube, ich bin schon sehr politisch", sagt Paul. Er macht sich Gedanken über soziale Ungerechtigkeit und Leistungsideologie. Er war mal bei Amnesty International, ein Semester bei den Jusos. Er findet neue Organisationsformen wie etwa Campact interessant, ein Netzwerk, das Kampagnen organisiert, bei denen sich Menschen via Internet in aktuelle politische Entscheidungen einmischen. Nein, Paul hält sich selber nicht für einen typischen Vertreter seiner Generation. Es ist schwer zu sagen, wie viele Pauls und Paulas es unter den deutschen Studenten 2009 gibt. Schon deshalb sollte man keiner ganzen Generation einen Stempel aufdrücken.
Was ist Ausnahme, was ist Regel? Eine gewisse Verlässlichkeit bieten Umfragen. So belegt eine Studie der Universität Konstanz im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, dass das Interesse der Studierenden am politischen Geschehen deutlich zurückgegangen ist. Von 1983 an haben Mitarbeiter um den Soziologen Tino Bargel fast 88.000 Studenten zu ihren politischen Einstellungen befragt. Bekundeten 1983 noch 54 Prozent starkes Interesse an Politik, waren es 2007 nur noch 37 Prozent. Für Bargel (66) ein Zeichen für "wachsende Gleichgültigkeit und Beliebigkeit". Studenten hätten keine eigene Meinung mehr, seien apathisch, mutlos. Eine "Spiegel"-Umfrage unter jungen Deutschen zwischen 20 und 35 fand im Frühjahr 2009 heraus, dass sich zwar 39 Prozent der Befragten "stark" oder "sehr stark" für Politik interessieren, es 83 Prozent aber umgekehrt nicht als Beleidigung empfinden würden, wenn jemand sagt, sie seien unpolitisch. Die Shell-Jugendstudien von 2002 und 2006 sprechen deshalb von der "pragmatischen Generation".
Diese Zahlen muss man auch vor dem Hintergrund einer Gesellschaft sehen, die sich in einer immer diffuseren politischen Mitte nicht mehr orientieren kann und ob vieler gebrochener Wahlversprechen zweifelt - auch im Bereich der Bildungspolitik. Lag die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 1983 noch bei 89 Prozent, so waren es 2009 lediglich knapp 71 Prozent. Und "Studenten von heute" sind nunmal ein Teil der Gesellschaft von heute.
Die Studenten 2009 kategorisch als unpolitisch einzuordnen, ist ebenso kurzsichtig, wie zu behaupten, der Prototyp des politischen Studenten schlechthin, die lauthals aufbegehrenden "68er", hätten stellvertretend für ihre Kommilitonen gestanden. Der Blick zurück ist meist ein verklärter, der Vergleiche mit der Gegenwart verzerrt.
"Auch '68 gab es viele pragmatisch orientierte Studenten, etwa Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler. Der Protest war die Veranstaltung einer lautstarken Minderheit", sagt Heinz-Elmar Tenorth, Professor für historische Erziehungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Einen "politischen Studenten" könne man nicht dadurch definieren, dass er auf der Straße protestiert und Steine wirft, sondern dass er auch jenseits seines eigenen Fachs denkt, öffentliche Aufgaben wahrnimmt und verantwortungsvoll reflektiert, so Tenorth. Und dies beobachte er bei seinen Studenten. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, hat ebenfalls "große Schwierigkeiten damit, ein unpolitisches Verhalten der heutigen Generation zu beklagen". Die Diskussion bewege sich schlicht weg von einer ideologisch-weltanschaulichen, hin zu einer privat-moralischen - vom "wir" zum "ich".
Dies sieht auch Dirk Lenz so. Der 29-jährige Germanistik- und Philosophiestudent war jahrelang im Fakultätsrat der Universität Stuttgart aktiv und Initiator eines Protests, der sich im Sommer gegen geplante Einschnitte bei den Geisteswissenschaften an seiner Uni richtete. "Wir haben keine wirklich unpolitische Studentenschaft", sagt Lenz. Man gehe jedoch nur noch dann demonstrieren, wenn eigene Belange berührt sind. So waren es im Juni weit mehr als 100.000 Studenten und Schüler, die für ein besseres Bildungssystem gestreikt haben. Weitere bundesweite Proteste sind geplant.
Ja, die 68er gingen wegen gesellschaftlicher Ängste namens Vietnam oder Notstandsgesetze auf die Straße - aber auch weil sie sich selber dank Wirtschaftswunder wenig um ihren künftigen Arbeitsplatz sorgen mussten. Utopien und ideologische Festlegungen sind einem ängstlichen und ernsten Pragmatismus gewichen. Ist dies ein Wunder angesichts der unsicheren Jobperspektiven, die heute viele Akademiker plagen und Träume ersticken? Selten sind Ausbildungs- und Arbeitsmarkt so weit auseinander geklafft wie 2009, inmitten der größten Wirtschaftskrise seit 1929.
