StZ-Campusserie "Clever studieren" (11) Stress lass nach!

Christine Pander, veröffentlicht am 30.10.2009
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Zum Studium gehören Höhenflüge genauso wie Niederlagen. Foto: dpa

Stuttgart - Studieren, bis der Arzt kommt. Für Anna, 25 Jahre alt, wurde das im Herbst vergangenen Jahres in München traurige Realität. Seminararbeiten, Prüfungen, Stress mit dem Freund und Ärger mit den Eltern. Dann kamen noch Geldsorgen dazu - der klassische Teufelskreis. Am Anfang putscht sie sich mit Koffeintabletten in die für ihr Jurastudium erforderliche intellektuelle Höhe. Abends dimmt sie sich mit pflanzlichen Einschlafhilfen in den Schlaf. Die Müdigkeit wird ihr verlässlichster Begleiter. Dann, kurz vor den Examen, sprechen ihre Kommilitonen viel über die "Wunderpille" Ritalin. Problemlos zu beschaffen, problemlos anzuwenden. Das Hirndoping vor den Prüfungen ist nicht einmal verboten, recherchiert ein Freund. Und besorgt das Mittelchen gleich auf Vorrat.


"Es gibt wenig Entscheidungen, die so emotionsgeladen sind wie die Berufs- oder Studienfachwahl".
Dorothee Beck, Institut für Berufs- und Lebensgestaltung


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Der Beipackzettel ist DIN-A4-groß. Das Wort Tod kommt überraschend häufig vor. Auch auf Herzrhythmusstörungen wird hingewiesen. Anna schluckt die Pillen. Spüren wird sie anfangs keine negativen Begleiterscheinungen. Dass sie sich wie ein Zombie durch die Welt bewegt, fällt ihr selbst nicht auf. Müsli, Toastbrot oder Kartoffelsalat zum Frühstück? Völlig egal. Der chemische Tritt in den Hintern wirkt anders als berauschende Drogen: Ritalin macht sehr nüchtern. Blendet Probleme, Störgeräusche und Schlafmangel aus. Nach jeder Einnahme erlebt sie "ein intellektuelles Feuerwerk". Sie wird immer trauriger, während sie vom "Kick der Schaffenskraft" erzählt, den sie nach der Einnahme erlebt hat, und davon, wie schwer es war, darauf zu verzichten. Bis zum Examen kommt sie nicht. Ihre Geschichte wird schließlich von etwas unterbrochen, das ihr Hausarzt Burn-out nennt.

Weltweit sind die Ritalin-Verschreibungen Experten zufolge zwischen 1993 und 2003 um rund 270 Prozent gestiegen. Das Medikament gibt man eigentlich hyperaktiven Kindern, damit sie in der Schule brav stillsitzen und sich konzentrieren. In Amerika nimmt nach einer Studie jeder vierte Student Drogen wie Ritalin. Für Deutschland gibt es keine Zahlen.

Selbstgemachte Überforderung


"Der Stress im Studium hat zugenommen", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des deutschen Studentenwerkes. "Und damit ist auch die Angst vor dem Versagen gewachsen." Aber er sagt auch: "Der Drogenkonsum von Studierenden ist nicht höher als derjenige der vergleichbaren Altersgruppe, die im Beruf steht."

Im Vergleich zu Berufstätigen bekommen Studierende allerdings deutlich mehr Psychopharmaka verordnet. Das wiederum belegt eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse unter rund 131.000 Studierenden im Alter zwischen 20 bis 34 Jahren. Um zu beweisen, dass überlastete Bachelors keine Einzelfälle sind, hat außerdem eine studentische Gruppe an der Humboldt-Universität Berlin mehr als 2000 Studenten befragt. Etwa die Hälfte der Bachelor-Studenten investiert wöchentlich 40 oder mehr Stunden in ihr Studium, jeder Zehnte gab an, 50 Wochenstunden über Seminararbeiten oder in Lehrveranstaltungen zu sitzen. Die Generation Bachelor hat anscheinend ein sehr hohes Leistungsideal verinnerlicht und will dies um jeden Preis erfüllen. Dabei überfordern sich viele. Wenn es gut läuft, suchen sie sich rechtzeitig Hilfe.

Zum Beispiel bei den 44 von insgesamt 58 Studentenwerken in Deutschland, die eine psychologische Beratung anbieten. Die Nachfrage steigt kontinuierlich: Bundesweit haben die Beratung rund 80.000 Studierende im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. "Das ist ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr", sagt Meyer auf der Heyde. Prüfungsangst, Stresssymptome, Schlafstörungen, Leistungsdruck, Versagensängste, depressive Krisen: was auch unter dem Begriff Bacheloritis zusammengefasst wird, ist den Beratern nicht neu (siehe Interview). Die Wurzel des Übels sei falsches oder gar kein Zeitmanagement, sagt Meyer auf der Heide. Häufig würden die Gestressten zudem allein lernen, statt sich in Lerngruppen zu engagieren. "Dabei wäre das auch ein guter Weg aus der Einsamkeit."

Geldsorgen sind ein Hauptfaktor


Für 40 Prozent der Hochschüler ist außerdem die Studienfinanzierung unsicher, zwei Drittel müssen nebenher jobben. "Jede Stunde, die Studierende im Nebenjob verbringen, geht zur Hälfte zu Lasten der Freizeit und zur anderen Hälfte zu Lasten des Studiums", sagt Meyer auf der Heyde. Nach einer Online-Umfrage der StZ finden 53,8 Prozent der User, dass den Studierenden kaum mehr Freizeit bleibt.

Ein weiteres Problem: viele Studierende wollen Schulden vermeiden und leben von der Unterstützung durch die Eltern. "Dadurch entsteht eine stärkere Bindung an das Elternhaus, was den Ablöseprozess erschwert", sagt Meyer auf der Heyde. Jeder dritte Student denkt einer Allensbach-Studie zufolge über einen Abbruch nach. Dreiviertel der Befragten geben finanziellen Druck als Grund an.

Dorothee Beck weiß, wie schlimm dieser Leidensdruck werden kann. Lange war sie Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit. Heute bietet sie am Institut für Berufs- und Lebensgestaltung in Stuttgart eine Beratung für Jugendliche bei der Berufswahl und Studierende in der Krise an. "Es gibt wenig Entscheidungen, die so emotionsgeladen sind wie die Berufs- oder Studienfachwahl", sagt sie. Schließlich verrate man damit viel über seine Persönlichkeit. Stimmen dann der Anspruch und die Realität nicht überein, kann es zu heftigen Krisen kommen.

So war das auch bei Anna aus München. Sie wird jetzt das Fach wechseln und Sozialpädagogik studieren. "Auch wenn viele Kommilitonen die Perfektionisten heraushängen lassen: Ein Fachwechsel ist kein Beinbruch. Entscheidungen, die man mit 19 traf, müssen eben manchmal revidiert werden", sagt Anna.

Die beste Nachricht für alle, die sich durch ein Studium beißen: Akademiker haben immer noch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Nichtakademiker. Trotz Wirtschaftskrise.


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