Wie kann man eine pragmatische Krisengeneration dazu bewegen, sich zu engagieren? Tino Bargel, der Autor der Konstanzer Studentenstudie, bringt Credit-Points für soziales Engagement ins Spiel - Leistungspunkte, mit denen im Studium der Arbeitsaufwand bewertet wird. Ein pragmatischer Vorschlag, könnte man sagen. Dem Kern des freiwilligen Engagements widerspräche dies jedoch: der persönlichen Betroffenheit beziehungsweise Leidenschaft.
Die Rede vom "apolitischen Studenten" sagt erst einmal gar nichts. Denn der Begriff des Politischen hat sich geändert, geöffnet, durch das Internet globalisiert. Parteien sind für viele junge Menschen heute das, was früher die Kleingärtnervereine waren. Spießige Orte der Geselligkeit - Orte von gestern. "Bei uns gibt es viele engagierte Studenten, die eine strikte Abneigung gegen Parteien oder Gewerkschaften empfinden", sagt etwa Dirk Lenz. Organisationen wie Attac, Amnesty International oder Greenpeace verkünden auf Nachfrage allesamt, dass sie kein Nachwuchsproblem haben, auch nicht unter Studenten.
Das Internet spielt dabei natürlich eine große Rolle. Bei Campact, wo sich Paul aus Konstanz zusammen mit knapp 200.000 anderen engagiert, kann man schnell und zeitsparend seine Stimme erheben, etwa gegen Atomkraft. Oder man nutzt das Netz und unterschreibt eine Online-Petition gegen Internetsperren, begehrt auf gegen "Zensursula" von der Leyen. All dies bedingt eine Meinung - die muss man sich bilden, bestenfalls durch Reflexion.
Wie auch Parteien das Internet nutzen können, um eine andere Form politischer Mitbestimmung und Programmbildung zu etablieren, zeigt die erst 2006 gegründete Piratenpartei. Bislang beschränkt sich deren Programmatik hauptsächlich auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten im Internet und Urheberrechtsfragen. Die Art und Weise aber, wie die Piraten, deren Durchschnittsalter bei gerade mal 29 Jahren liegt, das Internet und die dadurch möglichen Kommunikationsarten zwischen Mitgliedern wie Sympathisanten nutzen, ist in jedem Fall bemerkenswert.
Die Form der direkten, digitaldemokratischen Beteiligung, die sie ihren mittlerweile mehr als 11.000 Mitgliedern ermöglicht (damit ist sie die größte außerparlamentarische Partei Deutschlands), ist für viele verlockender als langatmige Hinterzimmersitzungen der Jungen Union. Über sogenannte Wikis - leicht zu bedienende Systeme, die es ermöglichen, Inhalte im Internet zu veröffentlichen - sind Interessierte in der Lage, am Parteiprogramm mitzuwirken, zu kommentieren, Gruppen einzurichten. Zwei Prozent der Wählerstimmen haben die Piraten bei der Bundestagswahl 2009 geholt. Darauf lässt sich aufbauen. Denn das Internet ist eine Welt, die für viele junge Menschen - ja, natürlich auch Studenten - inzwischen einen Stellenwert erreicht hat, den sich Ältere gar nicht vorstellen können. Dies aus der Distanz zu belächeln, wäre grob fahrlässig.
'68 gleich politisch, '09 gleich apolitisch? Der Vergleich funktioniert nicht. Heutige Studenten lesen immer noch, sie denken immer noch nach. Sie mögen materialistischer und pragmatischer sein als die 68er und im Schnitt besser durchtrainiert und gekleidet. Oberflächlicher, beliebiger oder gar dümmer sind sie deshalb nicht.
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Diese Zahlen muss man auch vor dem Hintergrund einer Gesellschaft sehen, die sich in einer immer diffuseren politischen Mitte nicht mehr orientieren kann und ob vieler gebrochener Wahlversprechen zweifelt - auch im Bereich der Bildungspolitik. Lag die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 1983 noch bei 89 Prozent, so waren es 2009 lediglich knapp 71 Prozent. Und "Studenten von heute" sind nunmal ein Teil der Gesellschaft von heute.
Die Studenten 2009 kategorisch als unpolitisch einzuordnen, ist ebenso kurzsichtig, wie zu behaupten, der Prototyp des politischen Studenten schlechthin, die lauthals aufbegehrenden "68er", hätten stellvertretend für ihre Kommilitonen gestanden. Der Blick zurück ist meist ein verklärter, der Vergleiche mit der Gegenwart verzerrt.
Vom "wir" zum "ich"
"Auch '68 gab es viele pragmatisch orientierte Studenten, etwa Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler. Der Protest war die Veranstaltung einer lautstarken Minderheit", sagt Heinz-Elmar Tenorth, Professor für historische Erziehungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Einen "politischen Studenten" könne man nicht dadurch definieren, dass er auf der Straße protestiert und Steine wirft, sondern dass er auch jenseits seines eigenen Fachs denkt, öffentliche Aufgaben wahrnimmt und verantwortungsvoll reflektiert, so Tenorth. Und dies beobachte er bei seinen Studenten. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, hat ebenfalls "große Schwierigkeiten damit, ein unpolitisches Verhalten der heutigen Generation zu beklagen". Die Diskussion bewege sich schlicht weg von einer ideologisch-weltanschaulichen, hin zu einer privat-moralischen - vom "wir" zum "ich".
Dies sieht auch Dirk Lenz so. Der 29-jährige Germanistik- und Philosophiestudent war jahrelang im Fakultätsrat der Universität Stuttgart aktiv und Initiator eines Protests, der sich im Sommer gegen geplante Einschnitte bei den Geisteswissenschaften an seiner Uni richtete. "Wir haben keine wirklich unpolitische Studentenschaft", sagt Lenz. Man gehe jedoch nur noch dann demonstrieren, wenn eigene Belange berührt sind. So waren es im Juni weit mehr als 100.000 Studenten und Schüler, die für ein besseres Bildungssystem gestreikt haben. Weitere bundesweite Proteste sind geplant.
Ja, die 68er gingen wegen gesellschaftlicher Ängste namens Vietnam oder Notstandsgesetze auf die Straße - aber auch weil sie sich selber dank Wirtschaftswunder wenig um ihren künftigen Arbeitsplatz sorgen mussten. Utopien und ideologische Festlegungen sind einem ängstlichen und ernsten Pragmatismus gewichen. Ist dies ein Wunder angesichts der unsicheren Jobperspektiven, die heute viele Akademiker plagen und Träume ersticken? Selten sind Ausbildungs- und Arbeitsmarkt so weit auseinander geklafft wie 2009, inmitten der größten Wirtschaftskrise seit 1929.
Credit-Points für soziales Engagement
Wie kann man eine pragmatische Krisengeneration dazu bewegen, sich zu engagieren? Tino Bargel, der Autor der Konstanzer Studentenstudie, bringt Credit-Points für soziales Engagement ins Spiel - Leistungspunkte, mit denen im Studium der Arbeitsaufwand bewertet wird. Ein pragmatischer Vorschlag, könnte man sagen. Dem Kern des freiwilligen Engagements widerspräche dies jedoch: der persönlichen Betroffenheit beziehungsweise Leidenschaft.
Die Rede vom "apolitischen Studenten" sagt erst einmal gar nichts. Denn der Begriff des Politischen hat sich geändert, geöffnet, durch das Internet globalisiert. Parteien sind für viele junge Menschen heute das, was früher die Kleingärtnervereine waren. Spießige Orte der Geselligkeit - Orte von gestern. "Bei uns gibt es viele engagierte Studenten, die eine strikte Abneigung gegen Parteien oder Gewerkschaften empfinden", sagt etwa Dirk Lenz. Organisationen wie Attac, Amnesty International oder Greenpeace verkünden auf Nachfrage allesamt, dass sie kein Nachwuchsproblem haben, auch nicht unter Studenten.
Das Internet spielt dabei natürlich eine große Rolle. Bei Campact, wo sich Paul aus Konstanz zusammen mit knapp 200.000 anderen engagiert, kann man schnell und zeitsparend seine Stimme erheben, etwa gegen Atomkraft. Oder man nutzt das Netz und unterschreibt eine Online-Petition gegen Internetsperren, begehrt auf gegen "Zensursula" von der Leyen. All dies bedingt eine Meinung - die muss man sich bilden, bestenfalls durch Reflexion.
Die Piraten machen es vor
Wie auch Parteien das Internet nutzen können, um eine andere Form politischer Mitbestimmung und Programmbildung zu etablieren, zeigt die erst 2006 gegründete Piratenpartei. Bislang beschränkt sich deren Programmatik hauptsächlich auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten im Internet und Urheberrechtsfragen. Die Art und Weise aber, wie die Piraten, deren Durchschnittsalter bei gerade mal 29 Jahren liegt, das Internet und die dadurch möglichen Kommunikationsarten zwischen Mitgliedern wie Sympathisanten nutzen, ist in jedem Fall bemerkenswert.
Die Form der direkten, digitaldemokratischen Beteiligung, die sie ihren mittlerweile mehr als 11.000 Mitgliedern ermöglicht (damit ist sie die größte außerparlamentarische Partei Deutschlands), ist für viele verlockender als langatmige Hinterzimmersitzungen der Jungen Union. Über sogenannte Wikis - leicht zu bedienende Systeme, die es ermöglichen, Inhalte im Internet zu veröffentlichen - sind Interessierte in der Lage, am Parteiprogramm mitzuwirken, zu kommentieren, Gruppen einzurichten. Zwei Prozent der Wählerstimmen haben die Piraten bei der Bundestagswahl 2009 geholt. Darauf lässt sich aufbauen. Denn das Internet ist eine Welt, die für viele junge Menschen - ja, natürlich auch Studenten - inzwischen einen Stellenwert erreicht hat, den sich Ältere gar nicht vorstellen können. Dies aus der Distanz zu belächeln, wäre grob fahrlässig.
'68 gleich politisch, '09 gleich apolitisch? Der Vergleich funktioniert nicht. Heutige Studenten lesen immer noch, sie denken immer noch nach. Sie mögen materialistischer und pragmatischer sein als die 68er und im Schnitt besser durchtrainiert und gekleidet. Oberflächlicher, beliebiger oder gar dümmer sind sie deshalb nicht.
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